Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 02/2007 Februar - 13.02.2007   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Wenn die Form nicht zum Inhalt passt

Jesus sprengt den Rahmen

Fromme Traditionen stellt Jesus radikal in Frage. Das verunsichert und führt zu Diskussionen. Klar ist: Wer Jesus nachfolgt, lässt sich ganz auf das Neue ein - ohne Netz und doppelten Boden.

von Sr. Christa Frey

Jesus ist mit seinen Nachfolgern und Nachfolgerinnen unterwegs. Er heilt Kranke, spricht über Gesetz und Vollmacht, beruft den Zöllner Levi in seine Nachfolge und isst gemeinsam mit stadtbekannten Sündern. Das alles kann den Pharisäern nicht gleichgültig sein. Sie suchen das Gespräch mit Jesus - vielleicht auch die Auseinandersetzung - und fragen ihn, wie er und seine Jünger ihren Glauben leben wollen. Alle wirklich frommen Menschen halten sich an den Brauch, regelmässig zu fasten. Nur Jesus und seine Jünger nicht.
Jesus sagt nichts gegen das Fasten an sich. Aber so, wie das Fasten von den Pharisäern geübt wird, ist es Unsinn. Es ist genau so unsinnig, wie wenn man ein neues Kleid zerschneiden würde, um mit den Fetzen ein altes Kleid zu flicken. "Euer Fasten passt nicht zu der Botschaft, die ich euch bringe."

Nicht aus der Welt fliehen
Religion leitet uns oft an, Irdisches so gut als möglich abzustreifen, um das Himmlische zu gewinnen. So kennt jede Religion auch die Praxis des Fastens und das beinhaltet eine gewisse Abkehr von der Welt. Wir brauchen jedoch das Irdische nicht abzustreifen. Gott kommt in die Welt! Das gehört zum Neuen, das Jesus verständlich machen will. Dazu ist er in die Welt gekommen, damit wir das glauben und verstehen können: Gott lebt bei uns. Jesus sieht sich und die Menschen in einer unauflöslichen Gemeinschaft mit Gott, weil er ja die Kluft aufhebt, die sich zwischen Mensch und Gott aufgetan hat.

Ich kenne sie auch, die Sehnsucht, Gott auf besondere Art zu erleben. Wir suchen vielleicht die Stille, gehen in Retraite, belegen einen Fasten-Kurs - und manchmal erleben wir Gott da ganz nah. Fasten kann heute aber auch ganz anders aussehen, als es während langer Zeit geübt wurde. Wenn wir fasten, verzichten wir auf das, was uns von Gott ablenken oder trennen will, aufs etwa Fernsehen, auf den Computer oder auf den Konsumrausch.
Die Gefahr ist gross, dass uns die Formen, in denen wir unseren Glauben leben, wichtiger werden als der Inhalt. "Das ist so unsinnig, wie wenn man neuen Wein in alte Schläuche füllen würde und so dumm wie die Hausfrau, die ein neues Kleid zerstört, um ein altes zu flicken", sagt Jesus. "Die Botschaft, die ich euch bringe, sprengt alle Formen, in die hinein ihr sie sperren wollt."

Den neuen Wegen vertrauen
Weiss Jesus, wie schwierig es ist, ganz beim Neuen zu bleiben? Vergleicht er darum unser Verhalten mit dem des Weinkenners, der den alten Wein wählt, weil der besser sei als der Neue? Oder kennt Lukas - der als einziger Evangelist das Beispiel des Weinkenners erzählt - Menschen und ganze Gemeinden, die sich überzeugen lassen, Altes, Gesetzliches zu leben? Sie wagen es nicht, ganz der befreienden Botschaft Jesu zu trauen. Sie meinen, "auf Nummer Sicher" zu gehen, wenn sie die alten Gesetze einhalten.
Können wir ganz der Botschaft Jesu vertrauen? Oder meinen wir, dass wir sie durch unsere Formen gelebten Glaubens schützen müssen? Schützen wir sie - oder engen wir sie ein? Die Gute Nachricht hat ihre Lebenskraft in sich. Wir entdecken sie wieder neu, wenn wir sie sprudeln und gären lassen.

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