Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 19/2006 November - 23.11.2006   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Nun ist sie da: 15 x 22 x 6 cm gross, 1628 Gramm schwer und 2400 Seiten Umfang: Die Bibel in gerechter Sprache.

„Ich lege euch das heute so aus...“

von Jeannette Kasper-Reber

Die neue Bibelübersetzung ist weder eine Auftragsarbeit einer Institution noch eines Bibelwerks, noch einer Stiftung. Sie ist ein unabhängiges Basisprojekt, dessen Wurzel in der Kirchentagsbewegung zu finden ist. In fünf Jahren haben 52 Übersetzerinnen und Übersetzer in ehrenamtlicher Arbeit die Bibel vollständig neu übersetzt. Interessant ist, dass alle am Projekt Interessierten die Möglichkeit hatten, sich vor der offiziellen Veröffentlichung an der Erprobung von Übersetzungen zu beteiligen, was rege benutzt worden war.

Wozu eine neue Übersetzung? Und was heisst „gerechter Sprache“? Gerecht heisst in diesem Fall nicht, dass alle bisherigen Bibelübersetzungen ungerecht sind. Mit Bibel in gerechter Sprache ziehen die Übersetzenden das Thema Gerechtigkeit, ein in der Bibel zentrales Thema, weiter.

Geschwister statt Brüder

In 1Ko 2,1 schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth: „Als ich zu euch kam, Brüder, kam ich nicht, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen...“ In der neuen Übersetzung wird die gleiche Stelle so übersetzt: „Als ich zu euch kam, Geschwister, war auch ich kein Ausbund von Beredsamkeit oder Weisheit...“ Überall, wo männliche Begriffe auch Frauen einschliessen, bringt dies die Bibel in gerechter Sprache zum Ausdruck. Hiess es bisher: „und jeder, der lebt und an mich glaubt“ (Joh 11,26), heisst es neu: „Alle, die an mich glauben“. Frauen mitzunennen, wo sie tatsächlich mitgemeint sind oder mitgemeint sein können wird in der neuen Übersetzung konsequent durchgezogen. Dies gilt für Volksgruppen wie Juden und Jüdinnen, aber auch für Propheten und Prophetinnen, Pharisäer und Pharisäerinnen, Jünger und Jüngerinnen, Apostel und Apostelinnen usw. In Römer 17,7 wird aus dem Junias wieder eine Junia. Aus der Apostelgeschichte wird das Buch „Über die Zeit der Apostelinnen und Apostel. Alle, die glauben, dass in der neuen Übersetzung die Frau in der Kirche nicht mehr schweigt (1Ko 14,34), wird enttäuscht. Sie schweigt weiterhin.

Ich-bin-da

Eine Besonderheit der Bibel in gerechter Sprache ist die Wiedergabe des Gottesnamens. Gott hat in der Bibel einen Eigennamen, der im Alten Testament mit den vier Konsonanten j-h-w-h („Jahwe“) wiedergegeben wird. Aus Ehrfurcht vor der Unfassbarkeit Gottes wurde der Eigenname nie ausgesprochen, sondern umschrieben: Im Hebräischen oft mit Adonaj und im Griechischen mit kyrios. Dass Gott einen Eigennamen hat und dass dieser unaussprechbar ist, wird in der neuen Übersetzung berücksichtigt. Es stehen eine ganze Reihe verschiedener Namen zur Verfügung wie z.B.: Adonaj, der Ewige, die Lebendige, der Name, Ich-bin-da, der Heilige, Sie-Er usw. Dass sowohl männliche wie auch weibliche Formen verwendet werden, zeigt, dass Gott „jenseits der Geschlechterpolarität steht“, wie es im Vorwort der neuen Übersetzung heisst. Belegt ist dies z.B. in Gen 1,27, wo Mann und Frau zusammen als Abbild Gottes bezeichnet werden. Auch Jes 66,13 gibt einen Hinweis: Dort wird Gott mit einer Mutter verglichen.

Ich lege euch das so aus

„Ich aber sage euch...“ Wer kennt sie nicht, diese sogenannten „Antithesen“ aus der Bergpredigt (Mt 5,21-48), die „als eine Wendung gegen die jüdische Tradition verstanden werden muss“ (aus dem Vorwort der neuen Übersetzung). Die Wendung „Ich aber sage euch“ war bei den Rabbinern zur Zeit Jesu eine oft verwendete Formel, bei der es nicht um eine Antithese ging. In der Bibel in gerechter Sprache wird diese sachgemäss mit „Ich lege euch das heute so aus“ wiedergegeben, die eigentlich „Kommentarworte“ zur Tora einleiten. Überhaupt wird, wo das Neue Testament von Juden redet, auf das Verbindende grossen Wert gelegt. Wenn in gängigen Übersetzungen, z.B. in Joh 2,18 „die Juden“ als Gegner Jesu bezeichnet werden, so ist es in Bibel in gerechter Sprache „die jüdische Obrigkeit“. Nicht nur Jesus war Jude mit jüdischem Hintergrund, auch Johannes der Täufer war Jude. Dies wird in der neuen Übersetzung ebenfalls sichtbar gemacht: „Dies ist das Zeugnis des Juden Johannes“, steht in Joh 1,19. Dass Jesus und seine Jüngerinnen- und Jüngerschaft waren stark in der jüdischen Tradition verwurzelt waren, wird in der neuen Übersetzung nicht nur mit vielen zusätzlichen Informationen zum Ausdruck gebracht, sondern auch damit, dass sämtliche Zitate aus dem Alten Testament kursiv gedruckt sind.

Manche Stellen in der Bibel in gerechter Sprache werden mit Sicherheit zu Diskussionen und Kritik Anlass geben. Und das ist gut so, denn so kommt das Buch der Bücher wenigstens wieder einmal so richtig ins Gespräch. Interessierte Leserinnen und Leser werden die Bibel neu oder wieder entdecken, auch wenn sie sich beim Lesen neu orientieren müssen. Es fehlen nämlich die uns vertrauten Überschriften. Mit Bibel in gerechter Sprache kommt neuer Schwung in die Bibellandschaft, die das ohne weiteres verkraften kann.

Die obenstehenden beiden Artikel findet sich in der neusten Ausgabe von kirche+welt unter der Rubrik "Thema".
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Auch in der neusten Ausgabe:

- Kontrovers: Christen an die Volksschule!
- Bond-Film: In gerechter Mission
- Bolivien: Für gerechte Ausbildung

Links:

Website zur Bibel in gerechter Sprache

Informationsabend am Theologischen Seminar in Reutlingen zur Bibel in gerechter Sprache

Veranstaltungen in der Schweiz zur Bibel in gerechter Sprache (pdf-Dokument)



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