Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 17/2005 Oktober - 13.10.2005   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Ohne Frauen würde die EMK nicht funktionieren. Trotzdem haben Männer immer noch oft das Sagen. Ein Plädoyer für mehr Gleichwertigkeit.

Es ist doch allen soooo wohl! Wirklich?

von Jeannette Kasper-Reber

Was geschieht, wenn mit einem Schlag alle Frauen aus der Kirche weggezaubert werden? Der Pfarrer predigt am Sonntagmorgen vor fast leeren Kirchenbänken. In der Sonntagschule werden keine spannenden Geschichten erzählt. In der Bibelstunde wartet der Pfarrer vergeblich auf seine Schäflein. In der Chorprobe harren einige Bässe und noch weniger Tenöre der Dinge, die da nicht kommen werden. Kirchenfeste, Bazar, Krabbelgruppe, Jungschar, alles nicht mehr durchführbar. Kirchenräume bleiben ungeputzt. Nichts funktioniert mehr. Die verbliebenen Männer bilden eine Arbeitsgruppe, um die Situation zu analysierten und geeignete Massnahmen zu ergreifen. Was geschieht, wenn plötzlich alle Männer weggezaubert werden? Nichts, die Kirche funktioniert weiter.

Alle sind gleichwertig?

Obwohl seit 1981 in der Schweiz Frauen und Männer gemäss Verfassung gleichberechtigt sind, sieht die Praxis anders aus. Frauen sind in vielen Bereichen immer noch benachteiligt. Bei der EMK natürlich nicht. Sie ist stolz auf ihre (Laien)Frauen, auf ihre Pfarrerinnen und ihre Distriktsvorsteherin. Niemand muckt auf. Es läuft alles wie am Schnürchen. Nur nichts ändern. Es ist doch allen soooo wohl! Wirklich? Nach wie vor wird von Gleichberechtigung und Gleichstellung geredet, selten von Gleichwertigkeit. Vor Gott sind alle Menschen gleichwertig. Alle sind gleichwertig? Wo kämen wir denn da hin? Wir handeln doch nach dem Prinzip, dass zahlreiche gleichwertiger sind, zum Beispiel die Männer.

Es gibt auch Jüngerinnen

Die Frauen sind in der Kirche eindeutig in der Mehrzahl. Das war seit dem Anfang so. Sie sind es, die das Kirchenleben prägen. Dies gilt auch für die EMK. Umso erstaunlicher ist, dass sowohl Strukturen wie auch die Verkündigung und der ganze liturgische Bereich männlich geprägt sind. Es ist bekannt, dass es in Jesu Nachfolge viele Frauen gab und dies schon vor seinem Tod. Wer war denn das Volk, das ihm jeweils folgte? Doch mehrheitlich Frauen und Kinder. In der Verkündigung wird mehr von den Jüngern gesprochen als von Jüngerinnen. Und es gibt immer noch Pfarrer, die es nicht fertig bringen, im gleichen Atemzug Jünger und Jüngerinnen zu erwähnen. Selten werden Predigttexte gewählt, in denen Frauen eine zentrale Rolle spielen. Dabei macht die Bibel an vielen Stellen deutlich, wie wichtig Frauen für Gottes Handeln und Heilsplan sind. Warum also nicht eine Sprache wählen, die alle verstehen und die niemanden ausschliesst. Die Bibel wurde zwar von Männern geschrieben, aber Gottes Wort richtet sich an alle, auch an Frauen. Sie haben es längst nicht mehr nötig, sich den Männern anzupassen, auch nicht deren Theologie, die sie seit ewigen Zeiten machen.

Wenn Männer die Tagung gestalten

Die EMK ist eine Kirche mit wunderschönen weiblichen Farbtupfern, die erahnen lassen, was noch alles möglich wäre. Dies wird immer wieder sichtbar an von Frauen gestalteten Anlässen. So auch an der Tagung der Jährlichen Konferenz (JK) 2005, einer Strukturveranstaltung sondergleichen. Für die Rahmenveranstaltungen waren zwei Frauen verantwortlich. Mit ihren Beiträgen haben sie Farbe unter die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezaubert. Was für eine Wohltat für Seele und Geist und was für ein Gegensatz zu den trockenen Konferenzverhandlungen! Diese wurden (fast) nur von Männern sehr wortreich gestaltet. Und dies manchmal in einem Tempo und in einer Sprache, was selbst bei eingefleischten JK-Teilnehmenden Kopfschütteln hervorrief. Übrigens, an den Verhandlungen nahmen auch zahlreiche Frauen teil. Wohlverstanden, sie nahmen teil.

Kirchenvorstand: 16 zu 4

Die Strukturen an sich in der EMK sind von Männern geprägt, auch wenn beispielsweise auf Gemeinde- und Bezirksebene die Frauen in den Gremien gut vertreten sind. Wenn ich im „Verzeichnung der Organe und Werke“ in den Konferenzverhandlungen von 2004 blättere und schaue, wie Frauen vertreten sind, dann sieht es in einigen wichtigen Kommissionen anders aus! Im Kirchenvorstand sind 16 Männer und 4 Frauen vertreten, bei der Kommission für theologische und kirchliche Fragen 11 Männer und 3 Frauen. Beim Finanzausschuss steht es 6 zu 1. Im Bau- und Verwaltungsausschuss ist das Verhältnis 11 zu 3. Im Rat für die Medien steht es 3 zu 0, in der Herausgeberkommission „kirche+welt“ 6 zu 0. Im Wahlvorschlagsausschuss ist das Verhältnis 14 zu 5 (inkl. Ersatz).
Wenn Frauen jedoch in der Überzahl sind, warum spiegelt sich dies in Leitungsfunktionen nicht wider? Sind wir selber schuld? Jein.

„Ich bin halt nur...“

Frauen nehmen sich oftmals stark zurück. Sie getrauen sich nicht, ihren männlichen Kollegen Paroli zu bieten. Sie trauen sich zu wenig zu. Leider! Sie vergleichen sich viel stärker mit anderen, als Männer dies tun. „Ich kann nicht so gut reden wie du.....Ich kann das nicht so gut wie du“, oder wie die Sprüche alle heissen. Männern kommt eine solche Formulierung wahrscheinlich nicht einmal in den Sinn. Und dann ist da noch das kleine Wörtlein „nur“. „Ich bin halt nur... Ich kann halt nur....“ Sie machen sich damit klein, obwohl sie dies gar nicht nötig haben. Das Wörtlein „nur“ wirkt sich negativ aus, denn es wird vom Gegenüber, wer immer dies ist, gehört und gespeichert. An Sitzungen verstummen sie und sagen kein Wort, obwohl sie zu den Geschäften einiges zu sagen hätten. Aber eben, wenn der Pfarrer argumentiert oder Manager XY oder Lehrer Z, dann verstummt Hausfachfrau. Sie kann „halt nicht so gut formulieren“ und „schliesslich haben die ja studiert“. Auch neigen Frauen dazu, sich gegenseitig zu konkurrenzieren. Eine Frau, die weiss, was sie will und entsprechend handelt, wird nicht selten als egoistisch angesehen, sie gilt als eingebildet und arrogant. Die Mehrfachbelastung der Frauen spielt sicher auch eine wesentliche Rolle, warum sie sich nicht in Gremien wählen lassen. Alles unter einen Hut zu bringen und darauf zu achten, dass die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen, ist alles andere als einfach.

Die Frauen kommen

Frauen sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, aber nicht unbedingt nach den Spielregeln der Männer. Wir denken und handeln in der Regel weniger wirtschaftsorientiert als Männer. Für uns steht nicht primär die Rendite im Vordergrund, nicht alles muss rentieren und sich lohnen. Wir kommen mit wenig (Kirchen)Strukturen aus. Wo Männer analysieren und strukturieren, packen Frauen zu und handeln. Gerade was die (Kirchen)Strukturen betrifft, müsste sich einiges, um nicht zu sagen vieles, ändern. Warum nicht beispielsweise Sitzungstermine so legen, dass auch Mütter mit Kindern teilnehmen können (nicht immer kann der Mann/Partner die Kinder hüten). Warum immer Rücksicht nehmen auf die Erwerbstätigen? Und warum nicht Geld einsetzen, um jungen Müttern eine Kinderbetreuung zu ermöglichen? Oder an der Tagung der Jährlichen Konferenz während der Verhandlungen einen Kinderhort anbieten? Oder Neueinsteigerinnen in einem Amt begleiten, vergleichbar mit einer „Gotte“ oder einem „Götti“?
Frauen sind eigentlich brillante Macherinnen, Organisatorinnen, Krisenmanagerinnen und Lebensunternehmerinnen. Von ihren Erfahrungen könnte die Kirche noch viel mehr profitieren als bisher. „Wir lieben unsere Kirche“ heisst ein Büchlein über die EMK. Wenn wir Frauen dies nicht täten, wäre es um die Kirche noch viel schlechter bestellt. Frauen und Männer sind gleichviel wert.
Die EMK hat hier einen Auftrag, den sie ernster nehmen sollte als bisher. Die Kirche ist ein Übungsfeld für alle. Hier darf geübt werden. Seit Jahrhunderten wird dieses Feld hauptsächlich von Männern abgesteckt und beansprucht. Sie üben und üben.... Aber aufgepasst! Die Frauen sind in der Überzahl und üben auch. Und sie kommen erst noch voran. Langsam, aber stetig!

*Jeannette Kasper-Reber ist Lebensunternehmerin, interessiert an Lebensgestaltung und Glaubensfragen.
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Der obenstehende Beitrag findet sich in der neusten gedruckten Ausgabe von kirche+welt. Auch in der neusten Ausgabe:

- Tagebuch: Bischof Heinrich Bolleter über Toleranz
- Kontrovers: Die Kirchen sagen Nein zur Sonntagsarbeit
- Filmitpp: Renn, und es wird ein Wunder geschehn!

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