Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 09/2005 Mai - 12.05.2005   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Aus den ersten beiden Kapiteln des Galaterbriefs erfährt man nicht nur etwas über den Werdegang von Paulus, sondern es geht auch um die Frage, wer das richtige Verständnis für das Evangelium habe.

Lasst die frommen Fesseln fallen

von Felix Wilhelm-Bantel

Im Galaterbrief kommt das innere Engagement von Paulus am deutlichsten zum Ausdruck. In den ersten beiden Kapiteln stellt Paulus klar, dass über seine apostolische Autorität nicht verhandelt werden kann. Er hat von Christus selber die Erkenntnis in die radikale Zuspitzung des Evangeliums auf die Formel "solus Christus – Christus allein" empfangen. Die Apostel in Jerusalem, Männer, die Jesus zu seinen Lebzeiten noch in die Nachfolge gerufen hatte, hätten seine Theologie anerkannt, schreibt Paulus. Sie entspreche dem, was Jesus gepredigt und gelehrt hatte. Dessen ungeachtet kam es in Antiochia zu einer heftigen Konfrontation mit Petrus. Ausgerechnet Petrus zeigt sich als Zauderer, der nicht wagt, die radikalen Konsequenzen des Evangeliums von Jesus Christus in die Tat umzusetzen.

Im Blick auf die Geschichte der ersten Christen sind die ersten beiden Kapitel des Galaterbriefes interessant, weil Paulus darin erzählt, wie er die Jahre nach seinem Damaskuserlebnis verbracht hat. Seine biographischen Notizen decken sich nicht mit dem, was die Apostelgeschichte dazu schreibt. Das ist Anlass für Diskussionen zum Leben von Paulus und der ersten Christen.

Wer hat das richtige Verständnis?

Mich interessiert mehr die theologische Diskussion, die Paulus mit den Galatern führt. Genau genommen handelt es sich nicht bloss um eine Diskussion, sondern um einen Streit: Welches ist das echte, das richtige Evangelium? Paulus und die Christen in Galatien haben die Überzeugung, ihr jeweiliges Verständnis des Evangeliums sei besser als das des bzw. der anderen.

Der Nachwelt ist nur der Brief von Paulus überliefert worden. Was die Galater an Überzeugungen und Argumenten einzubringen hatten, ist nur indirekt aus diesem Brief von Paulus zu erahnen. Das biblische Zeugnis scheint klar: Die Position von Paulus ist die bessere – die einzig richtige und einzig mögliche, müsste man sogar sagen. In der praktisch gelebten Frömmigkeit von Kirchen und Gemeinden und Gläubigen haben sich jedoch eher Überzeugungen durchgesetzt, die jener der Galater näher stehen: Immer wieder wird die Ansicht vertreten: Solus Christus ist schon recht. Aber es kann nicht schaden, wenn man als Christ bzw. als Christin das auch sichtbar macht, indem man bestimmte Regeln beachtet und verschiedene Dinge vermeidet (Als Christ sollte man eben – oder sollte man eben nicht …).

Wenn anderes eine Bedeutung bekommt

Ich erlaube mir, an dieser Stelle eine gewisse Verwunderung darüber zu bekunden, wie leicht oder wie schnell (Gal 1,6) Gläubige dazu neigen, neben dem "Solus Christus" anderen Glaubensinhalten oder Überzeugungen entscheidende Bedeutung beizumessen. Ich bin verschiedenen solchen Strömungen begegnet:

·Einmal bekommt Sündenerkenntnis sehr grosse Bedeutung: Wer ein rechter Christ sein will, habe sich v.a. mit seinen Sünden bzw. mit der Erkenntnis seiner Sünden zu beschäftigen, wird gesagt.
· Ein anderes Mal spielt die Rechtgläubigkeit des Pfarrers oder der Kirche eine wichtige Rolle: Nur wer sich zur "reinen Gemeinde" hält, wird gerettet.
· Dann wieder scheinen bestimmte Erfahrungen mit dem Geist Gottes zu zeigen, ob man auf der rechten Seite steht oder (noch) nicht.
· Manchmal wird die Haltung gegenüber dem Staat Israel zum Kriterium über Heil bzw. Verlorenheit gemacht.
· Gottesbilder werden oft dazu herangezogen, um das wahre vom "anderen" Evangelium unterscheiden zu können. (Da geht es z.B. um die Frage, ob Gott auf einem Thron sitzt oder nicht.)
· Immer wieder bieten Ansichten zur Moral Gelegenheit, das echte vom "anderen" Evangelium zu unterscheiden.
Die Aufzählung liesse sich beliebig erweitern!

Warum nur fällt es Christinnen und Christen immer wieder schwer, das "Solus Christus" gelten zu lassen und sich gerade mit diesem Fundament ungeniert dem Leben zuzuwenden? Warum beschleicht uns so leicht die Angst, dass der Zügellosigkeit Tor und Tür geöffnet würden, wenn nicht mit "klaren" Weisungen Grenzen gesetzt werden?

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Auch in der neusten Ausgabe von kirche+welt:

- Das Partnerschaftsgesetz - Die Argumente der Gegner
- Buchtipps: Warum es sich lohnt, auch katholische Bücher zu lesen
- 10 Fragen, 10 Antworten: Dr. Rüdiger Minor, Bischof im Ruhestand

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