Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 13/2006 August - 03.08.2006   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Solange wir das Bild eines eher harmlosen Jesus haben, gleicht unser Leben einem trägen Löwen hinter Gittern. Was wir wieder brauchen sind Zähigkeit, Wildheit und Charakterstärke.

Der offensive Jesus

von Stefan Zolliker*

Christen haben aus verständlichen Gründen ein gebrochenes Verhältnis zur Stärke, insbesondere zur Stärke Jesu: Nein, für uns ist Jesus kein Kriegsherr, der mit allerlei Waffen und Untergebenen seine Feinde erledigt – vielmehr ein König der Herzen, eine König der Liebe! Die Stärke des Messias war seine subversive Kraft, sich nicht vor den Götzen ihrer Zeit zu verneigen, sie basierte nicht auf Waffengewalt und Imponiergehabe. Doch hat unter diesem Reden nicht die offensive Seite Jesu etwas arg gelitten?

Ich fürchte, wir haben dem kämpferischen Jesus zu stark die Zähne gezogen – wir lassen ihn nicht mehr zubeissen! Manchmal dünkt mich, wir kommen mit unseren Jesusbildern nicht mehr über das Niveau des „holden Knaben im lockigen Haar“ hinaus. Jesus ist für manche nicht viel mehr als harmloser Jüngling, stets umgeben von Kindern, zu denen er lieb ist, ihnen Schöggeli verteilt. Ein liebenswürdiger Kerl, der niemandem was antut. Der erste Sozialarbeiter mit Bart und Sandalen. Andere sehen in ihm so etwas wie ein Gentleman, der für Toleranz und freundliche Umgangsformen steht.

Dorothy Sayers bringt es auf den Punkt: „Die Christenheit hat dem Löwen Judas die Krallen gestutzt.“ Ich weiss nicht, ob Sie in der letzten Zeit mal irgendwo in einem Zoo waren, und einem dieser unglücklichen Löwen zugeschaut haben, der das Pech hat, seinen Lebensabend hinter Gittern zu verbringen. So ein 250 kg-Apparat, der müde daliegt und in die Ferne starrt – dem man aber immer noch etwas von seinem königlichen Glanz anspürt. Nur: Statt nachts durch die Savanne zu streifen, seine Kraft herauszubrüllen, die anderen Steppenbewohner vor Furcht erzittern zu lassen und hie und da ein Zebra zur Strecke zu bringen, sitzt er nun antriebslos da, bis ihm wieder das Futter durch eine Metalltüre serviert wird.

Ich fürchte, solange wir einen eher harmlosen Jesus haben, gleicht unser Leben dem Leben dieses Löwen. Noch aber haben wir die Chance, etwas von der Wildheit und Freiheit eines Löwenlebens zurückzugewinnen. Es ist höchste Zeit, wieder einmal über die Stellen in den Evangelien nachzudenken, die etwas von der Stärke Jesu zum Ausdruck bringen.

Wo z. Bsp. findet die Initialzündung zum Dienst Jesus statt? Bei einem netten Kaffeekränzchen in einem Kaffee Jerusalems? Nein! Draussen in der Wildnis, bei jenem Verrückten am Ufer des Jordans, der in einem Kamelhaarmantel herumlief, der die Gluthitze des Tages aushielt, wie auch die Kälte sternenklarer Nächte, zu dem die Leute freiwillig hinausgingen, bloss um sich kritisieren zu lassen, und um Busse zu tun!

Was tut Jesus nach feierlicher Einsetzung in seine Aufgaben durch die Taufe? Geht er nach Hause zu seinen Verwandten und feiert mit seinen Onkeln und Cousinen in der goldenen Krone seine Ordination? Nein: Jesus geht freiwillig 40 Tage in die Wüste, um zu fasten, und zum zu lernen, dem Teufel zu widerstehen. All die Siege, die er später in der Zuwendung zu den Menschen erleben wird – sie mussten zuvor innerlich erkämpft sein. Zuerst musste er sich in der wilden Natur den Kämpfen seines Herzens, seiner Gedanken und Wünsche aussetzen und dabei den Teufel durchschauen und bezwingen lernen!

Und dann? Welches war eine seiner ersten Taten, als er in der Zivilisation zurück war? Als Jesus in den Tempel ging und beten wollte, warf er in einer Blitzaktion alle Geschäftemacher aus dem Tempel. Für viele seiner Nachfolger bis heute ist diese Szene eine Entgleisung, die in ihrem Gottes- oder Jesusbild keinen Platz hat. Ein Jesus, der aggressiv wird, der dreinschlägt, um im Tempel die Ruhe wiederherzustellen, ist und bleibt für sie ein Fremdkörper, eine Störung, die gleich wieder aus dem Jesusbild herausretouchiert werden!

Oder lesen wir die Berichte von Jesu Sabbatheilungen. Hier habe ich manchmal das Gefühl, Jesus habe richtiggehend Streit gesucht. Bei manchen Heilungen stürzt sich Jesus, statt eine erbauliche Predigt zu halten, direkt in einen Schlagabtausch mit den Synagogenvorstehern. An sich war Jesus das Heilen im kleinen Kreis lieber. Denn er hielt nichts von Schauwundern. Aber wenn er am Sabbat heilen konnte, dann umso lieber vor der ganzen Gemeinde, um die verlogenen Motive der Synagogenvorsteher offen zu legen. Das war natürlich eine sehr gefährliche Strategie.

Wem diese Beispiele noch nicht genügen, der empfehle ich, Jesu Worte an die Schriftgelehrten in Mt. 23 zu lesen. Hier verlässt Jesus den Boden der Diplomatie. Hier geht er zum Angriff über. Die verlogenen Spiele der religiösen Führer werden schonungslos offen gelegt. Jesus zerrt ihnen die Maske vom Leib. Wo bleibt da der sanfte, harmoniebedürfte Jesus, der niemandem ein Häärchen krümmen könnte?

Was bedeutet nun dieser Befund für unseren Glauben? Wie können wir diesem starken Jesus gerecht werden, ohne dabei jener Gotteskriegersprache zu verfallen wie im Mittelalter? Wir müssen wieder einen Sinn für die die Werte wie „Zähigkeit“, „Wildheit“, Charakterstärke“ entwickeln. Das fängt damit an, wie wir Jesu Leben und Sterben verstehen. Sein Sterben und Dulden war nicht das Resultat von Schwäche und des Unterliegens, sondern gerade ein Ausdruck seiner innern Stärke und seiner Hingabe an Gott!

Wir sollten immer wieder den Mut finden, in der Nachfolge den Kampf aufzunehmen, statt die sanfte Tour zu wählen. John Eldrege schreibt in einem Buch über das ungezähmte Leben aus dem Glauben: „Es ist einfacher auf den Golf oder Tennisplatz zu gehen und ein paar schöne Bälle zu spielen, als sich im Büro mit den Leuten zu befassen, die einen Groll auf Sie hegen. Es ist einfacher, den Rasen zu mähen und am Auto zu basteln als mit der fünfzehnjährigen Tochter zu argumentieren.“

Letztlich stellt ein offensiveres Jesusbild auch unser Gottesbild in Frage. Jesus zeigt uns seinen Vater nicht nur als harmonisch, liebevoll, barmherzig und gütig, sondern auch als wild, als kämpferisch, ungezähmt, stets bereit zum Risiko. In Gottes Herzen steckt etwas Kämpferisches, Kühnes, Wildes. Lasst uns deshalb den Kampf immer wieder aufnehmen – mit einem starken Jesus vor Augen.

*Stefan Zolliker ist Pfarrer der EMK in Thun

Dieser Artikel findet sich in der neusten Ausgabe von kirche+welt.
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