Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 02/2008 Februar - 04.02.2008   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Was für den Gottesdienst wesentlich ist

Elemente und Elementares

Was macht einen Gottesdienst zum Gottesdienst? Gehören bestimmte Elemente zu einem Gottesdienst einfach dazu oder kann er jeden Sonntag immer wieder neu erfunden werden?

Von Walter Wilhelm

Verstehen, woher wir kommen
- ein Blick in die Schrift:

Die Wurzel der christlichen Gottesdienste liegt im jüdischen Synagogengottesdienst. Dort wurde die Schrift vorgelesen und gelehrt (vgl. Lk 4,14-22). Die ersten christlichen Gemeinden haben daran angeknüpft. Sie versammelten sich nun im Namen des auferstandenen Herrn. Zu den vorgelesenen Schriften kamen Briefe des Apostels Paulus hinzu. Die Gottesdienste sind mit der Feier des Abendmahls verbunden worden (1.Kor.11,17-34). Gebete, Lieder und gegenseitige Stärkung im Glauben gehörten dazu (Kol.3,16-17). Die Gemeinde in Korinth pflegte im Gottesdienst bestimmte Geistesgaben (1.Kor.14,26-40).
In der biblischen Überlieferung fehlen allerdings Darstellungen ganzer Gottesdienste. Wir wissen nicht, wie damals Gottesdienste genau ausgesehen haben. Aber die an einer gottesdienstlichen Praxis orientierte Sprache vieler Bibelstellen ist unverkennbar, wo Menschen beten, wo Lebensklage laut wird und wo das Lob des Schöpfers und die Hoffnung auf den erlösenden Gott erklingen. Muster dafür sind die Psalmen und hymnische Texte in der Briefliteratur des Neuen Testamentes.

- erhellt durch die Tradition:
In der sich herausbildenden katholischen Kirche wurde die Feier des Abendmahls als Messfeier zur bestimmenden Grösse. Die Kirchen der Reformation haben durch die neue Betonung der Schrift und ihrer Auslegung das Wort in die Mitte des Gottesdienstes gestellt. Das hat bis in die Sprache hinein gewirkt, wenn Menschen in Teilen der Schweiz sagen "mir göhn z'Predigt".
Der frühe Methodismus wiederum hat alle Mitglieder zur regelmässigen Feier des Gottesdienstes mit Abendmahl in der anglikanischen Kirche angehalten. Daneben fanden gottesdienstliche Versammlungen zur Glaubensvertiefung, Gemeinschaftspflege oder mit evangelistischer Ausrichtung statt. Der Volksmund sagte dazu oft "d'Stund" und nannte die Teilnehmenden "Stündeler".
In Kontinentaleuropa hat der Methodismus sich meist an die vorherrschende Gottesdienstform der jeweiligen evangelischen Landeskirche angelehnt. In der Schweiz war das die nüchterne Gottesdienstform der ev.-ref. Kirche mit der Schrift im Zentrum, umrahmt von Gebeten und Liedern. In den letzten 10-20 Jahren ist das Bedürfnis stärker geworden, diese Form aufzubrechen und etwa Lobpreis und Anbetung mit dem Singen von mehreren Liedern als einem eigentlichen Lobpreisteil zu stärken.
Heute ist feststellbar: In den verschiedenen Kirchen gibt es in den grundlegenden Inhalten und Elementen des Gottesdienstes grosse Ähnlichkeiten - trotz aller Unterschiede in ihrer konkreten Ausgestaltung. Wir finden überall das Zusammenkommen im Namen des dreieinigen Gottes, das Lesen der Schrift, das Gebet, die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus, Lieder und Musik, rituelle Handlungen wie Taufe und Abendmahl, die Anrufung und Segnung im Namen des dreieinigen Gottes.
Wir dürfen uns über diese Wesensverwandtschaft beim Gottesdienst freuen und sie als Ausdruck der gemeinsamen Christuszugehörigkeit wahrnehmen. Der Gottesdienst muss damit auch nicht immer neu erfunden werden. Seine inhaltliche Substanz und Grundform ist im Prinzip vorgegeben und wiederholbar, aber in der konkreten Ausgestaltung immer wieder neu veränderbar und wandelbar. Das eine schützt ihn vor übertriebener Experimentier- und Individualisierungsfreude einzelner, das andere vor unverrückbarer Zementierung anderer.

Wo wir stehen
- in persönlicher Erfahrung zum Leben erweckt:

Der Methodismus versteht die gottesdienstliche Feier als ein Mittel, durch das Gottes Gnade persönlich erfahrbar ist. Jede und jeder von uns hat diese Erfahrung mit je eigenen liturgischen Stilen und Formen gemacht. Daher haben wir unsere Vorlieben, was die "Rubriken", den Stil und die Musik im Gottesdienst anbetrifft. Ich sage dazu: Über Geschmack und persönliche Vorlieben bezüglich Stilfragen streite ich nicht. Die eine Form entspricht einfach der Art und Gewohnheit, in denen die einen Menschen Gott erfahren haben. Anderes entspricht dem eher nicht. Ich plädiere daher bei Stilfragen für ein gemeinsames Feiern, welches sich bewusst ist, dass Gott in und mit den verschiedenen Stilen wirkt und uns verschiedenartige Menschen berührt und prägt.
Wenn mir ein bestimmter Stil gefällt heisst das allerdings noch lange nicht, dass Gott mich darin auch anspricht. "Es" gefällt mir dann einfach, und der Gottesdienst war vielleicht ein gutes Konzert, ein tolles Theater oder ein guter Vortrag, aber nicht zwingend ein Ort, an dem ich Gottes Dienst an mir erfahren habe und mich ihm hingebe. Nur bin ich in der Regel dort offener, mich für Gottes Wirken offen zu halten, wo ich mich vom Stil her zuhause fühle. Gott wirkt jedoch auch dort, wo mir etwas vom Stil her fremd ist. Die Sehnsucht, dass Gott mich anrührt, kann ich darum in jeden Gottesdienst als Grundhaltung mitnehmen.

- mit Hilfe des Verstandes gefestigt:
Überall wird deutlich: Beim Gottesdienst dient Gott uns. Er ist Gastgeber und Hausherr. Uns empfängt bei seinem Fest seine Güte, Liebe und seine unvergleichliche Gnade. Davon beschenkt gibt mir der Gottesdienst Raum, Gott zu dienen: mich über Gott zu freuen, ihn zu loben, ihn mit meinem Seufzen zu konfrontieren, sein Wort zu hören, zu erwarten, mich an ihm auszurichten und mich in meinem Leben mit meiner Antwort ihm und meinen Mitmenschen hinzugeben.

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