Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 03/2007 März - 16.03.2007   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Als Christin im Parlament

Respekt vor den Lebenden und den Toten

In Weinfelden wird über ein Grabfeld für Muslime auf dem Friedhof diskutiert. Von christlicher und muslimischer Seite sind dafür Zugeständnisse nötig. Für politisch engagierte Christinnen bedeutet das eine Gratwanderung.

von Brigitte Hugentobler

Zweimal im Jahr werden dem Parlament Einbürgerungsgesuche vorgelegt. Ein Grossteil der Gesuchsteller sind zur Zeit Personen aus dem Balkan, die meist dem Islam angehören. Die Religionszugehörigkeit führt oft zu Diskussionen, die aber überflüssig sind. Durch die Religionsfreiheit in der Schweiz ist die Religionszugehörigkeit kein Kriterium, um ein solches Gesuch abzulehnen.
Als Folge dieser Einbürgerungen gibt es immer mehr Schweizer, die Muslime sind. Oft möchten sich diese Personen im Todesfall auch in der Schweiz beerdigen lassen. Die Schweizer Friedhöfe verfügen meist jedoch nicht über Gräber, wie sie im Islam üblich sind - auch in Weinfelden nicht. Im Rahmen einer Friedhofsanierung schlägt nun der Gemeinderat dem Parlament als Lösung innerhalb des Friedhofs ein separates Grabfeld für Muslime vor.

Religionsfreiheit für die Toten
Um die Vorlage des Gemeinderates zu prüfen, hat das Parlament eine Kommission gebildet, in der ich Einsitz habe. Zu einer Sitzung wurde ein Vertreter der "Islamischen Bewegung in der Schweiz" eingeladen. Mir ist in dieser Sitzung vieles verständlicher geworden: Den Muslimen ist klar, dass sie sich an die politischen Gegebenheiten der Schweiz halten müssen. Dazu gehört auch die Bestattung. Jeder Schweizer kann frei nach seiner Lebensgrundhaltung bestimmen, wie er bestattet werden möchte. So wünschen sich auch Muslime Respekt gegenüber ihren Glaubenstraditionen. Es ist ihnen bewusst, dass sie nicht die gleichen Bestattungsrituale wie in ihrem Heimatland fordern können. Trotzdem möchten sie ihre Traditonen in minimaler Form respektieren können: die Gräber sollten nach Mekka ausgerichtet und so lang sein, dass der Gehweg nicht über den Sarg führt, der unter der Erde liegt. Deshalb ist es nötig einen Teil des Friedhofs für Muslime zu gestalten.

Bedenken bei den Lebenden
Glaubensschwestern und -brüder halten mir entgegen, dass in islamischen Ländern Christen verfolgt und diskriminiert würden. Solange das so sei, hätten Muslime in unserem Land kein Recht auf Spezialwünsche - auch nicht für eine Bestattung. Ist das wirklich ein Argument, das uns weiter bringt? Sollten wir Christen nach dem Motto "Wie du mir so ich dir" leben? Persönlich habe ich von Jesus gelernt, dem Mitmenschen respektvoll zu begegnen. Gilt das bei einem minimalen Zugeständnis an Muslime in der Schweiz, in dem wir die Spielregeln festsetzen, nicht auch? Ich bin gespannt wie es weiter geht.

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