Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 05/2005 März - 10.03.2005   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Die Verfechter der Allversöhnungslehre stützen sich auf sehr wacklige biblische Grundlagen.

Gott geht das Risiko ein, von uns abgewiesen zu werden

von Esther Walch Schindler

Für die Befürworter der Allversöhnung ist die Vorstellung der Hölle unmöglich. Sie können und wollen nicht verstehen, dass Gott gleichzeitig gerecht ist und voller Liebe und Gnade. Zugegeben, für uns Menschen mit dem beschränkten Horizont und dem dualistischen Denken, entweder ist Gott gerecht oder gnädig, ist es nicht einfach, beides gleichzeitig zu sehen. Aber genau in Bezug auf Gott kommt uns unsere menschliche rationalistische Logik immer weider in die Quere. Er ist beides zugleich, gerecht und gnädig, strafend und vergebend, bestimmend und Freiheit gebend. Gott schenkt uns Menschen Entscheidungsfreiheit und lenkt auch unseren Willen und unser Vollbringen. Alle diese Aussagen zusammen zu denken, das widerstrebt den modernen Menschen. Und doch stehen wir Christinnen und Christen ständig in dieser Spannung. Wir beten, legen unsere Anliegen Gott vor und wissen gleichzeitig, dass Gottes Willen geschehen soll. Wir reden von Gottes Liebe und erleben trotzdem Leid und Gottverlassenheit. Der Vater des epileptischen Knaben bringt es auf den Punkt: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Der christliche Gott zeigt sich nicht in der Kategorie Entweder-oder sondern im Sowohl-als- auch-Denken.

Jesu Reden über das ewige Leben und die ewige Verdammnis

Jesus spricht immer wieder von der Scheidung der Guten und Bösen im Endgericht, so z.B. in Math. 25,46, wo die einen in die ewige Strafe und die anderen in das ewige Leben gehen. Auch in seinen Gleichnissen gibt es immer solche Menschen, die in die Gottesherrschaft eingehen und solche, die draussen bleiben müssen (Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen Mt.13,24-30, Gleichnis vom Fischernetz Mt. 13,47-50, Gleichnis vom grossen Gastmahl Lk.14,15-24, Gleichnis von den zehn Jungfrauen Mt.25,1-13 und viele andere). Auch der berühmte „goldene“ Vers Joh. 3,16 und die folgenden gehen klar vom Glauben an Christus und seine Erlösungstat aus als Eingangstür zum ewigen Leben bei Gott. Die Lehre der Allversöhnung ist darum ein Konstrukt des menschlichen Verstandes und entspricht nicht den Hauptaussagen in der Botschaft Jesu. Ständig ruft Jesus seine Zeitgenossen in die Nachfolge. Jetzt ist der Zeitpunkt, der richtige Kairos, wo sich das Heil Gottes den Menschen offenbart. Wer ihm nachfolgt, der hat das ewige Leben.

Der Sünde Sold ist der Tod, die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben

Wer für die Allversöhnung einsteht, hat einen schwachen Sündenbegriff und eine bequeme Auffassung vom Erlösungswerk Jesu. Menschliche Sünde verdient dann einfach ein gewisses Strafmass und kann gereinigt werden. Die Strafe dient zur Besserung und ist einfach ein Erziehungsmittel Gottes. Der brutale Tod Jesu am Kreuz zeugt nicht mehr vom menschlich unüberwindbaren Riss, der uns Menschen von Gott trennt. Musste Jesus dieses Opfer überhaupt bringen, wenn Gott sowieso alle Sünder reinigen kann? Auch das Zeugnis der christlichen Märtyrer wird abgewertet. Wieso hätten sie qualvoll sterben müssen, wenn sie doch auch sonst nach einer gewissen Zeit der Reinigung ins Himmelreich gekommen wären? Sie würden nach der Meinung der Allversöhner am Schluss die Ewigkeit am gleichen Ort verbringen, wenn sie ihrem Glauben abgesprochen hätten. Wer würde da nicht den bequemeren Weg wählen und dem Widerstand ausweichen? Die Lehre der Allversöhnung wiegt uns in einer falschen Sicherheit. Nehmen wir an, sie würde wirklich stimmen, dann wäre das für diese Menschen letztlich kein Problem. Sie kämen nach ihrem Tod sicher zu Gott, wenn eventuell auch erst ein bisschen verspätet. Aber was macht das schon aus im Angesicht der Ewigkeit. Stimmt die Lehre der Allversöhnung aber nicht, was wir wohl erst nach unserem irdischen Leben wirklich mit absoluter Garantie wissen werden, dann hätten die Menschen ein Problem, die darauf vertraut haben und sich nicht an Gottes Gnade und Versöhnung gehalten haben während ihres irdischen Lebens. Und Christinnen und Christen müssten sich bittere Vorwürfe machen, weil sie ihre Nächsten zu wenig auf den christlichen Gott aufmerksam gemacht haben.

Gott geht bewusst ein Risiko ein

Wer meint, dass das Versöhnungswerk von Jesus misslungen ist, wenn nicht 100% der Menschen am Schluss bei Gott sind, der irrt. Nirgends geht die Bibel davon aus, dass alle Menschen die Ewigkeit mit Gott verbringen werden. Gott geht bewusst das Risiko ein, dass er von den Menschen abgewiesen werden kann. Er ist sich bewusst, dass das zur Entscheidungsfreiheit gehört. Wer letztlich gar nicht wählen kann, ob er mit Gott rechnen will oder nicht, der ist nicht wirklich frei. Wenn dann am Schluss, selbst nach einer grossen Reinigung – von der katholischen Kirche als Fegefeuer benannt – alle zu Gott kommen müssten und die Hölle leer wäre, würde Gott unsere Entscheidung nicht ernst nehmen. Wer sein Leben lang nichts von Gott wissen will, der muss auch die Ewigkeit nicht mit ihm verbringen. Da ist Gott völlig konsequent. Gott schränkt seinen Einfluss auf uns willentlich ein, damit wir selbständig und mündig entscheiden können, zu wem wir gehören wollen. Gott übt keinen Zwang auf uns aus, was aber nicht heisst, dass sein Geist uns immer wieder zu ihm ruft. Gott wirbt um uns Menschen, aber zwingt uns nicht. Passt ein solcher Gott, der sich selber einschränkt zu Gunsten von uns Menschen nicht in unser modernes Weltbild?

Mission gehört zum christlichen Glauben

C.S. Lewis, Professor für englische Literaturwissenschaft und christlicher Autor, brachte die biblische Aussage mit einem einzigen Satz auf den Punkt: „Entweder sagen wir zu Gott: Dein Wille geschehe. Oder Gott sagt zu uns Menschen: Dein Wille geschehe.“ Die Hölle, gedacht als Ort der Gottferne oder der Abwesenheit Gottes, ist also das Resultat eines irdischen Lebens ohne Gott. Darum bittet Paulus immer wieder in seinen Briefen: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Es gibt jemanden, der stärker ist als die Sünde. Wer auf Gott hofft, der wird gerettet. Und die Botschaft Jesu lässt sich kurz zusammenfassen: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Unser christlicher Auftrag ist es, in alle Welt zu gehen und den Menschen von Gottes Güte und Erlösung zu erzählen. Wir können uns nicht davor drücken, indem wir hoffen, dass letztlich sowieso alle Menschen gerettet werden, weil Gott gnädig ist. Es gehört zu unserer Verantwortung, so zu leben und zu reden, dass andere aufmerksam werden und mehr von diesem Gott wissen wollen. Dabei soll uns natürlich nicht die Angst vor der ewigen Gottferne anspornen, sondern die Liebe zu unseren Nächsten und die Hoffnung auf Gottes Gnade.

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Der obenstehende Artikel findet sich in der aktuellen Ausgabe Nr. 5/2005 der Zeitschrift kirche+welt unter der neuen Rubrik "kontrovers":

kontrovers - Aktuelle Themen, unbequeme Fragestellungen und interessante Diskussionspunkte sollen hier besprochen werden. Und nicht nur aus einer Sichtweise, sondern immer aus beiden. Ein Artikel pro – ein Artikel kontra!

Der obenstehende Artikel kritisiert die Allversöhnung, in der letzten Ausgabe erschien ein befürwortender Artikel zur Allversöhnung.

Gefällt Ihnen die Idee? Was halten Sie vom Artikel? Schreiben Sie uns einen Leserbrief, Ihre Meinung interessiert uns!
Adresse: Redaktion kirche+welt, Postfach 1344, 8026 Zürich, redaktion@kircheundwelt.ch
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Auch in der neusten Ausgabe 5/2005 von kirche+welt:

- Der Tod kommt mit zwei Kugeln - Zu viele Waffen auf dieser Welt
- Mutter und Tochter im Gespräch - Bischof Heinrich Bolleter zur Evangelisch-methodistischen Kirche und der Heilsarmee
- Wie eine Schweizerin für ein besseres Leben von Ureinwohnern in Südamerika kämpft

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