Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 10/2006 Juni - 01.06.2006   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Was haben Gott und Fussball miteinander zu tun? Im besten Fall eigentlich nichts. Denn Fussball sollte die schönste Nebensache der Welt sein.

Fussball bleibt Nebensache

von Andreas Hunziker*

Natürlich habe ich mir bereits überlegt, wie ich das am 19. Juni an meinem Arbeitsplatz an der Uni Zürich anstelle, da ja der Match Schweiz-Togo bereits um 15 Uhr beginnt. Soll ich in die Mensa hoch gehen, wo der Studentenverein eine Grossleinwand aufstellt? Oder gehe ich wieder ins Zürcher Helmhaus hinunter, wo vor vier Jahren das halbe theologische Seminar vor dem Fernseher versammelt war? Ober bleibe ich nicht besser gerade zu Hause? Gerade heute hat sich mir mit der Post noch eine weitere Möglichkeit eröffnet: Die Familie meiner Schwester überträgt einen Teil der WM-Spiele auf Grossleinwand – Getränke und feine Antipasti-Häppchen inklusive! Ein letzter Blick in die Agenda noch und – oje, dann hat ja mein kleiner Sohn Kaspar Geburtstag.

Und jetzt fühle ich mich dem Gustavo Zanotto aus Rio de Janeiro, über dessen Geschichte ich gestern noch geschmunzelt habe, fast näher als mir lieb ist: Die angehende Frau Zanotto traute nämlich auf dem Weg zum Altar ihren Ohren nicht. Bräutigam Gustavo hatte die Musiker der Kirchenkapelle in letzter Sekunde dazu überredet, statt den Hochzeitsmarsch doch lieber die Hymne seines Lieblingsvereins FC Guarani zu spielen. Ja, irgendwie kann ich den Gustavo verstehen: Er zieht unter den Klängen der FC Guarani-Hymne in die Kirche ein. Ich stimme in der Pause von Schweiz-Togo für meinen Sohn unsere Schweizer Baschi-WM-Hymne an! Und wenn Sie nun Bedenken wegen meiner Vaterrolle haben, dann sage ich Ihnen im Blick auf meinen brasilianischen Freund Gustavo Zanotto Folgendes: Zwar stimmt, für seine Leidenschaft Nummer eins, den Fussball, geht der Brasilianer oft bis zum Äussersten. Fussballverrückte höchsten Grades sollen bei brisanten Spielen nicht nur Haus und Hof, sondern sogar die eigene Frau verwettet haben. Aber, die Zanottos leben heute, ein Jahr nach der Trauung, immer noch glücklich zusammen …

Millionen (Männer) freuen sich mit Roberto und mir auf diese Fussball-Weltmeisterschaften. Und darum könnte ich Ihnen auch noch weitere Geschichten wie diejenigen von Roberto und mir erzählen. Zum Beispiel diejenige vom Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist, der – als sich die Schweiz im Spiel gegen die Türkei definitiv für die WM qualifiziert hat – spontan die Kirchenglocken vom Zürcher Grossmünster hat läuten lassen. Allerdings sollte ich wohl nun – so verstehe ich die Anfrage, als Theologe einen Artikel zum Thema ‚Gott ist rund’ zu schreiben – noch irgendwie etwas Substanzielles zum Verhältnis von Religion und Fussball sagen. Dabei spüre ich jetzt aber eine gewisse Verlegenheit. Psychologisch, soziologisch, ritualtheoretisch oder auch gesellschaftskritisch lässt sich dazu natürlich viel sagen. Vieles ist in den letzten Wochen dazu berichtet worden und immer wieder wurde der Fussball dabei als Religion oder religiöses Ritual beschrieben. Die Fussballstadien sind die Kathedralen unserer Tage. Sie sind erbaut von den bekanntesten Architekten und Ingenieuren unserer Zeit, so wie früher die Türme von Notre-Dame von den besten Baumeistern und Maurern der Zeit errichtet wurden. Und wer schon selber in solche Stadien gepilgert ist, der weiss: Eine Fussballmasse kann einem tatsächlich an eine Gottesdienstgemeinde erinnern, die sich von hmynischen (Wechsel-)Gesängen gleichsam in Trance versetzen lässt. Und auch die Inhalte dieser Hymnen scheinen den Fussball zu einer Art Religion werden zu lassen: Die Vereinshymne von Borussia Dortmund wird nicht nur auf die Melodie des Spirituals ‚Amazing Grace’ gesungen, sondern es beerbt auch inhaltlich den religiösen Hmynus: „Leuchte auf, mein Stern Borussia! Leuchte auf, zeig mir den Weg! Ganz egal, wohin er uns auf führt, ich will immer bei dir sein.“ Und auch der echte Schalke-Fan schämt sich seines öffentlichen ‚Schalke unser’ nicht und so ‚betet’ er: „Dein ist der Sieg und die Macht und die Meisterschaft in Ewigkeit“.

Einen „Gott“ haben

Und so bin ich nun doch an einen Punkt gelangt, wo ich auch als Theologe etwas zum Verhältnis von Fussball und unserem religiösem Glauben an Gott sagen kann. Natürlich kann auch der Fussball, wie anderes auch, zu einer Art Ersatzreligion, einem Ersatzglauben werden. Wie an andere Dinge so kann ich mein Herz auch an den Fussball hängen, vom Sieg meiner Mannschaft sozusagen alles Gute erwarten, und so den Fussball zu meinem ‚Gott’ werden lassen. In diesem Sinne legt Luther in seinem Grossen Katechismus das erste Gebot aus („Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“). Er stellt die Frage, was denn „einen Gott haben“ bedeutet, und antwortet: „Worauf Du nu (sage ich) Dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich Dein Gott.“ In diesem Sinne ist es nach Luther unvermeidlich, dass jeder Mensch einen ‚Gott’ hat, ganz gleich, ob er ihn so nennt oder nicht. Jeder Mensch hat etwas, wonach er sein Leben ausrichtet. Das kann zum Beispiel das Geld sein. Wer Geld und Gut hat, sagt Luther, „der weiss sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies“. Von Angst ist also zunächst überhaupt nichts zu sehen. Es braucht aber nur jemand zu kommen, der einem das Konto sperren kann, dann wird die Angst manifest. Und ähnlich mag es auch dem ganz eingefleischten Fussballfan gehen. Nur so lässt es sich erklären, dass unser Schweizer Schiedsrichter Urs Meier nach seinem vermeintlichen Fehlpfiff gegen England an der letzten Fussball-Europameisterschaft mit tausenden von Schimpf- und Droh-Emails von bodenlos enttäuschten englischen Fans überschwemmt wurde. Und nur so wird verständlich, wie es zu den Ausschreitungen in Basel gekommen ist: Zuerst verspielte der FC Basel innert vier Tagen ihren schier uneinholbaren Sechs-Punkte-Vorsprung in der Schweizer Meisterschaft. Nach 59 Heimspielen ohne Niederlage kassierten sie zehn Sekunden vor Schluss des sechzigsten Spiels das entscheidende Tor. Verloren war die stolze Serie. Verloren der sicher geglaubte Meistertitel. Und verloren war die Besinnung: „Ich bin für dreissig Sekunden praktisch in Ohnmacht gefallen“, berichtete ein Hardcore-Fan aus der Muttenzer Kurve einem Journalisten. Was dann geschah, kennt man aus dem Fernsehen.

Nicht alles ist gleich wichtig

Und all dies bestätigt nun gerade meine Vermutung. Fussball kann zwar zu einer Art Ersatzreligion werden, aber im besten Fall hat er eben gerade nichts mit Religion und Gott zu tun. Gott ist Gott und Fussball ist Fussball. Darum eben liegt die Schönheit, die Lust am Fussballspiel gerade darin, dass sie die schönste Nebensache der Welt ist. In dem Sinne finde ich darum all diese Parallelisierungen von Fussball und Glaube geradezu müssig, ja lästig, wenn nicht sogar gefährlich: Ich kann wenig damit anfangen, wenn mir die Schweizer Evangelische Allianz – einfach weil jetzt alle vom Fussball reden – Jesus als Coach (natürlich als besten!) meines Lebens schmackhaft machen will. Und ich halte ebenso wenig davon, wenn mir ein deutscher Theologieprofessor in einer Gesprächsrunde am Fernsehen weismachen will, dass der Fussball manchmal in die ‚Tiefen der Existenz’ führt und ein ‚Gefühl für die Transzendenz’ eröffnet. Gerade so wie wir auch anderen Dinge in unserem Leben, die sehr Spass machen können, nicht religiös-christlich verbrämen sollten, so sollten wir es auch mit dem Fussball nicht tun. Der Theologe Karl Barth hat einmal gesagt, dass die Engel im Himmel, wenn Gott anwesend ist, Bach spielen. Wenn Gott dann wieder weg ist, spielen sie Mozart. Wir Menschen müssen gerade als Glaubende nicht jeden Moment unseres Lebens in letztem Ernst – gleichsam im Angesicht Gottes – vollziehen. Nicht alles ist gleich wichtig, von gleichem Ernst. In dem Sinne kann sich in Gottes Sich-Entziehen gerade seine Menschenfreundlichkeit ausdrücken. Und darum dürfen wir uns an diesen unwichtigeren, nebensächlicheren Dingen durchaus freuen, manchmal auch riesig oder gar ekstatisch – sei es nun, dass wir gerne Mozart hören oder dass wir uns riesig über das entscheidende Tor von Alexander Frei freuen, das uns in den Viertelfinal der Weltmeisterschaften weiterbringt.

*Andreas Huniker, Theologe, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich
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Links:

Eine Website zu Gott und Fussball

Die Fussball WM-Ausgabe 4tel Stunde für Jesus der Schweizerischen Evangelischen Allianz (als pdf-File)

Kickoff2006 - Ein christliches Netzwerk rund um die Fussball-WM und den christlichen Glauben



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