Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 04/2006 Februar - 23.02.2006   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Ein Plädoyer für eine EMK, die Werte festlegt und aufzeigt, was dazu gehört und was nicht

Welche Kirche wollen wir?

Werbung: Lorenz Steiner - Neutrale Finanz- und Versicherungsberartungvon Stefan Pfister*

„Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein." Diesen Spruch habe ich vor Jahren aufgeschnappt. Seither begleitet er mich im Nachdenken über mein Leben, meine Arbeit und über unsere Kirche. Dieser provokative Satz enthält viel Wahrheit: Je mehr wir einschliessen wollen, desto mehr schliessen wir gleichzeitig wieder aus, weil es nicht möglich ist, für alles offen zu sein.

Die EMK muss ihre Werte festlegen

Deshalb bin ich überzeugt, dass auch in unserer Kirche ein gesunder Prozess nötig ist, bei dem wir wieder suchen, was unsere Kirche ausmacht, welche Werte sie vermittelt, was in und zu unsere Kirche gehört und was - als logische Konsequenz - eben nicht. Dass ein solcher Prozess für eine über viele Jahrzehnte gewachsene Kirche nicht einfach ist, ist klar. Doch: jeder Entscheid, den wir z.B. an einer Tagung der Jährlichen Konferenz treffen, wird gewisse Menschen ausschliessen. Die Frage ist, in wie weit wir diesen Prozess bewusst steuern oder ob wir ihn mehr dem Zufall überlassen wollen. Auf jeden Fall haben die letzten Jahre gezeigt, dass sich viele Menschen in dieser „offenen Kirche“ nicht (mehr) wohl fühlen. Die EMK versucht eben anscheinend zu sehr, für alles und jeden offen zu sein - und die Realität sieht so aus, dass dies nicht geht.

Die Schwierigkeit der Mittlerposition

Als EMK wollen wir eine Mittlerposition einnehmen - und diese Mittlerposition ist je länger je schwieriger zu leben und zu gestalten. Mir hilft der Vergleich mit der Politik: Für eine rechte oder linke Partei scheint es einfacher zu sagen, was ihr wichtig ist, für wen sie Politik macht - und die Leute kommen ganz bewusst in diese Partei und unterstützen sie wegen ihrer linken oder rechten politischen Haltung. Anders die Mittelparteien, die in den letzten Jahren viele Mitglieder und schlussendlich dadurch auch einen Bundesrat verloren haben. Sie haben es anscheinend nicht geschafft, ihrer „Ausgleichs- und Mittlerpolitik" Kontur und Klarheit zu verleihen und so den Menschen ihre Stärken zu zeigen. Viele Menschen merken zwar heute wieder, wie wichtig genau diese „Mittelpolitik" wäre - aber auch sie muss in ihrer Haltung und Sicht klar und eindeutig sein, wenn auch in einer ganz andern Art, als dies eine rechte oder linke Partei kann und will.

Eine Mittlerposition, die ihren Namen verdient

Verglichen mit uns als Kirche stehen wir als „Mittel- und Mittlerpartei" zwischen der Landeskirche und den Freikirchen. Und ich bin nach wie vor überzeugt, dass wir hier eine sehr wichtige und entscheidende Position und Aufgabe haben - als eine eigenständige Kirche mit einem eigenständigen Profil. (Um es in einem Bild auszudrücken: Je härter die Winterverhältnisse sind, desto wichtiger ist das Reifenprofil, das greift, und einem nicht ins Schleudern bringt!)

Wissen, woran man ist

Dass dieser Prozess nicht einfach, sondern auch schmerzlich sein wird ist klar. Es wird dadurch Menschen geben, die sich durch einen solchen Prozess bewusst ausgeschlossen vorkommen.. Aber - und davon bin ich ebenso überzeugt - es werden durch einen solchen Prozess viele Menschen neu dazu kommen, weil sie genau dieses Kirchesein suchen und sich wünschen.

Ein positives Beispiel der jüngeren Geschichte unserer Kirche, die dokumentiert, dass wir uns positioniert haben: Die Diskussion in kirche+welt über die Ordination der Frauen hat gezeigt, dass es gut ist, dass die EMK damals eine klare Haltung eingenommen hat. Diese Haltung bedeutet aber nicht, dass damit alle ausgeschlossen werden, die Mühe mit der Frauenordination haben. Aber: Sowohl die Befürworter wie die Gegner wissen, woran sie sind, wenn sie zur EMK gehören wollen. Damals hatten die Verantwortlichen den Mut, klar Stellung zu beziehen - aufgrund ihres Glaubens, ihres Schriftverständnisses, usw.

Mein Vorschlag ist, dass wir festlegen, was uns als EMK so wichtig ist, dass es – wie eben die Frauenordination – als zur EMK gehörig definiert wird. Dabei müssen die verschiedenen Bereiche festgelegt werden: Welche theologischen Leitlinien gehören zur EMK? Welche ethischen Fragestellungen sind uns so wichtig, dass wir bekennen wollen: Das ist die Haltung der EMK (es ist interessant, dass wir zwar mit den Sozialen Grundsätze Richtlinien haben, die aber dann doch je nach Situation oder Land wieder verschieden interpretiert und ausgelegt werden – so mindestens nehme ich es wahr). Welche Werte wollen wir vermitteln? usw.

Ich möchte noch einmal den Vergleich mit den politischen Parteien wagen: Jede Partei hat ihre Themen, die ihr wichtig sind. Sie nimmt nicht zu allen möglichen Themen gleich stark Stellung, sondern sucht sich aufgrund ihrer Ausrichtung die Themen und Bereiche aus, die für sie entscheidend sind. Diese werden dann als verbindlich erklärt (und die Diskussion entsteht dann, wenn die Basis der Partei z.B. bei einer Abstimmung anders stimmt als die Parteileitung dies beschlossen hat…). Die meisten Leserinnen und Lesern könnten mit Bestimmtheit die Grundhaltungen und –themen der meisten Parteien nennen. Und ich bin überzeugt, dass sowohl Gegner wie Befürworter von den Parteien ungefähr diese gleich beurteilen würden. Wäre das bei der EMK auch so? Wie würden die Beschreibungen der EMK-Mitglieder aus den verschiedenen Gemeinden aussehen, und wie würden die Menschen, die nicht zur EMK gehören, diese beschreiben?

Die Prägung geschieht vor Ort

Heute merken wir in vielen Diskussionen und Gesprächen, dass wir zwar über gewisse Themen diskutieren (siehe Artikel der letzten Monate in Kontrovers) - aber dabei bleibt es. Mehr können und wollen wir im Moment nicht tun, weil wir damit ja - dann eben praktisch - nicht mehr für alle offen sind. So können wir mindestens - theoretisch - noch sagen: alle können zur EMK gehören, egal wie sie in verschiedenen ethischen, moralischen, theologischen und frömmigkeitsstilmässigen Themen denken und was sie glauben. (Und es wird wohl auch mit diesem Kontrovers-Thema so gehen: Nach dem Artikel in zwei Wochen von Sven Büchmeier wird es einige Leserbriefe in die eine oder andere Richtung geben – und dann wird das Thema wieder ad acta gelegt; wir wollen uns ja nicht für die eine Seite festlegen und lassen es, wie es ist…) Die Gemeinden werden aber nicht geprägt von dem, was wir als EMK sind, glauben und wollen, sondern von der Geschichte der Ortsgemeinde, den Pfarrpersonen, weiteren starken Persönlichkeiten einer Gemeinde, usw. Was uns noch zusammenhält ist das Kürzel „EMK" (und ich bin nach wie vor überzeugt: noch viel mehr Christus!), aber nicht ein gemeinsames Glaubensbekenntnis, gemeinsame Klarheit in theologischen und ethischen Themen, usw. Kein Wunder, dass Leute, die aus einer EMK-Gemeinde wegziehen (z.B. aus beruflichen Gründen), nicht mehr automatisch am neuen Ort wieder eine EMK-Gemeinde besuchen, sondern eine christliche Gemeinde suchen, die ihrer vorherigen Gemeinde ungefähr ähnlich ist - auch wenn sie dann ein ganz anderes Kürzel trägt.

Eine klare Haltung ist keine Absage

Ich bin überzeugt, dass wir weder als Mensch noch als Kirche für alles offen sein können. Wir sind in diesem Bereich „beschränkt". Ich weiss aber, dass Gott da anders ist. Bei ihm hat sehr viel mehr Platz und ist sehr viel mehr möglich, als dies bei uns „eingeschränkten" Menschen der Fall ist. Hier auf der Erde gibt es deshalb verschiedene Kirchen und Gemeinden. Wir ergänzen uns - und werden einmal gemeinsam im Reich Gottes feiern!

Eine klarere Haltung bedeutet nicht eine Absage an die, die anders denken - sondern hilft wieder neu zu einer guten und hoffentlich hilfreichen Auseinandersetzung. John Wesley ist für mich auch hier ein Vorbild: Obwohl er in vielen Bereichen eine klare Haltung hatte, hat er seine ökumenischen Offenheit nicht verloren. Er war immer bereit einem Menschen mit einer andern Meinung zu sagen: „Ist dein Herz aufrichtig gegen mich wie mein Herz gegen dein Herz? - Dann gib mir deine Hand."

*Stefan Pfister ist Pfarrer des EMK-Bezirks Gstaad.
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Der obenstehende Beitrag findet sich in der neusten gedruckten Ausgabe von kirche+welt in der Rubrik kontrovers.

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Auch in der neusten Ausgabe:


- Was dürfen wir in dieser Kirche wissen? - Ein Plädoyer
- Thema: Christliche Streitkultur in den Gemeinden?!
- Kommentar zum Karikaturen-Streit

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