Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 11/2007 November - 12.11.2007   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Mit den Erinnerungen an liebe Menschen leben

Trauerwege

Ganz unterschiedliche Erfahrungen von Verlust, Trennung und Abschied lösen Trauer aus. Tief reicht die Trauer beim Tod eines nahestehenden Menschen. Willi Jauch gibt sehr persönliche Einblicke in seine Wege, mit der Trauer unterwegs zu sein.

Von Willi Jauch

Von unserer Tochter konnten wir uns nicht verabschieden. Sie lag im Koma. Wir sprachen ihr gute Worte zu, zeigten ihr unsere Bestürzung, streichelten sie, beteten und segneten sie. Aber von ihr kam nichts zurück: nicht das leiseste Zucken eines Fingers, kein Druck der Hand, kein leises Lächeln, kein Blick. Wir weinten miteinander. Wir weinten vor anderen. Wir waren keine Glaubenshelden. Manchen tat es gut, ihre Tränen auch nicht verbergen zu müssen. Andere fanden es nicht so angebracht, sich so gehen zu lassen. Zum Trauerweg gehört, dass jedes seinen ganz eigenen geht und sein eigenes Schrittmass hat.

Abschied von der Ehefrau
Ganz anders verlief der Abschiedsweg mit meiner Frau. Etwa drei Jahre dauerte er bis zum endgültigen Abschied. Es ging von einer Operation, Chemotherapie und Rehabilitationsmassnahme zur nächsten. Anfangs machten wir noch kleine Wanderungen, dann Spaziergänge, dann nur noch kurze Wege. Schliesslich waren auch die nicht mehr möglich. Jeder Tag hatte sein eigenes Gesicht. Wir redeten und schwiegen miteinander, hörten Musik, freuten uns über Kleinigkeiten und, wenn es uns darum war, weinten wir miteinander. An Gott hatten wir die eine Bitte: Hilf uns, jeden Tag so zu nehmen, wie er aus deiner Hand auf uns zukommt. Sei du mit dabei und mach uns dankbar für Genesung oder Heimgang.

Rituale gestalten
Die Trauer um liebe Menschen geht bis zum Lebensende mit mir. Sie ändert sich, bekommt eine andere Farbe, fühlt sich anders an, tut nicht mehr so weh. Voraussetzung dafür ist, auf dem Weg nicht stehen zu bleiben. Erinnerungen, die anfangs noch schmerzten, helfen auf einmal, einen «Trauertag» zu gestalten und besser zu durchleben. Jeden Morgen entzünde ich eine Kerze neben den Bildern meiner Vorausgegangenen. Sie brennt bis nach der Andacht. Wenn sich jetzt die Blätter färben, werde ich dann und wann einen Herbststrauss auf den Tisch stellen, wie es meine Frau getan hat. Manchmal schaue ich mir ein paar Bilder an und rufe Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes zurück. Dann schicke ich ein paar freundliche Gedanken meinen Lieben zu, und sollten wieder ein paar Tränen kommen, lasse sich sie einfach zu.

Das eigene Schrittmass finden
Anfangs tat es mir gut, an den Gräbern zu stehen, den Gedanken ihren Lauf zu lassen und ein Gebet zu sprechen. Auch Gespräche mit verständnisvollen Leuten taten wohl. Dazu gehören die Gespräche in der Hospizgruppe zur Ausarbeitung der Erlebnisse bei der Begleitung Schwerstkranker und Sterbender - und dann natürlich der Kontakt mit den verbliebenen Kindern und Enkeln. Wenn die Sehnsucht ganz gross wird, lege ich die schönen Bachchoräle auf, die meine Frau und ich bei ihrem Abscheiden zusammen hörten. Jedes findet seine eigenen Rituale und Gepflogenheiten. So wie jeder Wanderer seinen eigenen Schritt hat, seine eigene Art zu atmen, zu pausieren und sich an der Landschaft und dem Himmel darüber zu freuen. Und warum sollte man nicht dankbar sein dem, der uns beide in seinen Händen birgt, die Gegangenen und die Gebliebenen, sollte sich nicht freuen an dem, was war, was ist und was sein wird?

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