Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 11/2006 Juni - 15.06.2006   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Die Evolutionslehre behauptet, dass das Leben auf der Erde sich in einem Millionen von Jahren dauernden Prozess über Vererbung, Mutation und Selektion entwickelt hat. Dagegen laufen immer mehr Christen Sturm. Aber weshalb eigentlich?

Und Darwin hat doch Recht!

von Christoph Schluep-Meier*

Das Problem liegt offenbar darin, dass die Evolutionstheorie der Meinung der Bibel widerspricht, was aber nicht sein darf, denn Gottes Wort stimmt immer und überall. Das ist der Geist, den dieser Protest atmet. Tatsächlich jedoch ist das biblische Zeugnis der Schöpfung alles andere als stimmig. In 1. Mose 1 schafft Gott die Erde in 7 Zeiteinheiten, im 2. Kapitel macht er sie gleich nochmals, diesmal aber als grossen Garten. Nur wer diese Texte mit dem Eispickel bearbeitet, bringt sie zur Deckungsgleichheit. Es sind zwei verschiedene Geschichten, die, weil thematisch zusammengehörig, hintereinander gestellt worden sind. Wenn dann in Jes 40,22 davon die Rede ist, dass der Himmel wie ein Zelt über die Erde ausgebreitet ist, merkt man spätestens jetzt, dass es den biblischen Autoren gar nicht darum geht, das Wie der Schöpfung zu erklären. Ohne wissenschaftliche Kenntnisse suchten sie nach Worten, die das Phänomen am besten zur Sprache bringen, und dabei genügte ein Anlauf nicht, es braucht viele verschiedene, um das Unsagbare sagbar zu machen. Dass die Welt nicht in 7 Tagen à 24 Stunden entstanden ist, weiss denn auch der erste Schöpfungsbericht: Nach 1. Mose 1,3 macht Gott am Anfang den Tag und die Nacht, aber die Sonne schafft er erst am 4. Tag (V.14). Das bedeutet allerdings, dass die Schöpfung ganz in der Zeit Gottes stattfand, und dieses Zeit hat mit der unsrigen, die von der Sonne bestimmt ist, gar nichts zu tun. Die Erde ist nicht in 7x24 Stunden erschaffen worden – und das behauptet die Bibel auch gar nicht, sondern nur die, die sie angeblich so gut verstehen.

Ärgerliche Einseitigkeit

Dabei ist diese ängstliche Verteidigung der sogenannt „biblischen“ Schöpfungsvorstellung eine ärgerliche, weil einseitige Engführung. Bei anderen Themen wird nämlich geflissentlich geschwiegen. Oder wer wollte bestreiten, dass die Erde keine Scheibe ist? Oder wer glaubt, dass das Herz Sitz der Seele ist? Oder dass der Mensch aus Erde gemacht ist? All dies aber sind Aussagen der Bibel, nur werden sie leichten Herzens über Bord gekippt, ganz im Gegensatz zur Frage der Entstehung der Welt. Denn hier spricht die Bibel Klartext – oder eben auch nicht, wie wir gesehen haben. Ist die Bibel also nicht Gottes heiliges Wort? Doch, das ist sie, aber sie ist genau wie Jesus menschlich geworden, auch sie ist in menschliche Form inkarniert. Jesus hungerte, er dürstete, und doch blieb er Gottes Sohn. Die Schrift ist nicht ohne Widersprüche, sie ist geprägt von der Zeit und den Vorstellungen, in der sie entstanden ist – und doch bleibt sie Gottes Wort. Aber sie ist kein Geschichtsbuch, das nackte Fakten wiedergibt, sondern ein Buch, das geistlich gelesen werden will. Oder wie es Paulus, selbst Autor dieser Bibel, trefflich sagt: Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. Und so geht es bis heute jedem, der die Bibel nur nach dem Buchstaben liest, nicht aber zu ihrem Geist vordringt.

Christen machen sich lächerlich

Dieses einseitige und sture Beharren auf sogenannt biblischen Wahrheiten ist dann geradezu lächerlich, wenn in Bereichen, in denen die Bibel nichts Eindeutiges sagt, die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft fraglos akzeptiert werden. Oder gibt es Evolutionskritiker, die die Existenz der Atome und Moleküle verneinten? Die Bibel jedenfalls weiss nichts davon! Und wie steht es mit der modernen Spitzenmedizin? Wer fragt, wessen Geist die Medikamente entstammen, die wir gegen den hohen Blutdruck oder die drohende Hirnhautentzündung einnehmen? Hauptsache, das Medikament wirkt gut und schnell! Wir leben in einer hochkomplexen Welt, die durch und durch von den Naturwissenschaften geprägt ist. Aber bei der Frage der Schöpfung gilt das nicht mehr. Wen wundert es, wenn sich Christen lächerlich machen? Niemanden!

Das Schlupfloch des „Intelligent Design“

Aufgeklärtere Evolutionsgegner haben genau aus diesen Gründen zur Theorie des „Intelligent Design“ gegriffen, die auf der Vorstellung fusst, dass hinter all dem Leben eine höhere Intelligenz stehen müsse, weil durch puren Zufall niemals eine so hohe Komplexität entstehen könne. Diese Theorie wirkt auf den ersten Blick ziemlich plausibel, auf den zweiten jedoch sehr fraglich, weil sie davon ausgeht, dass letztlich alles geplant ist, nämlich von der höheren Intelligenz Gott. Aber hat Gott alles geplant? Wie steht es denn damit, dass sich in der Tierwelt alles gegenseitig auffrisst? Oder dass Menschen mit schweren Behinderungen auf die Welt kommen? Sind nicht die Heilungswunder Jesu ein deutlicher Protestschrei gegen eine Welt, in der vieles offenbar nicht so geplant war? Könnte es nicht sein, dass Gott auch der Schöpfung eine gewisse Freiheit gewährt, wie er sie auch uns zukommen lässt? Oder würde jemand im Ernst behaupten, unser ganzes Tun und Lassen sei von langer Hand und intelligentem Design vorausgeplant?

Die richtigen Fragen stellen

Die ganze Diskussion würde sich erübrigen, wenn wir endlich die richtigen Fragen stellten. Die Frage nach dem Wie zum Beispiel sollten wir besser lassen, denn sie ist nicht endgültig zu beantworten. Offenbar lässt sich Gott nicht in alle Töpfe schauen. Und solange das so ist, behaupte ich fromm und frei: Natürlich hat Darwin Recht! Denn keine andere Theorie hat auch nur annähernd soviel Plausibilität, und der verzweifelte Versuch der Gegner, sie anhand ihrer Schwachstellen auszuhebeln, übersieht die Menge der Fragen, die sie trotz dieser Schwachstellen eben doch beantwortet, und sie übersieht ebenso, dass destruktive Kritik allein noch kein neues Modell ist – und ein solches haben Evolutionsgegner noch immer nicht zustande gebracht.

Wenn wir nun das Wie endlich beiseite lassen und endlich nach dem Was fragen, dann sind wir beim Kern der Sache. Wichtiger als die Frage nach der genauen Entstehung ist nämlich die Frage, was denn diese Schöpfung überhaupt bedeutet. Und hier haben wir ChristInnen tatsächlich einiges zu sagen. Zum Beispiel, dass das Leben auf dieser Erde tatsächlich kein Zufall ist, sondern von einem liebenden Gott gewollt, auch wenn ich im Detail nicht sagen kann, wie es entstanden ist. Denn dies ist keine naturwissenschaftliche Aussage, sondern eine theologische, die sich der Offenbarung verdankt. Hier muss die Evolutionstheorie kritisiert und erweitert werden: Die Welt ist kein autonomes Chaos, sondern gewollte Schöpfung. Und das Leben dieser Welt ist kein Selbstbediendungsladen und auch kein Experimentierlabor, sondern Gabe Gottes an den Menschen, der zwar an erster Stelle steht, noch immer jedoch Teil von ihr ist. Weiterhin wäre zu sagen, dass der Mensch, obgleich von Affen stammend, tatsächlich die Krone der Schöpfung ist, aber mit dem deutlichen Auftrag, gerecht und gut zu regieren, und nicht etwa das ihm Untergebene auszubeuten. Und es wäre zu sagen, dass jedes Lebewesen dasselbe Recht zum Leben hat, nicht einfach darum, weil es ist, sondern darum, weil es von Gott gewollt ist. Eine solche Sicht würde eine Unterscheidung zwischen Kraut und Unkraut, zwischen Tier und Nutztier endlich aufheben und den Weg freimachen, die Vielfalt der Arten mit grossem Staunen zu bewundern und sie dankbar zu bewahren, anstatt sie gnadenlos auszurotten, wie wir das seit langem tun – auch wir Christen! Und es wäre zu fragen, ob es gerechtfertigt ist, für den Fortschritt der Kosmetikindustrie wie auch der Medizin von der Tierwelt jedes beliebige Opfer an Versuchskaninchen zu fordern. Und es bliebe zu fragen, wie wir allen Ernstes von einer guten Schöpfung sprechen können, wenn zugunsten der immens hohen Lebensqualität in den USA, in Europa und in einigen Teilen Asiens die Mehrheit der Menschen in Armut lebt.

Das wären die Fragen, die endlich gestellt werden müssten, und weil sie unser Leben direkt betreffen, wären sie bedeutend interessanter als die, wer denn den Urknall ausgelöst hat - oder eben doch nicht. Aber vielleicht bleiben wir ja lieber bei der unverfänglichen Theorie, anstatt uns mit dem wirklich Dringlichen auseinanderzusetzen.

*Christoph Schluep-Meier ist Pfarrer des EMK-Bezirks Zürich 4 und Präsident der Herausgeberkommission von kirche+welt.

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Der obenstehende Beitrag findet sich in der neusten gedruckten Ausgabe von kirche+welt unter der Rubrik "Kontrovers".

Auch in der neusten Ausgabe:


- Wie die Methodisten die Säle füllten
- Der Glaskubus der EMK Langnau i.E.
- Bibel: Schöpferisch gegen das Chaos

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Links:

Wikipedia-Beitrag zu Charles Darwin



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