Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 08/2005 April - 23.04.2005   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Es gibt Situationen, in denen das Zusammenleben in einer Ehe unter grossen Druck gerät – eine Scheidung scheint unumgänglich. Es gibt aber auch hier Hilfestellungen, die vieles wieder ins Lot bringen können. Aber was, wenn selbst das nichts bringt?

Damit nicht alle Stricke reissen

von Susanne Düblin*

Er kommt müde von der Arbeit nach Hause, stellt fest, dass es sehr ruhig ist in der Wohnung, und schaut in jeden Raum. Niemand ist da. Auch recht, denkt er, so habe ich meine Ruhe. Nach einiger Zeit kommt es ihm doch eigenartig vor, er geht nochmals durch alle Räume und findet in der Küche einen Brief: «Suche mich nicht, lass mich in Ruhe, ich bin ausgezogen, ich brauche Abstand. Respektiere einmal meinen Wunsch! Ich werde mich bei dir melden.» Er liest die wenigen Zeilen immer wieder. Er versteht nichts mehr. Was war falsch? Was stimmt nicht mehr?

Ein Drink, ein langer Abend

Sie sitzt im Büro, mit der Arbeit eben fertig, bereit, nach Hause zu gehen. Sie denkt an zu Hause. Sie wird, einmal mehr, allein zu Hause sein, ihr Mann ist auf einer Geschäftsreise. Sie wird Hausarbeiten erledigen, noch etwas lesen, früh ins Bett gehen, immer dasselbe, ohne Abwechslung, ohne Spannung…Es klopft, herein kommt ein Mitarbeiter und fragt sie, ob sie noch nicht an Feierabend denke. Er lädt sie zu einem Drink ein. Sie nimmt an.Aus dem Drink wird ein langer Abend. Zufrieden geht sie schlafen, steht frisch auf und geht freudig an die Arbeit. Irgendetwas ist anders. Sie fühlt sich wieder mal als Frau ernst genommen, geschätzt, geachtet. Es kommt zu einigen gemeinsamen Abenden. Sie lebt auf. Das stellt auch ihr Mann fest, fühlt sich angeregt, fühlt neue Liebe zu ihr, zeigt ihr dies, doch sie ist abweisend ihm gegenüber. Einige Zeit danach forscht er nach und stellt fest, dass ein anderer Mann eine wichtige Rolle spielt. Was ist passiert? Er hat seine Frau doch gern. Sie hat doch alles, was sie wünscht. Nie hat sie gesagt, dass etwas nicht stimmt.Oder doch? Hat er es nicht gehört? Gedanken um Gedanken purzeln durcheinander, ungeordnet, vom Anfang ihrer Beziehung bis jetzt.

Den Anderen kann ich nicht ändern

Viele schmerzliche Erlebnisse gehen dem Schritt zur Trennung voraus. Ungehört verklingende oder verletzende Worte, Partner, die nicht wahrgenommen werden, Vorwürfe, Schuldzuweisungen, falsche Erwartungen, die Hoffnung, der/die andere ändere sich, übertriebene und/oder unausgesprochene Forderungen – all dies kann zum Auseinanderleben führen. In meiner Tätigkeit in der Paarberatung habe ich erfahren, dass Paare neu zusammenfinden konnten, wenn sie sich mit Hilfe fachlicher Begleitung bewusst mit ihrer Beziehung auseinander setzten. In einigen Fällen kam jeweils nur ein Teil in die Beratung, und trotzdem war es möglich, dass ein Neubeginn, ein Verzeihen und Zusammenbleiben wachsen konnte. Dadurch wurde eine Verhaltensänderung bewirkt nach dem Motto: Den anderen Menschen kann ich nicht ändern, nur mich selbst.Aber wenn ich mich ändere, kann der andere nicht bleiben,wie er ist. Wenn ein neues Zusammenbleiben möglich wird, erfüllt mich dies immer mit grosser Dankbarkeit. Ich sehe den Mut der Beteiligten, nicht gleich aufzugeben, und ihre Fähigkeit, an sich selbst und an eine neue Beziehung zu glauben.

Trennung trotz allem

Es gibt aber auch Situationen und Gegebenheiten, die ein Auseinandergehen des Paares für alle Beteiligten, auch für die Kinder, lebenswerter macht als ein krampfhaftes Zusammenbleiben. Dies zeigen folgende Beispiele, die aus dem Leben gegriffen sind:

Eine Alkoholikerin, Mutter von drei Kindern, die immer wieder versprach, nicht mehr zu trinken. Da sie jedoch keine Hilfe in Anspruch nehmen wollte, blieb alles immer beim Alten. Zum Schutz der Kinder entschloss sich der Mann zur Scheidung.
Ein Spielsüchtiger, der das Geld der Familie verspielte und damit die gesamte Familie schwer verschuldete. Fachliche Hilfe, womit er von der Sucht befreit hätte werden können, nahm er nicht an. Eine Frau, die ohne Einsicht immer wieder eine Beziehung zu einem anderen Mann suchte und pflegte.
Ein psychisch kranker Mann, der die Familie öfter leiblich und permanent seelisch bedrohte.
Ein homosexueller Mann, Vater von zwei Kindern, der sich nach 10 Ehejahren wieder nach Beziehungen zu Männern hingezogen fühlte. Er lebte sie heimlich, bis seine Frau dahinterkam.

Von Trennung und Scheidung sind Kinder immer besonders betroffen. Ich beobachte immer wieder, wie Kinder eine Trennung der Eltern fürchten.Wenn diese dann doch eintritt, können sie sich oft nur sehr schwer mit der neuen Situation zurechtfinden. Trotzdem haben mir inzwischen erwachsen gewordene Scheidungskinder gesagt: Es war gut, dass die Eltern nicht wegen uns zusammengeblieben sind. Wir litten zu sehr an den vielen Streitereien. Oder andere: Die Eltern blieben wegen uns zusammen, der Streit und die Spannungen waren für uns unerträglich.

Wie viele Schwierigkeiten sind zumutbar?

Die Situationen für Paare sind dann schwierig, wenn die Einsicht der Partner in ihr Fehlverhalten fehlt und dies gegenseitig ertragen werden muss. Da stellt sich die Frage: Wie viele Schwierigkeiten sind für einen Menschen zumutbar? Wann ist das Ertragen einer unlösbaren Situation nur noch Überforderung? Was ist, wenn ein Teil der Partnerschaft einfach nicht mehr in der Beziehung bleiben will? Wie verhalten sich Menschen in der Umgebung eines Konfliktpaares? Wie schnell wissen wir doch, was für andere gut ist, oder was sie zu tun hätten!

Beistehen, Dranbleiben

Es ist nicht leicht, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen und dann begleitend dabeizubleiben. In einer anscheinend ausweglosen Situation auszuhalten, erfordert Kraft und Durchhaltevermögen für die Menschen um das Geschehen herum. Wie viel mehr aber müssen die Betroffenen selber dabei aushalten! Versuchen wir doch, ein Stück Weg mit ihnen zu gehen. Ich selber war zehn Jahre verheiratet. In einem Seminar, das ich in einer christlichen Gemeinde leitete, wurde ich öffentlich gefragt, ob ich als geschiedene Frau überhaupt etwas sagen könne zum Thema Partnerschaft. Diese Frage hat mich für einen Moment sprachlos gemacht, doch dann konnte ich ruhig antworten: «Ja, gerade deshalb.» In schwierigen Situationen braucht es Hilfen von Drittpersonen. Die psychologische Beratung erwähnte ich bereits. Die Mediation ist eine weitere Möglichkeit. Mediation ist keine therapeutische Intervention, sondern unparteilich versuchen Mediatoren gemeinsam mit den Betroffenen, einvernehmliche Lösungen für alle zu finden. Weitere präventive Hilfeleistungen sind Gespräche mit Freunden, Teilnahme an Kommunikations- und Paarkursen, Fachbücher. Ein Buch möchte ich hier gerne erwähnen: «Liebe auf Dauer.Die Kunst, ein Paar zu bleiben», von Hans Jellouschek. Positiv und ermutigend geht er im Buch Themen an wie Verbindlichkeit, Fremdheit überwinden, einander gut tun, einander nahe kommen, Versöhnung und Verzeihung und Krisen als Chancen zu sehen.

Verantwortung übernehmen

Die Beziehung ist ein Geschenk. Es lohnt sich, diesem achtsam Sorge zu tragen, damit neue Liebe immer wieder möglich wird. Nun komme ich zur Frage: Dürfen sich Christen/-innen scheiden lassen? Ich bin nicht Theologin, sondern Psychologin. Mir ist es ein Anliegen, nicht zu werten. Meine Meinung ist in meiner Arbeit auch nicht relevant, vielmehr ist es meine Aufgabe, Menschen so zu begleiten, dass sie ihren Weg finden, ihre Entscheidungen treffen und Verantwortung für sich übernehmen. In den erwähnten Beispielen stellte ich zum Teil unlösbare Situationen dar.Wenn diese eintreten, glaube ich, dass Gott nichts Unmenschliches verlangt, sondern Menschen auch in einer Scheidungssituation begleitet und liebt.

*Susanne Düblin ist dipl. Individualpsychologische Beraterin SGIPA / FSB, seit 1983 im Diakoniewerk Bethanien tätig, in Einzel-, Paar- und Familienberatungen, Kursen und Seminaren.

Dieser Artikel findet sich in der aktuellen Ausgabe Nr. 7/2005 der Zeitschrift kirche+welt unter der neuen Rubrik "kontrovers":

kontrovers - Aktuelle Themen, unbequeme Fragestellungen und interessante Diskussionspunkte sollen hier besprochen werden. Und nicht nur aus einer Sichtweise, sondern immer aus beiden. Ein Artikel pro – ein Artikel kontra!

Der obenstehende Artikel befürwortet inhaltich eine mögliche Scheidung, in der letzten Ausgabe erschien ein Artikel, der sich inhaltlich gegen eine Scheidung aussprach.

Gefällt Ihnen die Idee? Was halten Sie vom Artikel? Schreiben Sie uns einen Leserbrief, Ihre Meinung interessiert uns!
Adresse: Redaktion kirche+welt, Postfach 1344, 8026 Zürich, redaktion@kircheundwelt.ch
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Auch in der neusten Ausgabe von kirche+welt:

- Der neue Bischof - Texte, Bilder und ein Interview mit Patrick Streiff
- Armut hat viele Gesichter - Biographien aus dem Imbiss54 in der Stadt Zürich
- 24 Stunden: Warum Elisabeth Russenberger jeden Morgen um 05.00 Uhr aufsteht

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