Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 02/2005 Januar - 19.01.2005   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Am Donnerstag, dem 20. Januar 2005, begann offiziell die zweite Amtszeit des amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Was kann man davon erwarten?

Die düsteren Jahre brechen an

Der amerikanische Präsident George W. Bush, Foto: Mike DuBose, UMNSvon Christoph Schluep*

«Bush - die Katastrophe für Europa», titelt «Facts», und das «Time-Magazine» wählt Bush zur «Person of the Year». Wie kaum ein anderer Mann je zuvor hat Präsident Bush in nur vier Jahren die Welt gespalten. Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Und selbst ausgemachte Konservative wie Jacques Chirac gehören zu seinen Gegnern. Die Welt ist entzweit.

Bush trotzt allen Skandalen

Dies ist umso erstaunlicher, als sich die Regierung Bush verschiedenste Skandale geleistet hat: Präsidentschaft 2000 erst durch den Gerichtsentscheid aus Bruders Landen, Milliardenaufträge im Irak an Vizepräsident Cheneys Halliburton, Folterungen von Kriegsgefangenen, und ein Kriegsminister, der seinen eigenen Soldaten rät, mit der Armee in den Krieg zu ziehen, die man hat, und nicht mit der, die man sich wünscht. Aber die Bush-Regierung ist hart im Nehmen. Und im Geben: Unter dem Strich weniger Arbeitsplätze, Ablehnung der Kyoto-Protokolle, Auszonung grosser Gebiete in Alaska zur Förderung von Erdöl.

11.9.2001: Die Herausforderung

Zugleich wurde kaum je ein amerikanischer Präsident mit solchen Herausforderungen konfrontiert: der Krieg gegen den Terror. Wie reagiert Bush? Er schlägt zurück. Das ist an sich verständlich, aber man kann so oder so Krieg führen. Das Resultat von Bushs Kriegen? Tatort Afghanistan: Nach den Taliban herrschen wieder die War-Lords, der Heroinanbau blüht, und Bin Laden läuft auf freiem Fuss herum. Tatort Irak: Saddam Hussein ist gefangen und das Land von seinem Tyrannen befreit, aber Tausende von toten Amerikanern und Irakern sprechen eine deutliche Sprache: ein Desaster. Hat sich die Administration Bush je gefragt, weshalb die beiden Türme in die Luft gesprengt wurden? Könnte es damit zu tun haben, dass der grosse Traum der Freiheit ausserhalb der USA gar nicht so attraktiv ist, weil es ein Traum von Amerikas Gnaden ist? Freiheit bekommt, wer spurt, unterstützt wird,wer sich unterordnet, Freund ist, wer dient. Damit sind die Terroranschläge in keiner Art und Weise gerechtfertigt, aber trotzdem fielen sie nicht aus heiterem Himmel. Mit seiner Reaktion hat Bush sichergestellt, dass das Problem internationaler Terrorismus grösser geworden ist. Die Gefahr eines terroristischen Anschlags ist heute grösser, die terroristischen Gruppierungen haben sich radikalisiert. Die Welt ist entzweit, und sie ist gefährlicher geworden.

Kein gläubiger Präsident

Dabei hat sich noch kein US-Präsident so eindeutig zu Jesus bekannt wie George W. Bush. Aber ist seine Politik christliche Politik? Nationale Sicherheit statt sozialer Sicherheit, Kriege im Namen Gottes, Zerstörung der Schöpfung, um die Wirtschaft anzukurbeln. Ist die eiserne Faust, mit der Bush sein Land und die Welt führt, die Politik eines Christen? Hat es damit zu tun, dass Bush der erste Präsident ist, der sich weigert, mit dem Bischofsrat der Evangelisch-methodistischen Kirche zu sprechen? Oder liegt es daran, dass er nur auf die TV-Evangelisten hört, denen es allein um das persönliche Seelenheil geht? Politik, wie Bush sie betreibt, könnte auch von jedem Nichtchristen gemacht werden. Oder noch schlimmer: Nur religiöse Fundamentalisten haben ein Sendungs- und Wahrheitsbewusstsein wie er.

Der Fundamentalismus wächst

Und das ist das Tragische: In seinem Sendungsbewusstsein für Gott und Vaterland steht Bush seinen Feinden wenig nach. Auch wenn seine Mittel im Vergleich zu diesen human sind, so erinnert seine Überzeugtheit an die Verblendung seiner Gegner. Der Krieg der Fundamentalisten hat begonnen, und auch das Fussvolk radikalisiert sich: Der Fundamentalismus ist weltweit auf dem Vormarsch, mit dem Segen der Mächtigen der Welt. Das Machtmonopol der USA ist dazu missbraucht worden, ein friedliches Zusammenleben der Kulturen und Religionen zu verhindern. Wie lange wird es dauern, bis Christen und Moslems wieder zusammen an einen Tisch sitzen können?

Was erwartet uns?

Kann man eine Prognose stellen für die nächsten vier Jahre Bush? Vieles deutet darauf hin, dass es genauso weitergeht wie bisher: die absolute Mehrheit im Kongress, kein Friede im Irak, liberale Kabinettsmitglieder, die durch Radikale (z. B. Colin Powell durch Condoleezza Rice, Sicherheitsberaterin und Hardlinerin) ersetzt werden. Was ist zu erwarten?

Geistlich: Der Islam und das Christentum werden sich noch fremder, die gegenseitigen Verdächtigungen und Vorurteile nehmen zu, eine Verständigung wird immer schwieriger. Die Situation bei uns in der Schweiz hat sich in den letzten vier Jahren dramatisch verschlechtert. Zugleich sehen sich christliche Fundamentalisten in ihrem harten Kurs bestätigt und werden im Namen der Zehn Gebote das eine der Nächsten- und Feindesliebe mit Füssen treten. Eine ausgewogene, offene und barmherzige Glaubenshaltung wird schwierig aufrechtzuhalten sein. Auch in unserem Land werden die Radikalen weiterhin an Terrain gewinnen, sehr zum Schaden derjenigen Kirchen, die um Ausgleich bemüht sind.
Politisch: Bush wird noch lange im Irak Krieg führen. Solange irakische Politiker nur amerikanische Marionetten sind, wird der Widerstand nicht aufhören. Ruhe wird eintreten, wenn die Amerikaner abziehen. Aber das kann Bush aus strategischen Gründen nicht. Mit anderen Worten: weitere Tausend(e) von Toten. Zugleich wird die Angst wachsen, wer wohl als Nächster drankommt: Iran? Nordkorea? Ob dies zu Ordnung führt oder doch eher Chaos, wird sich zeigen. Europa seinerseits wird sich mit den USA wieder versöhnen,man kann es sich wirtschaftlich gar nicht anders leisten. Allerdings bleibt viel Misstrauen zurück, und echte Freundschaft wird es schwer haben. Die USA haben ihren guten Ruf in Europa definitiv verspielt.
Sozial: Irgendwann werden auch die USA sich fragen, wie viele tote Soldaten es noch braucht, wie viele öffentliche Schulen geschlossen werden müssen, wie viele Arbeitsplätze verschwinden sollen, wie sehr die soziale Sicherheit noch ausgehöhlt werden darf. Eigenverantwortung in Ehren, aber diese muss man sich erst einmal leisten können. Es wird Jahre bis Jahrzehnte dauern, bis diese Schäden wieder repariert sind, und bis dahin werden die Reichen reicher und die Armen noch sehr, sehr viel ärmer werden. Die Folgen in Europa sind bereits absehbar: Spitäler, Schulen, der öffentliche Verkehr werden auch bei uns beschnitten. Eine Welt im Krieg kann für ihre Armen nicht mehr sorgen.

Bush rüttelt auf

Etwas Gutes hat diese erschreckende Entwicklung: George W. Bush zwingt die Christinnen und Christen, eindeutig Stellung zu beziehen. Er klopft uns aus dem Wald der Beschaulichkeit und setzt der Gleichgültigkeit ein Ende. Gerade die Evangelisch-methodistische Kirche, die drittgrösste in den USA, ist herausgefordert, sich der Situation zu stellen, zu bekennen und zu kämpfen. Zu kämpfen für die Wahrheit, die am Kreuz aller Gewalt entsagt, die Menschen als Kinder Gottes und nicht als Feinde der Wahrheit sieht, die nicht blind zuschlägt, sondern zuhört. Die Zeit, in der wir uns um unseren eigenen Heilsbauchnabel drehen konnten, ist vorbei, wir müssen uns fragen: Was ist christliches Leben? Wo setzen wir uns ein für Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung? Jetzt ist die Zeit, in der wir gefragt sind, gefragt als Kirche jenes Christus, der im Tod vergeben und nicht verflucht hat. Es ist die Zeit der Entscheidung, denn die düsteren Jahre brechen an.

*Christoph Schluep ist Pfarrer in Zürich 4

___

Der obenstehende Artikel findet sich in der aktuellen Ausgabe Nr. 2/2005 der Zeitschrift kirche+welt unter der neuen Rubrik "kontrovers":

kontrovers - Aktuelle Themen, unbequeme Fragestellungen und interessante Diskussionspunkte sollen hier besprochen werden. Und nicht nur aus einer Sichtweise, sondern immer aus beiden. Ein Artikel pro – ein Artikel kontra! Wir betreten damit bewusst Neuland, und wir wissen, dass wir manchmal auch provozieren. Gefällt Ihnen die Idee? Was halten Sie vom Artikel? Schreiben Sie uns, Ihre Meinung interessiert uns!
Adresse: Redaktion kirche+welt, Postfach 1344, 8026 Zürich, redaktion@kircheundwelt.ch
____

Auch in der neusten Ausgabe 2/2005 von kirche+welt:

- Wenn der Gottesdienst so neu ist, dass die Senioren alt aussehen. Ein Plädoyer von Pfarrer Robert Seitz.
- War Jesus wirklich in Ägypten? Pfarrer Felix Wilhelm schreibt darüber, was nach der Weihnachtsgeschichte geschah.
- 10 Fragen von kirche+welt, 10 Antworten von Bischof Heinrich Bolleter

Jetzt kirche+welt abonnieren mit dem rechts obenstehenden Link oder unter Tel. 01 986 35 81.
____

Inserat:

Inserat der EMK Bülach

Links:

Offizielle biographische Angaben zu George W. Bush (in englischer Sprache)

Die nächsten vier Jahre von Präsident Bush - Ein Bericht von SPIEGEL Online

Die ZEIT zum aktuellen Verhältnis zwischen den USA und Europa

Ein Text von Bischof Walter Klaiber zu Präsident Bush und die EMK vor dem Golfkrieg



-----------
Bitte senden Sie Ihre Bemerkung an die folgende Mailadresse:
"redaktor at kircheundwelt punkt ch".