Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 20/2006 Dezember - 07.12.2006   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Was löst Weihnachten aus? Welche Erinnerungen werden dabei wach? Einige persönliche Gedanken von Ernst Gisler.

Die leise Stimme, die sagt: Ich habe dich gern

Weihnachten weckt bei mir Erinnerungen an eine für mich heile Welt. Die elterliche Bäckerei mit dem Duftpanorama von Lebkuchen, Honignüssen, Aenisguetzli und anderes wird in meinen Gedanken gegenwärtig, wirkt wie eine Auferstehung aus toten Welten. Meine Schwester und ich durften als Kinder mithelfen, durften unsere Händchen im Teig drehen und dann in den Mund stecken, was sich da auf unseren Fingerspitzen zusammenhäufte. Süsse Freude rutschte über Zunge und Hals in den Magen. Es war Weihnachtszeit. Wohltuend, solche Erinnerungen.

Weihnachten weckt auch Erinnerungen an harte Zeiten. Als Lehrbuben in der Bäckerei- Konditorei mussten wir in der Festzeit bis tief in die Nacht den vornehmen Familien frische Torten liefern: Rahmkuchen, Desserts, Glaces, Meringues und anderes noch. Wir Stiften fuhren mit unseren Militärvelos durch das nächtliche Aarau und verteilten zu den abgemachten Zeiten die bestellten Waren. Am heiligen Abend stürzte mein Tessiner Oberstift auf der Strasse bei der Kettenbrücke an der Aare und die Torte in der Schachtel auf dem Gepäckträger des Velos wurde am Boden neben Hinterrad und Trottoirrand ordentlich umgestaltet. Seither weiss ich, wie auf Italienisch wortgewaltig geflucht werden kann. Was nun? Ich bewachte das lädierte Objekt. Mein Kollege holte per Velo ein Dressiersack mit Rahm in unserer Konditorei am Kreuzplatz und wir garnierten mit Händen und Dressiersack spät am Heiligen Abend an der Aarebrücke unter der Strassenlampe die Glacetorte. Es gab Trinkgeld oben in der Villa. Wir teilten den Batzen. Es war Weihnacht.

In der Weihnachtszeit holen mich überaus schöne Erinnerungen ein. Jung verheiratet spazierten meine Frau und ich in der heiligen Nacht durch Affoltern am Albis. Dort war unsere Gemeinde. Unsere beiden Babys legten wir rechtzeitig ins Bett. Und jetzt waren wir ganz allein. Überall gab es Kerzenlichter. Kein Mensch weit und breit. Nur Nacht, Stille, leere Strassen, knirschender Schnee unter den Schuhen. Aber da war noch die Hand und der hörbare Atem des geliebten Menschen. Ganz nah. Gott ist Mensch geworden, sagen wir. Und wir wussten in der Umarmung unter dem Nachthimmel was wir sagten: An Weihnachten wurde Gott ein Mensch. Uns war göttlich zu Mute.

Weihnachten fand immer ganz unten auf dem Boden der Alltagsrealitäten statt. Warum soll es im eigenen Leben anders zugehen als im muffigen Stall von Bethlehem? Einmal war am 24. Dezember Trauergottesdienst angesagt. Ein junger Mann kam ums Leben. Niemand wusste genau, ob es ein Unfall war oder Suizid. Die vielköpfige Familie und ein Teil der Berner EMK Gemeinde sass in der Kirche. Die Kerzen verbreiteten ein trauriges Licht an jenem Heiligen Abend. Am Grab gab es laute Schreie der Mutter und viele Tränen. Die Bibeltexte zum Weihnachtsfest trafen die Situation: „Finsternis bedeckt das Erdreich...“. Auch das war Weihnacht. Ich verstand das Weihnachtlied: „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –schuld...“

Die Familie sitzt im Kreis. Die Lichter am Christbaum brennen. Die Kinder sind kaum zu halten. Sie haben die Päckli im Visier. „O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit.“ Nein, das Lied dringt nicht durch. Mobiltelefone sind da. Immer wieder lärmt aus einer Ecke eine elektronische Kiste. Und dann will noch jemand ein Räucherstäbchen anzünden. Andere wollen, dass die Korken knallen. Ein Onkel setzt sich ab und pafft seinen Tabak auf dem Balkon. Zwei Kleine streiten sich wegen der Schokoladenmäuschen an der Spitze des Christbaumes. Aus der Küche dringt Bratenduft. Wann kehrt ein bisschen Besinnung ein? Die tiefe Sehnsucht der Seele nach dem Weihnachtslicht ist gross. Sehnsucht, ja Sehnsucht drängt sich vor! Auch das ist Weihnacht.

Spät in der Nacht höre ich mit meiner Frau auf Bachmusik: „Jesu, der du meine Freude...“ Andere hören vielleicht andächtig auf Melodien aus einem Jazzkonzert. Wieder andere trinken noch ein Glas Wein und halten sich die Hand. Irgendwo wird auch ein Mensch ganz allein den Sternenhimmel bestaunen und wehmütig an bessere Zeiten denken. Wie immer: Weihnachten kann mit Worten oder mit Musik oder noch ganz anders gefeiert werden. Weihnachten aber ist sicher ein Fest, wo wir eine leise Stimme hören, die uns sagt: Ich habe dich gern. Denn Gott hat uns gern. Er ist zu uns gekommen. Im Christkind will er bei uns sein.

Der obenstehende Artikel findet sich in der neusten Ausgabe von kirche+welt unter der Rubrik "Thema".
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Auch in der neusten Ausgabe:

- O du fröhliche: Wie es war. Wie es ist. Wie es ein wird.
- Umfrage: Was Pfarrer ihren Ehefrauen schenken
- Der neue Film: "Es begab sich aber zu der Zeit..."

Links:

Liedpredigt zu „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –schuld...“

Infos und Musikfiles zu „Jesu, der du meine Freude...“ von Johann Sebastian Bach



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