Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 05/2006 März - 09.03.2006   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Von den wahren Sternstunden

Werbung: sakes - Lehrgang in ErwachsenenbildungZum 85. Geburtstag von Bischof Dr. Franz Schäfer am 10. März 2006:

Lieber Bischof Franz Schäfer,

merkwürdig, nicht wahr, an was sich der Mensch später erinnert. Nicht grosse Momente, Auftritte, Doktorhüte und ähnliches stehen im Vordergrund. Das scheinen nicht die eigentlichen Sternstunden zu sein. Es sind eher unprogrammierte Augenblicke des Lebens. Und darum kommt hier auch keine Chronologie Deines Lebens als Bischof seit 1966, und seit 1989 als Bischof im Ruhestand. Das kann jederzeit bestens nachgelesen werden.

Du erinnerst Dich sicher an die Strasse von Belgrad nach Skopje auf der Balkanhalbinsel, mitten im tiefen Winter. Unterwegs mit dem Auto auf gefährlich eisigen Strassen. Am Steuer Willi Nausner. Und dann der Halt am Strassenrand, das Picknick im Schnee. Der gute und magere Räucherspeck und das duftende Brot, das uns eine liebe Seele eingepackt hatte. Da standen wir, Atemwolken vor dem Gesicht. Augenblicke der Freundschaft und Wärme mitten in der Kälte.

Im Reisegepäck war aber nicht nur duftender Räucherspeck, sondern auch Deine gute Sorge um die Gemeinden und Menschen, die du besuchtest. Ja, deine gute Sorge, väterlich und geduldig mit seinen oft zu frommen Kindern, die dem lieben Gott diese und jene Vorschriften machen wollten. Deine gute Sorge war es, die kleinen Bilder von Gott, die manchmal in den Herzen von Menschen lebten, grösser und schöner zu machen. Ständig hattest Du die vornehme Sorge, den Menschen das Herz zu erweitern, die Gnade leuchten zu lassen.

Etwas später (der gute Räucherspeck war längst verdaut), sassest Du in einer einfachen Kapelle im Süden des Balkans. Schwarz gekleidete betagte Frauen haben mit Dir gescherzt und gelacht. Und das war wieder so eine Sternstunde – diese Herzlichkeit mit diesen einfachen Menschen. Nur Leute, die regieren wollten im Reiche Gottes auf Erden hatten Mühe mit Dir und wünschten Dich hie und da ins Pfefferland. Aber dorthin zu gehen hat Dich die Liebe von Christus gehindert. Auch die Schwierigen hast Du immer irgendwie geliebt und getragen. Es war genug Wärme in Deinem Herzen.

A propos Wärme kommt mir die Sache mit der improvisierten Bettflasche in den Sinn. Du erinnerst Dich, bei minus zwanzig Grad dort unten an der griechischen Grenze. Rauhreif im Hotelzimmer. Es war die Zeit der eiskalten Füsse. Das war die Sternstunde des Schreibenden. Er fand auf der Suche nach einer Wohltat am Bischof - denn das hatte er verdient - eine heisse Quelle in der Landschaft. Voilà mon évêque – eine Bettflasche. Was sind papierene Dogmen und Verlautbarungen gegen eine Bettflasche bei minus 20 Grad. Am anderen Morgen hat irgendwo ein Beamter von irgendeiner Regierung irgendeine Erlaubnis erhalten und für Dich, Bischof, den ganzen riesigen Hotelkasten heizen lassen. Aber auch ohne das wäre die Kirche mit Dir nicht erfroren.

Längst ist dieser unvergessliche Winter in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts vorbei. Du bist älter geworden und niemand konnte dich hindern, im Herzen uns allen nahe zu bleiben. Wenn mich nicht alles täuscht, ist deine väterliche Sorge um die Kirche im besten Sinne wach geblieben in Deinem Herzen. Und Dein Wunsch ist es: Lebendige Frauen und Männer mit ihrer Ausstrahlung, Klarheit und Herzensgüte, mögen unsere Kirche prägen. Die wesentlichen Dinge können nicht delegiert oder gemanagt werden. Sie müssen in uns selber wohnen.

Es grüsst Dich herzlich, lieber Bischof, im Namen vieler Menschen in der EMK

Robert Seitz
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Links:

Gratulation von Bischof Heinrich Bolleter zum 80. Geburtstag von Bischof Dr. Franz Schäfer im Jahr 2001



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