Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche + Welt - Nr. 17/2006 Oktober - 13.10.2006   Zurück zur Übersicht   Kirche + Welt abonnieren

Israel: Es gäbe einen Weg!

„Israel und die Christen“ – das Thema reizt zu Diskussionen. Das hängt mit vielem zusammen: Mit der Bibel, dem 2. Weltkrieg, der Enttäuschung, dass das „auserwählte Volk“ sich Christus nicht zugewandt hat. Die Frage bleibt schwierig – aber nicht unlösbar

Von Dr. Christoph Schluep-Meier, Pfarrer EMK Zürich 4

Israel-Kalender, Israel-Reisen, Israel-Gebetstreffen: Israel ist bei den ChristInnen und in den Gemeinden ständig präsent. Ebeso aber auch die Diskussion über seine Bedeutung, die kontrovers geführt wird wie kaum ein Thema. Zuviel ist dabei mit im Spiel, als dass eine Lösung in Sichtweite wäre. Kann man bei dieser Problemdichte überhaupt noch auf eine Antwort hoffen? Am ehesten wohl, wenn man sich auf ein paar wenige Aspkete beschränkt.

Israel als Staat: Nein!

Das heutige Israel versteht sich als demokratisch-souveränen Staat, gleich allen anderen Ländern der Region oder auch Europas und Amerikas. 1948 per Dekret aus dem britischen Protektorat Palästina geschaffen, war die Staatenbildung die Lösung der zionistischen Frage und die zumindest teilweise die Wiedergutmachung der Schuld, die die Völkergemeinschaft im Zweiten Weltkrieg auf sich geladen hat. Die Staatsgründung ist also eine wesentlich politische Entscheidung, und keine religiöse. Der Staat Israel steht zwar auf dem gleichen Land, nicht aber auf dem gleichen Fundament wie das Reich der biblischen Könige. Das vertreten sogar die orthodoxen Juden, indem sie den Staat Israel nicht als Erfüllung der messianischen Hoffnung nach Wiederherstellung anerkennen. Israel soll und muss als Staat wie jeder andere beurteilt werden, und dies fällt nicht besonders schwer angesichts der vielen Kriege, defensiver oder aggressiver Natur wie z.B. der letzte im Libanon, angesichts der Unterdrückung des palästinensischen Volkes, so aggressiv dieses auch sein mag, angesichts der Ausgrenzung ganzer Landstriche und Bevölkerungsteile durch eine Mauer à la Berlin, angesichts des rücksichtslosen Vorgehens gegen steineschleudernde Demonstranten und angesichts der Hunderten von politischen Gefangenen, die z.T. ohne fairen Prozess in den übervollen Gefängnissen schmachten. Dieses Land befindet sich in permanentem Kriegszustand, es missachtet die grundlegendsten Menschen- und Völkerrechte, es ignoriert wichtige Uno-Resolutionen, es besetzt eroberte Gebiete, die ihm nicht gehören. Kurz und bündig: Dieses Land geht nicht den Weg der Völkergemeinschaft, es geht auch nicht den Weg Gottes. Denn Gott ist ein Gott des Friedens und des Teilens, nicht des Mordens und des Besetzens. Kriege sind immer eine Katastrophe, und wenn die Sieger sich augrund einer willkürlich gepflückten Bibelstelle auf der Seite Gottes wähnen, dann ist das nichts als eine billige und falsche Legitimation dieser Katastrophe. Dies sollte man aus dem Neuen Testament gelernt haben. Damit ist nicht gesagt, dass es die anderen Staaten besser machen. Damit ist nur gesagt, dass ein solcher Staat für uns ChristInnen keine grössere politische Bedeutung hat als irgend ein anderer Staat.

Israel als Volk: Nicht mehr als andere

Wenn es im Staat fault, muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass auch das Volk den falschen Weg geht. Das Alte Testament bezeichnet Israel mehrmals und ausdrücklich als das auserwählte Volk – von Gott geliebt und besonders beachtet im Gewimmel aller anderen. Gilt das auch heute noch? Haben die Christen recht, wenn sie dem Volk Israel eine besondere Erwählung zugestehen und Grosses von seiner Zukunft erwarten? Eine wichtige Fragen, auf die es eine Antwort gibt: Das Matthäus-Evangelium. Matthäus ist der einflussreichste Evangelist, der wie kein anderer die Kirche geprägt hat: Denken wir an die Kindheitsgeschichten Jesu, die vielen Gleichnisse, die Bergpredigt, das Unservater, den Missionsauftrag. Und was meint Matthäus zur Frage Israels? Zwei Geschichten am Anfang und am Schluss sprechen Bände: Niemand von den Grossen und Wichtigen des Landes und des Volkes erkennt das Jesuskind, nur die drei Magier aus dem heidnischen Ausland (d.h. ursprünglich persische Priester): Sie verehren den, der die Welt retten wird. Hier treten zum ersten Mal die Völker im Gegenüber zum einen, auserwählten Volk auf: Wenn Israel den Messias nicht erkennt, dann schickt Gott eben Ausländer, sogenannt „Ungläubige“ (vgl. Mt 2). Und am Ende des Evangeliums befiehlt der Auferstandene den elf Jüngern, hinauszugehen und alle Völker zu taufen und zu Jüngern zu machen (Mt 28,18ff). Auch hier ist interessant: Das Volk Israel wird nicht erwähnt, sondern allein die Völker. Dabei wäre es nicht fair, Matthäus mangelndes Geschichtsbewusstsein oder latenten Antijudaismus vorzuwerfen, denn er ist unter den Evangelisten der Schriftgelehrte, dem die Vernetzung des Lebens Jesu mit dem Alten Testament und den jüdische Bräuchen besonders wichtig ist. Der ausschlaggebende Punkt ist ein anderer: Mit Jesus ist die Erwählung des einen Volkes auf alle Völker übergegangen. Mit anderen Worten: So, wie Gott sich im AT dem einen Volk zugewandt hat, so wendet er sich in Jesus allen Völkern zu. Nicht, dass seine Liebe zu Israel abgenommen hätte, aber seine Liebe zu den anderen Völkern hat zugenommen. Israel bleibt auserwählt – und alle anderen auch.

Israel als Lebensweise: Am Ende!

Womit hat diese Allerwählung zu tun? Weshalb weitet Gott seinen Blick? Gott hat in und mit Jesus Fuss gefasst in Israel, aber er ist nicht nur für Israel gekommen. Spätestens mit der Auferweckung ist klar geworden: Dieser Eine hat universelle Bedeutung. Wenn einer die Pforten der Hölle und des Todes aufgebrochen hat und für immer offen lässt, dann kann dies nicht nur für ein einziges Volk gelten. Wenn Jesus lebt, obwohl ihn das Gesetz des Alten Testaments zum Tode verurteilt, dann ist etwas radikal Neues passiert. Und dieses Neue heisst: Gnade und Glaube. So argumentiert der Karrierepharisäer Paulus, der das neue Zeitalter bei seinem Sturz vom hohen Ross am eigenen Leib erfahren hat (vgl. Gal 1&2). Wenn Jesus lebt, dann hat das Gesetz nicht Recht, und dann ist auch dessen Forderung nach Werken überholt. Wenn Gott in den Tod geht, um den Seinen ihre Sünden zu vergeben, dann gibt es gar nichts mehr, was der Mensch tun könnte, um diesen Gnadenakt aufzuwiegen. Dann gilt vor Gott nur noch, was Gott selbst macht: Nämlich der Glaube daran, dass Jesus den Menschen liebt, wie er ist. Alles andere ist überflüssig, mehr noch: Es ist sinnlos, überholt, keine Alternative, kurz: Am Ende (so Paulus in Römer 10,4)! Es gibt nicht Glauben oder die perfekte Erfüllung des Gesetzes, es gibt nicht den christlichen Weg oder den jüdischen Weg, es gibt nur den einen Weg, den Gott selbst eingeschlagen hat: Das Vertrauen darauf, dass er allein für unser Seelenheil Verantwortung übernimmt. Mit anderen Worten: Den Glauben an die liebevolle Gnade Gottes in Jesus Christus. Das ist das einzige Kriterium, und nur daran entscheidet sich, ob der Weg eines Volkes oder eines Menschen richtig ist.

Israel als Kirche: die grosse Hoffnung

Ist Israel also hoffnungslos verloren? Von Gott verlassen und hintangestellt in der Reihe der Völker, die er erwählt hat? Sicher nicht! Immerhin war Jesus selbst Jude, und Gott hat dieses eine Volk gewählt, Heimat des Messias zu werden. Am Ende allerdings ist der jüdische Weg, also seine Lebensweise im Versuch, das Gesetz zu erfüllen. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater ausser durch mich“, sagt Jesus im Johannes-Evangelium (Joh 14,6), und diese Aussage lässt keine weiteren Zweifel über allfällige Alternativen zu. Dieser eine Weg steht allerdings allen Völkern und allen Menschen offen, unabhängig ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart. Es zählt einzig ihre Zukunft, hier entscheidet sich allein, wer an der Heilsgeschichte teilhat. Wer jedoch diesen Weg geht, der bricht mit seiner Vergangenheit: Wer Christ oder Christin wird, wer sein Leben vom Christus getragen sein lässt, dessen Identität wird ganz von ihm bestimmt. Es ist darum sinnlos und geradezu falsch, von „Heidenchristen“ oder „Judenchristen“ zu sprechen, und ebenso sinnlos ist die Bezeichnung „messianische Juden“, denn wer sich zum Messias zählt, ist kein Jude mehr, sondern eben Christ. Wer dem neuen Zeitalter angehören will, sich aber noch immer auf die Vergangenheit beruft und ihr Tribut zollt, pflügt seinen Acker mit abgewandtem Gesicht, und das endet in der Regel schief. Eine Bedeutung für uns ChristInnen kann Israel nur dann wieder gewinnen, wenn es Teil der weltweiten Kirche wird, als Brüder und Schwestern, die einen langen Weg seit der Berufung Abrahams zurückgelegt haben und in Christus an ihr Ziel gelangt sind. Dann wäre Wurzel und Ast, Anfang und Vollendung wieder vereint. Auf diesen Tag warten wir, wie wir auch auf alle anderen Menschen und Völker warten. Der Eintritt Israels in die Kirche wäre zwar nichts anderes als der irgend eines Volkes, aber vielleicht trotzdem eine besondere Freudenträne wert.

Der obenstehende Artikel findet sich in der neusten Ausgabe von
kirche+welt unter der Rubrik "Kontrovers".

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Auch in der neusten Ausgabe:

- Bischof Patrick Streiff: Keine Angst!
- Robert Seitz: Keine Abkürzungen zu Gott!
- Markus da Rugna: Keine Ohrfeige für Frauen!

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