Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 06/2005 März - 24.03.2005   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Christoph Schluep-Meier und Esther Walch-Schindler geben Antwort aus eine Auswahl von Fragen der Leserschaft zu ihren Pro- und Contra-Artikeln in den letzten beiden Ausgaben von kirche+welt.

Allversöhnung: Fragen und Antworten

Macht die Lehre der Allversöhnung eine Mission/Evangelisation nicht unnötig, weil sowieso alle in den Himmel kommen? Nehmen die Vertreter der Allversöhnung den Missionsauftrag Jesu überhaupt noch ernst bzw. zur Kenntnis?

Christoph Schluep-Meier: Die Allversöhnung lehrt nicht, dass "sowieso alle in den Himmel kommen", sondern dass Gottes Gnade so weit geht, dass er sich sogar für die ärgsten Sünder und Spötter kreuzigen lässt, damit auch sie nicht ewig verloren gehen. Diese Hoffnung, diese Zusage der Rettung, diese Wahrheit für das Leben gilt es, in die Welt zu tragen, und genau das ist ja der Missionsauftrag. Ich verzichte keineswegs auf die Mission/Evangelisation, sie liegt mir vielmehr sehr am Herzen. Aber nicht, weil ich Angst habe, dass die Sünder in der Hölle schmoren werden, sondern weil ich ihnen die Wahrheit über ihr Leben und die Hoffnung, die für sie besteht, so früh wie möglich sagen möchte. Denn jeder Tag, der in der Wahrheit des Christus gelebt wird, ist ein gewonnener Tag, und jeder andere ein verlorener.

Wie erklärst du die Worte Jesu über die Endzeit in Mk.13 oder die Gleichnisse in Math. 25?

Christoph Schluep-Meier: In Mk 13 kommen gar keine Gerichtsworte vor sondern Aussagen über das katastrophale Ende der Welt. In Mt 25 wird das Gericht beim Namen genannt, allerdings nicht aufgrund des Glaubens oder Unglaubens, sondern aufgrund der guten Taten (Kleiden der Armen, Besuchen der Gefangenen etc.). Die Gerichtsstelle macht andere Stellen, die von der Allversöhnung sprechen (z.B. Kol 1,19f) nicht belanglos. Gerade jetzt wird die Frage aktuell: Wie gewichte ich sich widersprechende Aussagen in der Bibel? Entweder sagen wir, dass wir es nicht sagen können. oder wir entscheiden uns aufgrund dessen, was als Zentrum der Bibel erscheint, für eine der beiden Lösungen. Die Rechtfertigung der Gottlosen durch die bedingungslose Liebe Gottes scheint mir das Zentrum zu sein – daran orientiere ich mich, gerade auch dann, wenn die Aussagen nicht eindeutig oder sogar widersprüchlich sind.

Können Sie sich vorstellen, in Ewigkeit glücklich in Abrahams Schoss zu ruhen, währenddem vielleicht ihr Nachbar in Ewigkeit heult und Zähne klappert?

Esther Walch-Schindler: Vorstellungen über die Ewigkeit gibt es viele. Auf jeden Fall wird es viel schöner und wunderbarer sein, als wir es uns ausmalen können. Ich freue mich darauf und hoffe, dass ich die Ewigkeit bei Gott erleben werde. Ob wir dann noch so „menschlich irdisch“ sind, dass wir an die denken, die nicht dabei sind, weiss ich nicht. Ich stelle mir aber vor, dass, wenn wir völlig bei Gott sind, es ganz anders sein wird, als wir uns das jetzt denken können. Es wird ja weder Leid noch Schmerz noch Tränen mehr geben (Offb. 21). Da Gott weiss, was er tut, muss ich mir dann auch keine Sorgen mehr um andere Menschen machen. Ich kümmere mich also besser jetzt in diesem irdischen Leben um den Nachbarn und die Nachbarin.

Du schreibst von der "Aussage der Bibel". Was ist "die Bibel", bzw. ihre Mitte, ihr Zentrum?

Esther Walch Schindler: Wir stehen kurz vor Ostern. Tod und Auferstehung Jesu sind das Zentrum der Bibel. Ein Drittel des Markusevangeliums ist diesen letzten Tagen gewidmet. Auch die übrigen Evangelien zielen auf Karfreitag und Ostern hin. Die Versöhnung Gottes mit den Menschen, seine Heilstat für alle, die daran glauben, ist die Mitte der Schrift. Von Ostern her sollen alle anderen biblischen Texte beleuchtet werden.
Wenn diese Botschaft, die gute Nachricht von Tod und Auferstehung Jesu Christi, das Zentrum ist, dann gibt es auch Gedanken und Ideen, die weiter weg von diesem Zentrum stehen und darum weniger zentral sind. Dazu gehört zum Beispiel, wie es im Gericht genau zugehen wird.

Was passiert mit den Menschen, die nie von Gott gehört haben?

Esther Walch Schindler: Zum Glück muss ich als Mensch nie über andere Menschen richten. Das gilt für Befürworter und Gegner der Allversöhnungslehre. Dieses Amt übernimmt Gott selber und ich überlasse es gerne ihm. Da ich glaube, dass Gott auch ins Verborgene sieht, wird er auch wissen, was er tut. Viel wesentlicher scheint mir darum die Frage, wieso es Menschen gibt, die nichts vom christlichen Gott gehört haben. Haben nicht wir, die christliche Kirche, versagt? Seit bald 2000 Jahren sind wir dabei, die gute Nachricht in aller Welt zu verbreiten. Wie kommt es, dass immer noch nicht alle Menschen im heutigen multimedialen Zeitalter in einer globalisierten Welt von Gott gehört haben? Diese Frage müssen wir uns gefallen lassen und darauf im persönlichen Umfeld reagieren.

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Der obenstehende Artikel findet sich in der aktuellen Ausgabe Nr. 6/2005 der Zeitschrift kirche+welt unter der neuen Rubrik "kontrovers":

kontrovers - Aktuelle Themen, unbequeme Fragestellungen und interessante Diskussionspunkte sollen hier besprochen werden. Und nicht nur aus einer Sichtweise, sondern immer aus beiden. Ein Artikel pro – ein Artikel kontra!
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Auch in der neusten Ausgabe Nr. 6/2005 von kirche+welt:

- Kann man die Bibel wörtlich nehmen?
- Wenn 100'000 Menschen miteinander diskutieren
- 10x10: Franz Schäfer, Bischof i.R., antwortet

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