Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 18/2006 November - 02.11.2006   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Eigentlich sprechen wir Christen ja nicht über Sex, jedenfalls nicht in der Kirche. Sonst aber eigentlich schon, lauthals oder unter vorgehaltener Hand. Aber ein solches Doppelleben macht selten glücklich. Sprechen wir also von Sex in kirche+welt.

Wer will, muss verzichten!

von Christoph Schluep-Meier

Jetzt, wo der Sommer vorbei ist, scheint sich die Lage beruhigt zu haben, aber der Schein trügt: Es ist nur an der Oberfläche ruhig. Denn Tatsache ist, dass wir in einer völlig übersexualisierten Welt leben. Wir können kaum mehr nach Mitternacht fernsehen, eine Zeitschrift im Kiosk suchen oder in einer Apotheke ein Pflaster kaufen, ohne dass uns nackte Tatschen in die Augen springen, und sollten sie auch nur für eine Zellulitiscrème werben.

Sex sells

„Sex sells“, sagt die Werbebranche: Sex verkauft sich gut, und ein einziger Blick aus dem Fenster in die Welt hinein bestätigt das. Krankenkassen werben mit halbnackten Pärchen, Kleiderhersteller mit fastnackten, jungen Frauen mit verzückten Augen, und selbst am Salon in Genf müssen sich 18jährige Mädchen im Bikini um Autos räkeln, damit niemand merkt, dass die 06er Serie genau so aussieht wie die 05er. Gäbe es keine bessere Art, seine Sexualität zu leben als nur so primitiv genitalfixiert? Wenn wir Christen etwas zu sagen haben wollen in dieser Welt, dann müssen wir auch zu diesem Thema etwas sagen. Und – oh grosses Wunder? – die Bibel hilft uns dabei.

Sex in der Bibel: kommt vor!

Die Bibelthematisiert die geschlechtliche Vereinigung oft und ganz unverklemmt: Adam und Eva, Abraham und Sarah, König David und auch bei Jesus und der Ehebrecherin. Und was ist das Hohelied anderes als eine Sammlung erotischer Liebeslieder? Selbst Paulus, dem gewöhnlich und zu unrecht unterstellt wird, er sei frauen- und lebensfeindlich, selbst er redet selbstverständlich vom Sex: 1 Zu eurer schriftlichen Anfrage sage ich folgendes: Eigentlich ist es gut, wenn ein Mann keinen intimen Umgang mit einer Frau pflegt. 2 Damit aber alles in geordneten Bahnen verläuft, soll jeder seine eigene Frau und jede ihren eigenen Mann haben. 3 Und der Mann bleibe der Frau nichts schuldig, ebenso wenig die Frau dem Mann. 4 Denn nicht der Frau gehört ihr Körper, sondern ihrem Mann, und ebenso beim Mann: Nicht ihm gehört sein Körper, sondern seiner Frau. 7 Ich wollte, alle Menschen wären wie ich, aber jeder hat seine eigene Gabe aus der Gnade Gottes, der eine so, der andere so. 9 Wer sich aber nicht enthalten kann, soll heiraten, denn es ist besser, zu heiraten, als vor Verlangen zu vergehen. 15 Denn zum Frieden hat uns Gott berufen! (1Ko 7,1ff). Offen, pragmatisch und modern denkt Paulus in sexuellen Dingen. Er macht keinen Hehl daraus, dass er seine Lebensweise für die beste hält: Alleine und enthaltsam. Das ist für ihn auch der einfachste Weg, er hätte ohnehin kaum Zeit und Geduld für eine Beziehung. Aber er weiss: Es ist sein Weg und nicht der von allen bzw. von uns.

Grundregeln im sexuellen Umgang miteinander

Und damit ist das Thema „Enthaltsamkeit“ als allgemeingültige Grundregel bereits vom Tisch, auch wenn dies manche Christen verwundern oder verägern mag. Manchmal ist sie wichtig, aber nicht immer, denn eigentlich geht es um etwas anderes: 1. Die Sexualität, die dominant wie kaum etwas anderes unser Leben prägt, ist von Gott her und vor Gott in Ordnung und soll darum auch in einem ordentlichen Umfeld stattfinden. Wer nicht enthaltsam leben will, soll eine feste Beziehung suchen (V2). In erschreckendem Masse höre ich von einer immer grösser werdenden Zahl von Menschen nein, kann ich nicht, es ist ein allg. gesell. Phänomen, die ihr Gärtchen querfeldein pflügen und die Gartenzwerge nach Lust und Laune auswechseln. Damit aber verliert die Sexualität nicht nur ihre Ordnung, sondern, 2., sie wird reduziert auf die Befriedigung der eigenen Person. Aber Sex hat nie einfach nur mit einem Ich zu tun, sondern immer mit einem Wir. Paulus geht sogar so weit zu sagen, dass es eigentlich gar nicht um mich geht, sondern um das Gegenüber: Mein Körper gehört meinem Gegenüber, nicht mir (V4). So fällt jede egoistische Ichbezogenheit weg, und Sex wird wesentlich zum Dialog zweier Menschen. In einem Dialog aber gibt man sich Antwort und übernimmt so Verantwortung. Das ist der 3. Punkt. Paulus ist hier wieder ganz pragmatisch: Es ist besser, zu heiraten als vor Verlangen zu vergehen (V 9). Es geht zuerst um die Verantwortung sich selbst gegenüber: Was brauche ich? Was will ich? Was kann ich gegenüber mir selbst und Gott verantworten? Wer immer gegen seine Sexualität kämpfen muss, der ist vielleicht auf dem falschen Weg.

Es geht um eines: Verantwortung

Paulus geht es in allem nur um das eine: um Verantwortung. Wer sie übernehmen kann – für sich, für den anderen, vor Gott –, dem stellt sich nichts mehr in den Weg. Sexualität braucht Ordnung, sie braucht Dialog, sie braucht Verantwortung, und so wird sie gut. Und sogar zu einem „charisma“, einer Gnadengabe Gottes. Paulus sagt das zwar nicht so direkt, aber er tönt es an: Sein Charisma ist die Entsagung, andere haben andere Gaben, eben z.B. die gelebte Liebe (V7). Können wir uns das vorstellen: Sex als Gnadengabe Gottes? Nicht nur für unter die Bettdecke, sondern als Weise, Gott zu begegnen? Wäre das nicht ein begehrenswertes Ziel: Sex und Gebet ist nichts Unterschiedliches mehr? Paulus legt es nahe!

Enthaltsamkeit als Weg

Es geht jetzt aber nicht einfach um ein Plädoyer für sexuelle Freizügigkeit, sondern auch für Enthaltsamkeit. Denn Verantwortung bedeutet oft Verzicht. Oder kann ich Verantwortung für mich und andere übernehmen, wenn ich mir alles erlaube? Freiheit bedeutet nicht, alles zu machen, was man will, sondern so frei zu sein, dass ich die Freiheit des anderen nicht einzuschränken brauche. Enthaltsamkeit ist also nichts anderes als die andere Seite der Verantwortung und der Freiheit. Wer Freiheit in seiner Sexualität erleben will, muss Verantwortung übernehmen und Enthaltsamkeit üben. Oder einfacher gesagt: Ohne Verzicht kein Sex.

Aber wie?

Wie aber Verantwortung übernehmen in einer Welt, die sich offenbar ganz dem Sex verschrieben hat? Die auch uns Christen immer wieder in ihren Bann zieht und uns das Leben schwer macht. Denn die Blicke auf das nackte Fleisch der anderen tun uns nicht gut, sie wecken Phantasien in uns, an denen unsere Seele Schaden nimmt. Sie lösen keine Befriedigung aus, sondern nur immer neue und unstillbare Lust. Aber man kann sich auch entscheiden, sich zu enthalten, und das Leben wird freier. Konsequent Nein sagen, nicht hinschauen, die entsprechenden Fernsehsender löschen, sich in der Apotheke und am Kiosk beschweren. So nimmt man Verantwortung wahr für sich selbst und für seineN PartnerIn, seine Kinder. Frei wird letztlich nur, wer hier total enthaltsam bleibt. Das ist eine bewusste Entscheidung, und Gott wird uns helfen dabei.
Enthaltsamkeit bedeutet aber auch, sich der eigenen zweideutigen Signale zu enthalten. Solche Signale sind z.B. das, was wir mit unserer Kleidung ausdrücken. Wer geglaubt hat, dass der Sommer 05 in Sachen Mode der freizügigste seit Menschengedenken war, der sah sich vom Sommer 06 eines besseren belehrt. Gott sei dank hat es manchmal auch noch geregnet! Und das geht nicht nur die Frauen an, auch Männer setzen Zeichen, und dies ganz bewusst. Auch wenn es unmodisch und rückständig ist: Hier, gerade hier, ist Enthaltsamkeit dringend von Nöten. Oder möchten Sie am Abend wieder in den sexuellen Phantasien des Fremden auftauchen, der heute zufällig neben Ihnen im Tram gestanden hat?
Und Enthaltsamkeit bedeutet schliesslich, Sex und Liebe nicht einfach zu trennen, auch wenn das heute gängig ist. Wer das macht, verwechselt Sexualität mit Pornographie. Sexualität aber hat ihren Ort innerhalb einer verbindlichen Liebesbeziehung.

Und der Gewinn

Ohne diese verantwortungsvolle Enthaltsamkeit, so glaube ich, geht es nicht. Aber sie trägt eine Verheissung in sich: „Gott hat uns zum Frieden berufen“, schreibt Paulus am Schluss (V15). Ist das Zufall? Oder weist uns Paulus, der Enthaltsame, am Ende darauf hin, dass sexuelle Befriedigung auch zu innerem Frieden führt? Zu innerer Harmonie, ungestörtem Gleichgewicht, Gelassenheit? Zu dem also, was wir alle suchen. Erfüllte Sexualität ist ein Weg dorthin, von Gott verheissen, von Gott gegeben. Sexualität als erfüllendes Gotteserlebnis. Und dafür, glaube ich, lohnt es sich, manchmal auch enthaltsam zu leben.

Ein kurzes PS für Singles

Und was, wenn man nicht freiwillig enthaltsam lebt und unter der Einsamkeit leidet, gerade auch in sexueller Hinsicht? Auch hier gibt uns Paulus einen Hinweis: Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist hilfreich (1Ko 6,12). Nichts, was wir tun, kann uns von Gott trennen, Gott hat in Golgatha die Verbotstafeln erfüllt und so überflüssig gemacht. Aber nicht alles, was wir tun, hilft uns wirklich weiter, nicht alles führt uns zu uns selbst und zu Gott. Lieber Mensch, der du einsam und alleine bist: Tue, was du verantworten kannst, sei nicht ängstlich und scheu, einen Weg zu suchen, auf dem auch du Frieden findest. Manche Dinge taugen mehr, andere weniger. Und wenn du Frieden findest, dann hast du auch Gott gefunden. Du hast diese Freiheit – nimm sie dir!

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Petition gegen sexistische Werbung

In der Schweiz hat die Junge Evangelische Volkspartei (*jevp) am 10. Mai eine Petition unter dem Titel „Freie Sicht! – gegen sexistische Werbung“ lanciert. Dem Komitee gehören neben der *jevp noch weitere Gruppierungen an, so zum Beispiel das Männerforum und das Schweizerische Weisse Kreuz. Ihre Forderung ist, dass sexistische Werbung nicht in die Öffentlichkeit gehört. „Hauptargumente sind einerseits die liberale Grundhaltung, wonach jede Person selber entscheiden können soll, was sie sehen will und was nicht und andererseits der Respekt vor der Würde der Frau, die in vielen Werbungen verletzt wird,“ schreiben die Verantwortlichen auf ihrer Website www.freie-sicht.ch, wo die Petition online unterschrieben werden kann. Bis jetzt haben sie über 10'000 Personen unterzeichnet. Sie soll in der Wintersession den eidgenössischen Räten übergeben werden. Dabei soll es auch einen Vorstoss im Nationalrat geben. Bei der Umsetzung wäre für das Komitee beispielsweise die Schaffung einer staatlichen Ombudsstelle gegen sexistische Werbung in der Öffentlichkeit denkbar.

Andy Schindler-Walch

Die obenstehenden beiden Artikel findet sich in der neusten Ausgabe von kirche+welt unter der Rubrik "Thema".
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Auch in der neusten Ausgabe:

- Kontrovers: In Zukunft noch mehr Homeschooling
- Herz & Nieren: Ein Film über die Zukunft der Umwelt
- 24 Stunden: Die berufliche Zukunft von Thala Linder

Links:

www.freie-sicht.ch

Umfangreiche Dokumentation des Zürcher Gleichstellungsbüros zu sexistischer Werbung

Lauterkeitskommission mit Beschwerdemöglichkeit wegen sexistischer Werbung



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