Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 02/2006 Januar - 19.01.2006   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Rotzfrech, aber ernst gemeint

Die Volxbibel - Dem Volk ins Maul geschaut

Werbung: Lorenz Steiner - Neutrale Finanz- und Versicherungsberartungvon Christoph Schluep-Meier

Martin Dreyer, der mittlerweile 40-jährige Gründer der Jesus-Freaks, einer Jugendbewegung in Deutschland, die Hard-Rock, Kuscheljesus, krasse Sprüche und enge bis gesetzliche Inhalte schonungslos miteinander vermengen, dieser Dreyer hat die Bibel (bzw. das Neue Testament) neu fürs Volk übersetzt und nennt sie „VolxBibel“. Sie sieht aus wie eine Zigarettenpackung und kratzt ähnlich im Hals: „Wenn dein Alter Gott ist, dass kannst du dir aus diesen Steinen ’ne Pizza zaubern, wenn du das willst, oder?“ (so der Satan bei der ersten Versuchung Jesu“). Oder nach einer Heilung: „Als der Geist draussen war, quatsche der Typ gleich los. Die Zuschauer waren alle total baff.“ Darf man das Wort Gottes so behandeln? Es ist ja schon längst vorgemacht worden! Denn auch andere Bibelübersetzungen wie z.B. die Gute Nachricht, die in der Kirche sehr verbreitet ist, vereinfachen den biblischen Text, greifen massiv in den Aussagegehalt ein, verwenden Wörter und Begriffe, die den biblischen Gedanken ganz und gar fremd sind, und interpretieren mehr als sie übersetzen. Und eine solche Übertragung ist auch die VolxBibel, für einmal eine rauhe, rohe, rotzige. Viele fromme Gemeinden finden sie so schlecht und so unerhört, dass sie gleich den ganzen Buchverlag boykottieren, so dass für die VolxBibel ein eigener Verlag gegründet werden musste. Die Geschichten um diese Bibel sind interessanter als die Bibelübertragung selbst...
Wozu sollte man eine solche Bibel lesen? Für die erbauliche Lektüre eignet sie sich kaum, und auch nicht für theologische Studien. Interessant ist sie, weil sie neue Ideen und Zugänge liefert für Geschichten, die wir seit Jahrzehnten kennen. Sie wirft ein neues, wenn auch ein grelles Licht auf die Texte, das uns manchmal auch zum Nachdenken bringen kann. Wenn z.B. statt „Sünde“ „Mist bauen“ steht, dann hilft das unter Umständen, die Sünde nicht immer nur als innerliches Phänomen zu verstehen, sondern als solches, das mit unserem Tun und Lassen zu tun hat. Durchaus brauchbar ist die VolxBibel auch im Unterricht oder in der Arbeit mit Jugendlichen. Die Bibel einmal ganz anders zu lesen, kann aufregend sein und dazu anregen, sich mit den Ideen eines Buches, das man für völlig verstaubt hält, wieder neu auseinander zu setzen. Solange niemand meint, er halte tatsächliche die Heilige Schrift in Händen, kann die VolxBibel spielerisch und wachrüttelnd brauchbar verwendet werden. Im Idealfall ist es klug, bei der Arbeit noch eine echte Bibel dabeizuhaben, damit aufkommende Fragen gebührend beantwortet werden können.
Fazit: Dreyer beruft sich bei seiner Übertragungsarbeit auf den grossen Martin Luther, der es sich selbst zur Aufgabe gemacht hat, „den Leuten aufs Maul zu schauen“, damit er so übersetzen kann, wie es die Menschen verstehen. Nun, das ist Dreyer sicherlich nicht gelungen, ein neuer Luther ist er nicht. Er hat einen interessanten Versuch gewagt, und seine Absichten sind lauter und durchaus ernst zu nehmen. Statt den Leuten aufs Maul hat ihnen Dreyer wohl eher ins Maul geschaut, und da kommen dann eben Speisereste und Unzerkautes zum Vorschein, auf die man eigentlich lieber verzichten möchte. Und trotzdem: Einen Blick ist es immer wert!

Martin Dreyer: Die Volxbibel
Neues Testament. Volxbibel Verlag ISBN: 3981065603
576 S., CHF 18.90

_____________________

Der obenstehende Beitrag findet sich in der neusten gedruckten Ausgabe von kirche+welt. Auch in der neusten Ausgabe:

- Kontrovers: Nationalrat Heiner Studer will den Zivildienst vereinfachen.
- Tagebuch des Bischofs: Die EMK ist nicht gesellschaftskritisch.
- Leserbriefe: Dürfen Frauen ordiniert werden?

Abonnieren Sie kirche+welt! Es geht ganz einfach mit dem rechts obenstehenden Link oder unter Tel. 01 986 35 81.

Links:

Die offizielle Website der Volxbibel

Interview mit Martin Dreyer bei jesus.de

Beitrag rund um die Volxbibel in Wikipedia

Artikel in der Zeitung "taz" zur Volkxbibel

Protest von Evangelikalen gegen die Volxbibel



-----------
Bitte senden Sie Ihre Bemerkung an die folgende Mailadresse:
"redaktor at kircheundwelt punkt ch".