Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 20/2005 Dezember - 15.12.2005   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

In unserer Welt liegen mehrere Monate dazwischen – in Narnia finden sie gleichzeitig statt. Ein Einblick in die fantastische Welt, die der Autor C.S. Lewis (1898–1963) für Kinder und Erwachsene mit seiner siebenbändigen «Narnia-Chronik» geschaffen hat.

Weihnachten und Ostern gleichzeitig

von Ann M. Dällenbach*

Im ersten Band, der als «The Lion, the Witch and the Wardrobe» (dt. «Der König von Narnia») im Jahr 1950 veröffentlicht wurde,werden vier Kinder – Lucy und ihre drei Geschwister Peter, Susan und Edmund – während des Zweiten Weltkriegs aus London aufs Land evakuiert und kommen in das Haus eines schrulligen Professors. Durch einen Schrank gelangen sie zufälligerweise nach Narnia, einem Land voller mystischer Kreaturen und sprechender Tiere, wo sie schon lange als Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft erwartet werden. Narnia leidet unter der Herrschaft der weissen Hexe – im Land ist es immer Winter, und es wird nie Weihnacht. Eines der Kinder, Edmund, arbeitet mit der weissen Hexe zusammen und wird dadurch zum Verräter. Und auf Verrat steht in Narnia die Todesstrafe. Doch ein mächtiger Löwe mit Namen Aslan, der rechtmässige Herrscher von Narnia, bringt die Hexe dazu, auf ihren Anspruch zu verzichten – indem er auf einem Steintisch sein eigenes Leben opfert. Sie verspottet ihn als Narren, denn am nächsten Tag werde sie auch Edmund töten und dann sei ganz Narnia für immer in ihrer Hand. Am nächsten Morgen sieht alles ganz anders aus: Aslan lebt und er erklärt den Kindern: «Die Hexe kennt den tiefen Zauber.Aber wenn sie nur ein wenig weiter hätte zurückschauen können…dann hätte sie gewusst, dass ein freiwilliges Opfer, das keinen Verrat begangen hat und an Stelle des Verräters stirbt, den Steintisch zerbrechen und den Tod rückwärts arbeiten lässt.» Mit seinen Getreuen erobert Aslan das Schloss der Hexe, erweckt die durch sie versteinerten Tiere und Wesen zu neuem Leben und bricht endgültig die Macht der Hexe – der Weihnachtsmann kommt und verteilt Geschenke, es taut und wird Frühling – eben Weihnachten und Ostern gleichzeitig.

Hintergründe und Bedeutung

«Der König von Narnia» ist wohl das bekannteste und meistgelesene Buch der Serie und wurde jetzt auch als Erstes verfilmt – ich hoffe, nicht als einziges! Aber noch mehr hoffe ich, dass Menschen, grosse und kleinere Kinder, die Bücher lesen und sich über Aslan Gedanken machen, wie die ersten Leserinnen und Leser, mit denen C. S. Lewis in reger Korrespondenz stand. Ich zitiere einige Stellen aus diesen Briefen, die meiner Meinung nach sehr gut die Hintergründe und die Bedeutung dieser Kindergeschichten beleuchten.

Am 3. Juni 1953 schrieb er an Hila unter anderem: «Was Aslans anderen Namen angeht, nun, ich möchte dass Du ihn errätst. Hat es in dieser Welt niemals jemanden gegeben, der (1.) zur gleichen Zeit kam wie der Weihnachtsmann; (2.) sagte, er sei der Sohn des grossen Herrschers; (3.) sich für en Fehler eines anderen von bösen Leuten erniedrigen und töten liess; (4.) ins Leben zurückkehrte; (5.) manchmal als Lamm bezeichnet wird (vgl. den Schluss der «Morgenröte»). Kennst Du wirklich nicht seinen Namen in dieser Welt? Denk darüber nach und lass mich Deine Antwort wissen!» (Diese und weitere Zitate im Text sind aus «Briefe aus Narnia», siehe Buchtipps am Endes des Artikels.)

Laurence, ein neunjähriger Junge aus Amerika, machte sich Sorgen, er könnte Aslan mehr lieben als Jesus. Seine Mutter schrieb zu Händen seines Verlages an Lewis und erhielt schon 10 Tage später zu ihrer Überraschung und Freude einen Brief, in dem unter anderem steht: «Aber in Wirklichkeit kann Laurence Aslan gar nicht mehr lieben als Jesus, selbst wenn er das Gefühl hat, dass es so sei. Denn die Dinge, die Aslan tut oder sagt und die Laurence an ihm liebt, sind einfach Dinge, die Jesus in Wirklichkeit getan und gesagt hat. Wenn also Laurence denkt, dass er Aslan liebt, dann liebt er in Wirklichkeit Jesus; und vielleicht liebt er ihn sogar mehr als je zuvor. Natürlich gibt es eine Sache, die Aslan hat und die Jesus nicht hat – ich meine den Körper eines Löwen. (Aber bedenken wir, wenn es andere Welten gibt und sie gerettet werden müssen und Christus sie retten würde – dann könnte er vielleicht in ihnen alle möglichen Körper angenommen haben, von denen wir nichts wissen.) Wenn sich Laurence nun Sorgen macht, weil ihm der Löwenkörper besser gefällt als der Menschenkörper, glaube ich nicht, dass er sich überhaupt Sorgen zu machen braucht. Gott weiss genau, wie die Phantasie eines kleinen Jungen arbeitet (er hat sie schliesslich gemacht), und er weiss, dass in einem gewissen Alter die Vorstellung von sprechenden, freundlichen Tieren sehr anziehend
ist. Darum glaube ich nicht, dass es ihn stört, wenn Laurence den Löwenkörper mag.»

Am 22. Juni 1950 lasen die «Inklings», eine Gruppe von Freunden aus Oxford, zu denen ausser C.S. Lewis auch J.R.R.Tolkien gehörte, die «Druckfahnen» von «Der König von Narnia» – einer meinte, die Geschichte sei eine Allegorie. Mit einem Lächeln erwiderte Lewis, es sei keine Allegorie, sondern eine Kindergeschichte. Am 29. Mai schrieb er an eine fünfte Klasse in Maryland: «Ihr irrt Euch, wenn Ihr denkt, dass alles in den Büchern etwas in dieser Welt ‹darstellt›… Ich habe mir nicht gesagt: ‹Stellen wir durch einen Löwen in Narnia Jesus dar, wie er wirklich in unserer Welt ist›; sondern ich habe gesagt: «Nehmen wir an, es gäbe ein Land wie Narnia, und der Sohn Gottes würde, wie er in unserer Welt zu einem Menschen geworden ist, dort zu einem Löwen, und stellen wir uns vor, was dann passieren würde.» Wenn ihr darüber nachdenkt, werdet ihr feststellen, dass das etwas ganz anderes ist.»

In anderen Briefen braucht C.S. Lewis den Namen Aslan, wenn er Jesus meint, z. B. am 23.Dezember 1957 an Laurence: «Letztes Jahr habe ich an ihrem Bett im Krankenhaus eine Frau geheiratet, die im Sterben zu liegen schien; Du kannst Dir also vorstellen, was für eine traurige Hochzeit das war. Aber Aslan hat grosse Dinge für uns getan, und jetzt kann sie wieder umhergehen.» Am Ende vom Buch «Die Reise der Morgenröte» begegnen Lucy, Edmund und ihr Cousin Eustace am Ende des Silbernen Meeres einem Lamm, das sie zum Frühstück einlädt. Auf einem Feuer kochten Fische, die sie heisshungrig verzehrten. Lucy fragt das Lamm, ob sie auf dem richtigen Weg zu Aslans Land seien. «Nicht für euch» , sagte das Lamm. «Für euch ist die Türe zu Aslans Land von eurer eigenen Welt aus… Es gibt einen Weg in mein Land aus jeder Welt», sagte das Lamm; doch während es sprach, wurde aus seinem Schneeweiss Goldgelb, und seine Grösse veränderte sich, und es war Aslan selbst… Im Zusammenhang mit dieser Szene schrieb C.S. Lewis am 8. Juni 1960 an die dreizehnjährige Patricia: «Ganz am Rande der narnianischen Welt fängt Aslan an, mehr wie Christus zu erscheinen, wie er in dieser Welt bekannt ist. Darum das Lamm. Darum das Frühstück – wie am Ende des Johannesevangeliums. Sagt er nicht: «Ihr durftet mich in dieser Welt (Narnia) kennenlernen, damit ihr mich besser kennt, wenn ihr in eure eigene zurückkommt?»

Buchtipps:

Ich schlage vor, die Bücher in der «relativen» Reihenfolge der Geschichte Narnias zu lesen, nicht in der «absoluten» ihrer (englischen) Veröffentlichung (siehe unten). Deutsch sind verschiedene Ausgaben erhältlich, z. B. bei Brendow (für Fr. 86.– alle sieben Bände «Die Chroniken von Narnia» – ISBN: 3800020440 mit zahlreichen Illustrationen, August 2000) oder bei Überreuter, ab 2005 neu übersetzt bzw. überarbeitet, aber noch nicht alle erschienen.

Das Wunder von Narnia, Der König von Narnia, Der Ritt nach Narnia, Prinz Kaspian von Narnia, Die Reise auf der «Morgenröte», Der silberne Sessel, Der letzte Kampf

Weitere Empfehlungen:

Clive Staples Lewis: Briefe aus Narnia. C. S. Lewis schreibt an Kinder.
Brendow Verlag, 1996, ISBN: 3870676590

Mark Eddy Smith: Aslan, der Löwe von Narnia, Die Bedeutung des Königs von Narnia im Werk von C.S. Lewis. Brunnen-Verlag GmbH, 2005, ISBN: 3765538639

*Ann M. Dällenbach, Theologin und Programmiererin, liest «Narnia», «Lord of the Rings» oder «Harry Potter» immer wieder mit Vergnügen, auch wenn sie die Bücher mittlerweise fast auswendig kennt.

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Der obenstehende Beitrag findet sich in der neusten gedruckten Ausgabe von kirche+welt. Auch in der neusten Ausgabe:

- Weihnachten I: Die Gedanken von Bischof Bolleter
- Weihnachten II: Die Geschichte von Frank Fischer
- Weihnachten III: Der Kommentar von Christoph Schluep

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