Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 12/2005 Juli - 14.07.2005   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Abzocker oder Pissoirwand der Nation? Nicht nur der Sonntagsblick stellt die Grossverdiener in jüngster Zeit öffentlich an den Pranger.

Was kann die Arbeit eines Menschen wert sein?

von Philipp Hadorn*

Viele Medien in der „reichen Schweiz“ sind regelmässig gefüllt von Studien über „Working poor“. Ebenso häufig erscheinen Reportagen der trendigen Lifestyles von Top-Managern. „Jesus sah den reichen Jüngling an, gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles was du hast, und gib’s den Armen.“

Seit 1997 wurden die Löhne in den meisten Branchen in der Schweiz nur geringfügig erhöht, wenn überhaupt. Betriebsübernahmen und Restrukturierungen mit Massenentlassungen gehören zu Alltagsmeldungen. Die Hälfte der 34 bestbezahlten Topmanagern lebt in der Schweiz. Lohnexplosionen bei Managern und Nullrunden bei den Arbeitnehmenden sind heute Realität. Messerscharf rechnete der Sonntagsblick im April dieses Jahres vor: Vergleicht man den Bezug von etwa drei Millionen Franken des Novartis-Chefs Daniel Vasella von 1999 mit den 20,8 Millionen von 2004 müsste dessen Laborant anstelle der aktuellen 4’308 satte 30’156 Franken im Monat erhalten. Die Lohnschere (Verhältnis Höchst- zu Tiefstlöhnen) hat sich innert kurzer Zeit extrem geöffnet.

Das Geld in der Gemeinde

Noch halten wir mittelständisch geprägten christlichen Kirchen und Gemeinden tapfer das Tabu über unsere „gesegneten Eigenheime mit Doppelgaragen“ aufrecht. Dem Finanzhaushalt der Gemeinde ist es recht zuträglich, wenn begüterte Mitchristen unsere Gottesdienste besuchen. Der Abschied von ethischen Spielregeln im Umgang mit Geld, die Befreiung von zwangsmässiger (?) Abstinenz von Genuss und die Angst vor Aussagen mit Gemeingültigkeit hindern uns, allzu offen über Geld und Besitz zu diskutieren. Unsere Lohnblätter oder Steuerabrechnungen sind inzwischen privater als intime Erlebnisse und Visionen in der Anbetung vor Gott.

Das Geld und dessen Stellenwert

Geld schafft in unserer Gesellschaft Anerkennung, Sicherheit und ist ein Mittel, Vorhaben zu realisieren. Bietet Geld Sicherheit, die nachhaltig wirkt? Anerkennung, die auf echter Zuwendung beruht? Gott sieht das Streben nach Geld als Konkurrenz zur Gottesbeziehung (1. Tim. 6,10). „Niemand kann zwei Herren dienen (…). Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Matth. 6,24). Jesus fordert uns auf, nach der Herrschaft Gottes und seiner Gerechtigkeit zu streben (Matth. 6,33).

Das Geld und die Arbeit

„Im Schweisse deines Angesichts sein Brot essen“ (1. Mose 3, 19) bezeugt auch einen biblischen Zusammenhang zwischen Lohn und Arbeit. Und der Zusammenhang mit Reichtum? Ist der Lohnanteil, der mehr als den Alltagsbedarf deckt, nicht etwa ein Arbeiten des Geldes? Die Haltung der Bibel zur Arbeit des Geldes ist unmissverständlich: Leihet, ohne etwas dafür zu erwarten. Zinsverbote finden sich in der Bibel. Zinsnehmen wurde von Kirchenvätern als Wucher betrachtet und mit klaren Worten verdammt (Th. v. Aquin, Papst Clemens V, Luther, Zwingli u.a.m.). Die Arbeiterenzyklika von 1891 hielt fest: „(...) fällt auf, dass sich in unserer Zeit nicht die Reichtümer, sondern eine ungeheure Macht und Diktaturgewalt bei nur wenigen anhäuft, die meistens nicht einmal Eigentümer, sondern bloss Verwahrer und Verwalter anvertrauten Gutes sind und diesen nach ihrem Wink und Willen leiten. (… sie) drehen und wenden gleichsam die Seele der Wirtschaft so mit Händen, dass gegen ihren Willen niemand schnaufen kann.“

So stellt sich die Frage, welche Lohnbezüge überhaupt noch etwas mit der Arbeit zu tun haben. Oder sind es „Früchte eines unstatthaften Drehen und Wendens“ von Geld?

Das Geld und die Gerechtigkeit

Geld führt oft zu Ungerechtigkeiten. Auch die Schweiz ist dabei keine Ausnahme. Wir fanden es im Söldnerwesen, Zweiten Weltkrieg, Umgang mit nachrichtenlosen Vermögen, heute mit dem Bankgeheimnis, Ungleichbehandlung von Asylsuchenden, Akzeptanz von Kapitalflucht, Ablehnung von Schuldenerlass, Liberalisierung und Deregulierung. Erfüllen wir den Auftrag, der da in Jesaja 40 Vers 3 heisst: Bereitet dem Herrn den Weg?

Das Geld: Mammon oder Segen

Gottes Gerechtigkeit lässt Segen fliessen - ob biblischer Segen das Gesicht der Armut oder des Wohlstandes hat, ist offen. Streben nach materiellen Vorteilen kann zu trügerischer Sicherheit führen, verschafft nur indirekte Anerkennung und steht damit in klarem Widerspruch zum Gott der Bibel. Vor dem ersten Gebot gibt Gott seiner Liebe Ausdruck mit dem Tatbeweis: „Ich bin Jahwe, Dein Gott, der dich aus Ägypten, aus der Knechtschaft geführt hat.“ Und von dieser Zusage absoluter Sicherheit und anhaltender Befreiung folgt das Gebot, keine anderen Götter zu haben.

Das Geld: Im einzelnen Portemonnaie

In der Bibel finden wir Ansätze, die über den Besitz etwas aussagen.
- Geld wird verdammt als Wurzel allen Übels (1. Tim. 6, 9-10).
- Die gemeinsame Kasse der ersten Gemeinde führte dazu, dass niemand Mangel hatte (Apg. 4, 32-35).
Christus lehrt uns wohl keine Höchstsumme eines vertretbaren (Manager-)Lohnes. Augenfällig ist es aber, dass die aktuelle Perversion der Bezüge von Managern nicht dem Willen Gottes entsprechen kann.

Das Geld: Eine Umverteilung Gottes

John Wesley ging als Sozialreformer in die Geschichte ein, weil er sich für Umverteilung einsetzte. Heute müssen Massstäbe für unsere Zeit definiert werden, die der Vorbereitung seiner Gerechtigkeit und dem Bau seines Reiches dienen.

Soziale Bewegungen stellen für unser Land folgende Rahmenbedingungen auf:

- Löhne sollen wieder kollektiv geregelt werden.
- Gesamtarbeitsverträge sollen die Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeitenden regeln und transparent darstellen.
- Allgemeinverbindlichkeitserklärungen sollen Sonderrechte verhindern.
- Gesetzliche Mindestlöhne sollen gegen Working poor und Neue Armut wirken.
- Teuerungsausgleich soll die Kaufkraftverlust erhalten.
- Lohnschere: Lohnunterschiede sollen mit dem Faktor 4-6 beschränkt werden (bspw. Monatslöhne zwischen CHF 4’000 und 16’000 bzw. 24’000).
- Leistungslöhne oder Boni sollen maximal 5 % des Lohnes ausmachen.
- Der Blickwinkel darf sich nicht nur auf den eigenen Betrieb (Betriebswirtschaftslehre) oder die eigene Nation (Volkswirtschaftslehre) beschränken. Vernetzung zum globalen Dorf und Wirtschaftsraum zieht auch Verantwortung mit sich.

Als ChristInnen sind wir berufen, kollektive Verantwortung mitzutragen (der Stadt bestes zu suchen, Jer. 29,7). Zusätzlich tragen wir auch individuelle Verantwortung. Für Zachäus führte die Begegnung mit Christus zu Rückzahlungen in vierfacher Höhe. Der Zöllner hielt dabei die Gesetze wohl ein. Branchenüblich optimierte er seine Ertragslage. Vergleichbar mit Steuereinsparungen, Jagd nach Privilegien, Kauf von Gütern aus Billigproduktionsländern oder unfairem Handel? – Zachäus zeigte tätige Busse!

Verzicht auf Geld: Eine Grundlage für Segen

Glaube, unsere Beziehung zu Gott, führt zu Befreiung. Aus dieser Freiheit durch das Opfer Christi kann es uns motivieren, unseren doppelten Missionsauftrag zu erfüllen: Verkündigung des Evangeliums und Einsatz für Gerechtigkeit. Heilen mit Wunder und Pflege, Sättigen mit Brot & Fisch und Diakonen, Lehre mit Verkündigung und Vorleben. Markus 10, 21-23 könnte heute vielleicht lauten: „Und Jesus sieht den Top-Manager X an, gewinnt ihn lieb und sagt zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und setz diese Mittel gegen die Armut und Ungerechtigkeit in dieser Welt ein!“

*Philipp Hadorn, 38, ist Profi-Gewerkschafter (GATA-Präsident & Sekretär SEV) und Vorsitzender der Gemeindeleitung der EMK Gerlafingen. Verheiratet mit Karin, lebt er mit den drei Jungs in Gerlafingen, wo er auch als Gemeinderat und Präsident der Finanzkommission wirkt.

Der obenstehende Artikel findet sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift kirche+welt unter der neuen Rubrik "kontrovers", in der akutelle Themen, unbequeme Fragestellungen und interessante Diskussionspunkte besprochen werden. Und nicht nur aus einer Sichtweise, sondern immer aus beiden. Ein Artikel pro – ein Artikel contra!
In der nächsten Ausgabe wird ein Beitrag erscheinen, der die Pro-Seite zum Thema Managerlöhne - Geld beleuchtet.

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Auch in der neusten Ausgabe von kirche+welt:

- Stellungnahme und Kommentar zum Terroranschlag in London
- Der Leichtathlet, der nicht an einem Sonntag antrat
- Bibel: Wer ist heute der gute Samariter?

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Links:

Mehr Transparenz bei Managerlöhnen, Thema eines Magazins des Staats- und Gemeindepersonals Schweiz (pdf-File)

Wie aus Abzockern wieder Manager werden, Artikel von Stefan Lehmann, idea



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