Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 16/2005 September - 22.09.2005   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Markus Karau, getarnter Bettler inkognito, von kirche+welt losgeschickt, hat an 11 Pfarrhaustüren der EMK geklingelt und um Geld oder Essen gebettelt. Seine Geschichte war erfunden, aber seine Erlebnisse sind echt.

Der kirche+welt-Test: Geben EMK-PfarrerInnen etwas, wenn der Bettler klingelt?

von Markus Karau

Als Bettler für zwei Tage und die christliche Nächstenliebe der EMK-PfarrerInnen testen? So hat es doch auch schon der Kassensturz in der Weihnachtszeit bei der Landeskirche probiert, mit mässigem Erfolg. "Ich finde, das ist unchristlich!", meint eine gute Freundin. Wahrscheinlich ist ihr die Sache von beiden Seiten, Bittendem und Gebendem, ungeheuer: Mit Armut und mit Barmherzigkeit ist nicht zu spassen, und wo es um die schiere Existenz, das Überleben geht, ist es ethisch verwerflich, falsche Tatsachen vorzuspielen. Ich selbst fühlte mich geschmeichelt, für diese delikate Aufgabe auserlesen zu sein, waren doch schauspielerisches Talent, Improvisationsgabe und theologische Reflexion gefragt. Plus lebenspraktische Eigenerfahrung, sofern vorhanden! In der Tat: Mit über 40 Jahren, immer noch keinem abgeschlossenen Theologiestudium, weltenbummlerischen Erfahrungen, scheine ich als "Freak" bestens geeignet. Ausgewaschene Kleider, Stoppelbart und meine einäugige Hündin "Lala" tun das ihre dazu, mich erfolgversprechend auf die Piste zu entlassen.

Mehr „pushen“

Auf dem Weg zur ersten Adresse wird mir augenblicklich klar, eine weitere Eigenschaft bitter nötig zu haben: Unverfrorenheit und Routine, und nicht nur den Mut, die Klingel zu drücken! Habe ich mich übernommen? Was, wenn meine Geschichte nicht stimmt und der Schwindel auffliegt? „Es waren schon schrägere Gestalten im Auftrag des Herrn unterwegs“, denke ich und drücke. Nichts passiert. Noch mal. Jetzt öffnet jemand und hält die Tür nur zögerlich auf. Nein, der Pfarrer wäre heute nicht zu sprechen. Aha, sein Familienpersonal schirmt ihm erfolgreich den freien Tag ab, denke ich, und bringe scheu mein eigentliches Anliegen hervor. „Einen Moment bitte!“ Minuten vergehen, ich sehe den familiär wirkenden Innenhof im grossstädtischen Umfeld – kann ich schon auf eine Einladung zum Mittagessen hoffen, wo ich dann meine verschärfte eigene Biographie zum Besten geben darf? Leider nein, aber ich bekomme einen Essensgutschein für die nahegelegene Gassenküche! Vor lauter Glück vergesse ich zu „pushen“ und noch ein wenig mehr zu verlangen. Aber mein Dank ist echt und wird es auch bis zum Schluss bleiben.

Als Mensch gelten

Die nächsten beiden Anläufe waren frustrierender: Die Pfarrfamilie war nicht zu Hause oder die Kinder nicht befugt, einen Bettler mittels fünf Franken loszuwerden. Verständlich, aber wie oft kann ich es mir leisten, mit leeren Händen weiter ziehen zu müssen? Ich weiche aufs Land aus, es ist Abend geworden. Familien wollen nicht gestört werden beim Essen, aber ich suche meine Chance trotzdem. Ich beginne, meine Arbeit zu hassen, muss mich aufraffen. Doch mit diesem Gefühl könnte ich wenigstens versuchen, ein paar Tränen zu erzeugen für meine eingebildete Misere. Und siehe da, es gelingt: Echtes Augenwasser zu wirklichem Elend! Mein Lohn winkt: Neben dem kompromisslosen Nein zur Geldspende steht oft eine spontane Bereitschaft, ein paar Lebensmittel zu verschenken, sorgfältig zusammengestellt oder sogar liebevoll bereitet, wie ich gerne glauben möchte.
Jetzt dämmert mir, was ich mir wirklich wünsche: Als Mensch zu gelten, nicht nur als Empfänger dazustehen. Zur materiellen Not kommt diese existentielle dazu. Vielleicht ist sie der eigentliche Horror von uns wohlhabenden Schweizern: Etwas von Jemandem nötig zu haben, nicht allein für sich sorgen zu können. Kurz: Eine ökonomischen Unperson sein zu müssen. Ich verstehe, dass es etwas wert ist, auch in der Gassenküche etwas zahlen zu müssen, minimale Zeichen von „Restaurant“ zu erkennen, ja sogar lauthals eine Bedienung einzufordern!

„Erzähl mir dein Leben!“

Ich frage mich, wie ich als Pfarrer auf Türbettler reagieren würde. Sähe es man mir an, dass ich nur wegen meines Berufes und dem moralischen Pflichtenheft etwas gebe, ich den Kerl aber innerlich schon längst verabschiedet habe, weil ich ja noch besseres zu tun habe? Und überhaupt, was, wenn plötzlich alle zu mir kämen? „Bin I gopfridstutz en Kiosk, oder bin i öppen e Bank?“ hat schon Polo Hofer gesungen. Ein Pfarrfreund erzählt mir aus seiner Praxiszeit bei Pfarrer Sieber: Zuerst käme gleich die Kasse auf den Tisch, damit das leidige Lügen wegfalle, dann wäre Raum da für Seelsorge! Erzähl mir dein Leben, wenn ich dir schon etwas Geld geben soll. Verschwitzt komme ich nach Hause. Feierabend! Aus meinen Phantasien erwachend sieht das Lächeln meiner Freundin leicht säuerlich aus. Offenbar wirke ich bereits wirklich wie ein Clochard.

5 Fragen, 80 Franken

Der zweite Tag beginnt, und ich liebe meinen Job noch immer nicht. Ich kann zwar meine Not immer besser auf den Punkt bringen, ich weiss zu erklären, warum ich gerade hier und jetzt eine kleine Überbrückung brauche. Trotzdem erstaunt mich, dass niemand weiter zurückfragt, tiefer bohrt. Mit zwei Ausnahmen: Sie fordern mich wirklich, und jemand ermutigt mich auch zu konkreten weiteren Schritten, sei's auch nur aus Zweifel an der Glaubwürdigkeit meiner Geschichte. Woran liegt es, dass heute fast alle fünf, die ich anfrage, 10 oder 20 Franken spontan und aus dem eigenen Sack gegeben haben? Ich will es eigentlich gar nicht wissen, ich freue mich an jeder Gabe. Am eindrücklichsten ist es, in die Gesichter zu sehen: Als ob sie es „einem der geringsten meiner Brüder“ getan hätten, so kommt es mir ein paar Tage später vor – vielleicht schon etwas verklärt! Ob fröhlich, ernst, mitleidig, nachfragend, diskret, betroffen oder misstrauisch: Diese Blicke werde ich in Erinnerung behalten. Und auch den wenig beliebten Job. Trotzdem aber behält der Arme aus biblischer Sicht immer eine besondere Würde: Er hat Gott nichts zu geben als sich und seine leeren Hände.

Der obenstehende Beitrag findet sich in der neusten gedruckten Ausgabe von kirche+welt. Darin findet sich zum Test auch ein ausführlicher Kommentar von Christoph Schluep.
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Auch in der neusten Ausgabe von kirche+welt:

- Tagebuch: Bischof Bolleter macht sich Gedanken über seinen Ruhestand im nächsten Jahr
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