Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 18/2005 November - 03.11.2005   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Immer wieder verlassen Pfarrer unsere Kirche. Warum? Ernst Gisler geht dieser Frage nach und gibt Anregungen für eine zukünftige Pfarrerschaft und EMK. Und er fordert: Geht als Menschen zu den Menschen!

Was ist mit den Pfarrern der EMK los?

von Ernst Gisler*

Pfarrer quittieren den Dienst! An der Jahreskonferenz 2005 mussten wir in unserer Pfarrerschaft vier ordinierte Leute ziehen lassen. Zwei EMK-Pfarrer, vor relativ kurzer Zeit zu Direktoren im Diakonat Bethesda Basel und im Diakoniewerk Zürich berufen, arbeiten zwar dort weiter, aber nicht mehr im Pfarrer-Status. Weitere zwei Männer beendeten den Dienst in der Kirche als Gemeindepfarrer. Ich wurde gefragt: Was ist mit unseren Pfarrern los?

Wenn ein Pfarrer die Kirche verlässt

Austritte sind nicht neu. Ich erinnere mich, wie während meiner Seminarzeit zwei Kommilitonen nach abgeschlossener Ausbildung den Hut nahmen. Der eine wurde wieder Primarlehrer, der andere später Professor an der Uni Basel und ETH Zürich. Wenn ich recht zähle, traten seit meinem Dienstantritt von 1964 bis heute 66 PfarrerInnen sowie 13 GemeindehelferInnen aus der Dienstgemeinschaft aus. Manche kehrten der Kirche den Rücken, andere engagierten sich als Laien in der EMK.

Warum ein Pfarrer sein Amt verlässt, hat unterschiedliche Gründe. Bei den erwähnten Männern von 1961 war klar: Der eine konnte sich nicht mehr mit der Kirche identifizieren, weil sich die EMK ökumenisch öffnete, der andere empfand unsere Kirche als geistig eng und autoritär.

Austritte von Pfarrern provozieren in der Regel grosses Bedauern. Es ging meist um fähige Leute, gute Prediger, feinfühlige Seelsorger. Austritte hatten fast immer private Gründe. Einige kamen mit dem methodistischen Zahltag nicht zurecht, wenige fanden nicht die erhoffte kirchliche Karriere, wieder andere litten unter der Last des Amtes, erfuhren Ehepartner oder Familie als Hindernis, wurden von Krankheiten heimgesucht, oder hatten eines Tages einfach genug und wollten sich in legitimer Weise neu orientieren.

Nicht zu vergessen, dass unsere EMK auch einige Pfarrer entlassen musste. Der Pfarrer kann zum Gemeindekiller werden. Er blockierte das Leben bei sich selber und in seiner Umgebung. Sturheit und fundamentalistische Rechthabereien machen nicht Halt vor den „Gesalbten des Herrn.“ Dann muss die Kirchenleitung handeln. Schwere Entscheidungen!

Was können wir tun?

1. Pfarrer nicht in Watte packen

Durch „Begleitzeit“ der Pfarrer und „Supervision“ wird den Geistlichen der EMK enorme Hilfe angeboten. Wenn ich an Menschen in andern Berufen denke, die als Architekten, Bäcker, Maurer, Musiker, Alleinerzieherinnen und Kellnerinnen ihren Weg in einer konjunkturell schweren Zeit suchen müssen, entdecke ich eine Diskrepanz: Hier wird nach meiner Meinung in Watte gepackt, dort meist ins kalte Wasser geworfen. Ich habe den Eindruck, dass bewährte Pfarrer mit Durchhaltekraft dort zu finden sind, wo hart gefordert wird. Die Frage ging mir dann und wann durch den Kopf: Dient der Pfarrer der Gemeinde, oder muss die Gemeinde dem Pfarrer dienen? Oft reizt es mich, aus früheren und schwierigeren Zeiten zu erzählen. Das bringt nichts. Trotzdem empfehle ich den jungen Leuten, Biografien der älteren Generation zu studieren. Mir war immer klar: Einen Mitmenschen kann die Gemeinde darin ernst nehmen, indem sie viel von ihm verlangt. Die heutigen Vollzeiter sind Kinder der Wohlstands- und der Verwöhnungskultur. Sie können nichts dafür. Aus meiner Sicht haben Pfarrer und Pfarrerinnen weniger Tragkraft. Warum wollen immer mehr Pfarrer nicht mehr in den Kapellen wohnen, dafür irgendwelchen Ausländern solche Wohnungen zumuten, sich selber in ruhigere Quartiere absetzen und an den Sonntagen nicht bereit sind, mehr als einen Gottesdienst zu halten? Persönlichkeitsschulung und geistliches Training würde ich jeder Form einer teuren Managementausbildung vorziehen. Vielleicht heisst es in einer späteren Kirchengeschichte: Sie wollten Geistliche, aber sie bastelten gescheite, aber schwache Theoretiker. Ich wünsche mir für meine Kirche gut ausgebildete und starke Persönlichkeiten als Gemeindeleiter. Ich wünsche mir Vollzeiter, die sich risikofreudig ins „Geschäft legen“ und die Gemeinden mit Hoffnung anstecken! Ich wünsche mir Originale, die gelegentlich quer kommen, die aber die Kirche und ihre Menschen lieben. Ich wünsche mir Persönlichkeitsprofile.

2. Welche Pfarrer wollen wir?

Ich bedaure sehr, dass wir enorme Lücken haben im Blick auf den Pfarrernachwuchs. Unser Seminar im Deutschen Reutlingen wurde hoch geehrt mit der Anerkennung als staatliche Fachhochschule. Doch was bringt es, wenn wir immer schärfere Messer schleifen, aber keinen Braten finden zum Schneiden und trotz hochtheologischer Feinkost Hunger leiden? Ermöglichen die akademischen Leistungen auch den nötigen Bodenkontakt zu unseren Alltagsmenschen? Warum steigen nicht vermehrt Frauen und Männer in diesen für mich faszinierenden Beruf ein? Trotz der vielen Gebete und den hohen finanziellen Opfern an unser Seminar sind es nur noch einzelne, die dort studieren. Wirken wir als die jetzigen Amtsinhaber begeisterungslos? Haben unsere Ausbildungsstätten für viele Frauen und Männer nur noch die kühle Ausstrahlung eines Schneemannes? Oder sind die Gemeinden schlaff und müde, so dass es keine Leute anzieht für das Pfarramt?

3. Anfragen an die Gemeinden

Pfarrer quittierten den Dienst auch wegen ihrer Erfahrungen in den Gemeinden. Das sage ich ohne Schuldzuweisung. Aber da und dort dominieren Zank und Streit den Betrieb. Kleine Geister wollen freies Denken behindern. Päpste gibt es nicht nur in Rom. Welche Chance hat ein feinfühliger Gemeindeleiter gegen fromme Haudegen? Zugleich: Wie finden Gemeinden einen Weg mit Pfarrern, die nicht über den Tellerrand ihre Schultheologie hinaussehen?

4. Mein leidenschaftliches Anliegen zum Thema

Für mich ist folgende Frage wichtig: Was macht unsere EMK attraktiv? Vor Jahren ist von einem EMK-Pfarrer das Buch erschienen: „Wir lieben unsere Kirche!“ Eines finde ich im alten Buch zeitlos wichtig – und ich sage es mit meinen Worten: Orientiert euch nicht landeskirchlich an Orgeln, Talaren und Löhnen. Orientiert euch auch nicht an denen, die im Moment allerlei bengalisches Feuer entwickeln, sei es mit amerikanischem oder sonstigem religiösem Lärm. Als EMK haben wir eine wunderbare Geschichte mit eigener Produktgestaltung. Die Kirche ist ein einziger grosser Festplatz für uns und andere.
Eine attraktive Kirche findet sicher Menschen, die sich darin engagieren wollen. Methodistisches Selbstbewusstsein darf fröhlich gepflegt werden. Mit grosser Gelassenheit hat Jesus gefragt: „Wollt ihr auch weggehen?“ Er hat die, die gehen wollten, ziehen lassen. Das ohne Weltuntergangsstimmung. Denn die Sache Gottes geht weiter. Auch wenn Leute aussteigen. Aber die, die bleiben, können wir nie genug ermutigen und ihnen voller Zuversicht sagen: Es gibt kaum einen Beruf, der so sinnvoll ist, wie der eines Pfarrers. Auch in der EMK.

5. Wie weiter?

Der Dienst im Pfarramt ist schwieriger geworden. Die Kirche mit ihren Strukturen hat sich verkompliziert. Bürokratismus mit steigendem Papierverbrauch bedrängt die Kirche. Wo aber ist die Kraft des Methodismus? Papier hat kaum Wirkung. Weder Professionalität noch gut organisiertes Management brachten eine Wende. Das Ziel kann nur eine Transformation zum Einfachen sein. Das heisst: Leben im Stil des Narren Jesus von Nazareth. Konkret gesagt: Geht als Menschen zu den Menschen! Die Mitmenschen in der kleinen und grossen Welt ist nach methodistischer Tradition unser „Kirchspiel.“ Bei einigen jungen Pfarrfamilien in ihrem für mich alternativen Lebensstil und der praktizierten Bescheidenheit sehe ich Ansätze, deren Glaubwürdigkeit nicht ohne Wirkung sein kann. Die Vollzeiter sitzen weniger im Büro, sondern sind bei den Menschen. Die Umgebung wird es merken. Ich hoffe, dass die Begeisterung für den faszinierenden Pfarrerberuf aufersteht. Gleichzeitig hoffe ich, dass es der EMK gelingt, attraktive Gefässe zu geben, darin sich unsere Vollzeiter entsprechend ihrer Überzeugung fröhlich entfalten können.

*Ernst Gisler lebt seit 2003 als aktiver Ruheständler in Winterthur, stand 40 Jahre im Pfarrdienst der EMK, davon acht Jahre als Distriktsvorsteher.
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