Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 07/2006 April - 06.04.2006   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Es gibt kein Ende der Möglichkeiten, keine hoffnungslosen Fälle und keine endgültigen Abschlüsse mehr. Die Welt hat sich verändert – seit Ostern.

Alles andere ist nur Abspann

von Christoph Schluep-Meier

An Ostern geht es nicht um Konfessionen oder kirchliche Feiertage. Es geht auch nicht um ein üppiges Fernsehprogramm oder um verschiedenen Bücher, Krimis und Romane, in denen bewiesen oder wiederlegt wird, dass ein Archäologe das Grab Jesu mitsamt seinen Knochen gefunden hat. An Ostern geht es darum, dass das Schicksal der Welt und der Menschen besiegelt ist. Weshalb?

Nur aus Erfahrung

Am einfachsten ist, wenn wir uns vor Augen halten, was damals passiert ist. Die Bibel ist sehr schweigsam, wenn wir nach dem „Wie genau“ fragen: Kein einziges Wort wird verloren, den Vorgang der Auferweckung zu beschreiben. Auch Jesus selbst sagt nichts dazu, und alles, was wir erfahren, sind die Zeugenberichte. Frauen, ein paar Männer, die engsten Freunde zuerst, später dann auch noch grössere Gruppen: Sie alle behaupten, Jesus lebendig gesehen zu haben. Nicht als Geist, aber auch nicht ganz so, wie er früher war. Sie waren überzeugt: Sie hatten den Herrn gesehen, auferstanden von den Toten. Wie es geschehen sei, konnten sie nicht erklären. Ihr Glaube stützte sich allein auf die Erfahrung der Begegnung. Ostern ist keine Angelegenheit der historischen Begründung oder der medizinisch-natruwissenschaftlichen Erklärung, sondern einzig – und allein! – des Glaubens. Dass Jesus auferweckt worden ist, lässt nur aus der Begegnung mit dem lebendigen Christus schliessen. Das leere Grab, die Leichentücher, der weggerollte Stein sind zwar alles Hinweise, doch in sich immer noch zweideutig. Das Grab könnte auch aus anderen Gründen leer sein. Wird historisch nach der Auferweckung gefragt, so erhält man auch nur eine historische Antwort, die sich aus einem vergleichbaren Zusammenhang ermitteln lässt, denn historisch ist, was man bereits so oder ähnlich einmal gesehen hat oder belegen kann. Aber die Auferweckung lässt sich nirgends im Weltgeschehen einreihen. Oder gäbe es in unserer Erfahrung Vergleichbares, an dem die Auferweckung gemessen werden könnte? So ist die Auferweckung also eine existentielle Erfahrung, die im Glauben gemacht wird – nicht mit dem Hirn, sondern mit dem Herzen, mit der Seele. Oder glaubte irgend jemand an Jesus als den Christus, weil es ihm intellektuell eingeleuchtet hätte? Wohl kaum, sondern darum, weil ihm der lebendige Jesus begegnet ist.

Explosion der Sprache

Wenn sich dieses Ereignis tatsächlich so sehr von allem, was wir sonst erleben, unterscheidet, dann ist die Frage nach seiner Bedeutung auch nicht ganz einfach zu beantworten. Gott sprengt Raum und Zeit, und damit auch unsere Sprache. Es gibt für ein solch ausser- und überirdisches Geschehen keine einfache Erklärung, kein einzelnes Wort, das alles sagte, keinen Vergleich, der es auf den Punkt brächte. Dafür ist es zu unfassbar. Es gibt aber die Möglichkeit, sich anhand von verschiedenen Versuchen sozusagen an den Kern der Auferweckung heranzutasten, mit immer neuen und sich ergänzenden Versuchen, Bildern und Deutungen dem, was sonst sprachlich nicht fassbar ist, eine Kontur zu verleihen. Das hiesse dann aber, Abschied zu nehmen von einer simplen Erklärung, die schnell alles gesagt hat und es hiesse, sich darauf einzulassen, dass sich das, was an Ostern passiert ist, nur in verschiedenen Anläufen aussagen lässt.

Mehr als alles

Die Auferweckung bedeutet zum einen, dass es mehr gibt als alles. Gott in Christus überschreitet die Grenzen des Denkbaren und des Lebbaren. Dem Tod entrinnt niemand, er ist die Grenze, die allem Leben gesetzt ist. Auch Jesus stirbt – aber er bleibt nicht dort. Wenn Gott auch diese letzte Grenze überwindet, dann ist ihm letztlich nichts mehr unmöglich. Auferweckung heisst, dass es immer Hoffnung gibt, so hoffnungslos die Situation auch scheint – oder sogar ist. Auferweckung heisst, dass Gott nichts unversucht lässt, seine Kinder zu sich zurückholen, selbst wenn er dafür sterben müsste. Ostern heisst: Gott kommt an sein Ziel. Oder eher: Er ist bereits am Ziel angekommen. Nichts kann ihn mehr aufhalten, nichts steht ihm noch im Weg, nie gibt er auf. Auch wenn diese Welt und dieses Leben ein ewigwährender Karfreitag zu sein scheint, so trügt der Schein, denn es war Karfreitag, nun aber ist es und bleibt es Ostern. Das bedeutet allerdings nicht, dass den Christen keine Schranken mehr gesetzt wären, weil sie mit dem Herrn alles erreichen können, was sie wollen. Es heisst: Gott ist nichts mehr unmöglich. Nicht unsere Aktivität, unser Wirkeln und Werkeln ist primär gefragt, sondern unsere Hoffnung, unser Glaube.

Die Welt steht Kopf

Ostern bedeutet aber zum zweiten auch eine radikale Umwertung aller Werte. Wenn Gott, der Himmlische, der Erhabene, der Ewige, Mensch wird - irdisch, erniedrigt, schwach -, und dann erst noch stirbt, dann steht die Welt Kopf. Das, woran wir uns gewöhnt haben, ist aus den Fugen: Was gross war, ist jetzt klein, weil Gott das, was nichts wert ist, unendlich gross macht. Der Tod am Kreuz ist nicht das Ende, es ist erst der Anfang. Schwäche zu zeigen heisst nicht mehr, eine Nullnummer zu sein, sondern sich in besonderer Weise mit der Kraft Gottes verbunden zu wissen. Scheitern ist nicht die Tragödie verspielter Möglichkeiten, sondern dankbares Sichfallenlassen in die Hände dessen, der sie auch dann nicht wegzieht, wenn sie durchbort werden. Überhaupt jeder Leistung wird nicht mehr danach beurteilt, was sie mir selbst einbringt, sondern was sie in Hinblick auf den Menschen neben mir bewirkt. Gott handelt nicht für sich – da wäre er besser im Himmel geblieben –, er handelt ausschliesslich für uns. Ostern bedeutet: Für dich ist gesorgt, sorge du für andere. Die Welt steht Kopf, weil Gott an Ostern unser Gefüge ordentlich durchschüttelt. Dass auch in den Kirchen und in unserem eigenen Leben noch lange nicht alles auf dem Kopf steht, liegt wohl mehr an unserer Beharrlichkeit, beim Ewiggestrigen zu bleiben als an Ostern selbst. Denn die ist nicht mehr rückgängig zu machen.

Die Zukunft ist jetzt

Und Ostern bedeutet schliesslich, dass es keine Zukunft mehr gibt. Oder besser: Dass die Zukunft bereits jetzt stattfindet. Was am Ende der Zeit sein wird, wie Gott die Welt vollendet, als was er sich endgütlig offenbaren wird – das alles ist an Ostern schon passiert. Oder was könnte noch neuer und besser sein? Was wäre anders als das, was Gott uns an Ostern gezeigt hat? Am Karfreitag ist Gott in unsere Endgültigkeit hinabgestiegen, am Ostersonntag hat er sein endgültiges Wort dazu gesprochen. Und das wirbelt die Zeitenfolge ganz schön durcheinander: Jetzt schon ist die Zukunft gegenwärtig, das Ewige nimmt Besitz vom Zeitlichen, und was Vergangen ist, dominiert unser Leben nicht mehr. Denn das ist Vergebung: Dass Gott uns an Ostern von unserer zumeist selbstverschuldeten Vergangenheit befreit, die uns durch und durch prägt. An Ostern ist das Vergangene nicht mehr wichtig, denn Christus durchbricht die Zeiten. Wichtig ist, was jetzt passiert, denn es ist der Anfang des Endes. Wichtig ist, dass wir uns auf Gottes neue Zeit einlassen. Wichtig ist, dass wir bereit sind, das Vergangene vergangen sein zu lassen, wichtig ist, dass wir nicht nur vom neuen Leben reden, sondern das neue Leben leben. Wichtig ist, die Zeichen der Zeit zu lesen, und die stehen auf Vollendung. Wenn das Ewige Platz genommen hat im Gegenwärtigen, dann ist an Ostern schon alles passiert, was noch passieren könnte. Ostern ist alles, alles andere ist nur noch der Abspann!

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Links:

Auferstehung von Jesus - Bibeltext (Übersetzung: Das lebendige Buch)

Artikel in Wikipedia zu Ostern



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