Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 07/2005 April - 07.04.2005   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Nach langem und öffentlichem Leiden ist er nun gestorben, Papst Johannes Paul II. Kaum einer seiner Vorgänger hat so lange regiert, kaum einer so viel erreicht. Der Versuch eines Fazits über ein arbeitssames Leben – mit Sternstunden und Schattenseiten.

Papst Johannes Paul II: Der Weg zurück ins 19. Jahrhundert

von Christoph Schluep

„Der Unsterbliche“ titelte Facts in den letzten Lebenswochen des Papstes, und der Tagesanzeiger schrieb nach dem mehr geröchelten als gesprochenen Ostersegen: „Der Papst zelebriert sein Leiden“. Bewegend waren die Bilder, sie liessen kaum jemanden kalt, ob katholisch oder nicht: Ein alter Mann, der sich mit aller Kraft gegen die Leiden seines Körpers aufbäumt. Der beliebteste Papst seit langem war er schon in besseren Tagen, und nun wurde er medial auch noch zum Märtyrer stilisiert. Betende Italiener auf dem Petersplatz, Kerzenlichter in den Kirchen der Welt haben uns vor Augen geführt, dass nicht irgend jemand stirbt, sondern der Mann, der an der Spitze der grössten, ältesten und mächtigesten Organisation der Welt steht.

Imagegewinn für die katholische Kirche

Unter dem Pontifikat von Johannes Paul II hat die katholische Kirche eine Medienpräsenz gewonnen wie nie zuvor. Auch ist es diesem Papst gelungen, seinen Gläubigen nahe zu sein. Auf mehr als hundert grossen Reisen hat er die ganze Welt besucht, auch im hohen Alter keine Mühen gescheut, um Kirche erfahrbar, erlebbar zu machen. Und die Menschen sind gekommen, in Massen, sie waren begeistert und haben gespürt, dass Kirche nicht düster sein muss, dass Priester nicht fern zu sein haben, dass Rom seine Schäfchen ernst nimmt. Kein Papst hat je zuvor die Jugendlichen so gefesselt wie dieser, kaum einer hat die katholische Position poiniterter auf den Punkt gebracht, keiner hat je einen solchen Aufschwung in seiner Kirche bewirkt.

Die dunkle Seite der Macht

Aber diese Popularität, diese Geradlinigkeit und diese Unbeirrbarkeit haben auch ihre dunklen Seiten: Wie kaum zuvor seit Jahrhunderten hat dieser Papst die christliche Welt polarisiert. Keiner hat mehr Selig- und Heiligsprechungen zu verzeichnen als Johannes Paul II, doch damit hat er die gesamte evangelische Welt mit einer für sie so unverständlichen Tradition vor grosse Fragezeichen gestellt. Selten war ein Papst im 20. Jahrhundert der ökumenischen Bewegung gegenüber abgeneigter als der letzte. Noch immer ist die katholische Kirche als einzige Grosskirche nicht Mitglied im ÖRK, dem ökumenischen Rat der Kirchen, dem alle anderen angehören (die EMK selbstverständlich auch), und die Brüskierung aller reformatorischen Kirchen in seinem Lehrschreiben „Dominus Jesus“, in dem er einzig der katholischen Lehre echte Wahrheit zubilligt, ist noch lange nicht vergessen. Wir SchweizerInnen erinnern uns zudem nur ungern an das unwürdige Schauspiel um den machtversessenen und erzkonservativen Bischof Haas von Chur, der so ganz auf der päpstlichen Linie war und für seine Kirchenspaltung sogar noch zum Erzbischof ernannt worden ist. Von den neuen Kardinälen, die Johannes Paul II ernannt hat, ganz zu schweigen: Sie vertreten die harte, konservative Linie – und sie wählen den Nachfolger.

Grosse Moral, kleine Ethik

Was an diesem Papst aber am meisten zu denken gibt, sind seine lauten und klaren Worte zur Moral: Oft und deutlich hat er öffentlich seine Vorstellungen zur Sexualität, zur Armut, zur Arbeit, zur Wirtschaft etc. kundgetan. Hut ab, das braucht Mut. Aber es waren nur Worte. Denn an ethischer Reflexion hat es ihm und seiner Guilde ganz und gar gefehlt: Wie kann man gegen den Hunger in Afrika sein und die Verhütung verbieten? Wie kann man Aids eindämmen wollen und Jugendpropaganda à la „wahre Liebe wartet“ betreiben, die an der Realität der Jugendlichen völlig vorbeizielt? Wie kann man für eine wirtschaftlich gerechtere Welt eintreten, aber nicht bereit sein, auch nur den kleinsten Teil des Kirchenschatzes zu veräussern und in die Hungerländer zu schicken? Wie kann man allen ernstes für eine zeitgemässe Kirche eintreten und die eigenen Priester zu Eunuchen machen? Wie kann man die Rolle der Frau stärken wollen, ihr aber allen Ernstes das Priestertum verweigern?

Fazit: Der Papst wr auch nur Mensch

Das Fazit über Johannes Paul II fällt darum zwiespältig aus. Alle Achtung für seine Dynamik, seinen Mut, seinen Willen zur Gestaltung, seine Volksnähe, seine grosse Arbeit. Und doch hat er die katholische Kirche nicht ins 21. Jahrhundert geführt, sondern zurück ins 19. Die Welt wurde nicht besser unter ihm. Das ist zwar ein hoher Anspruch, aber wer für sich in Anspruch nimmt, der Stellvertreter Christi auf Erden zu sein, der muss sich eben auch an seinen Ergebnissen messen lassen. Und hier zeigt sich, leicht ernüchtert, aber absehbar: Auch dieser Papst war nur ein Mensch. So wie auch der nächste nur ein Mensch sein wird.

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Auch in der neusten Ausgabe Nr. 7/2005 von kirche+welt:

- Was Männer in der Kirche suchen
- Kontrovers: Scheidung
- Der Galaterbrief - Wenn Paulus mit der Keule ausholt

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Links:

Umfangreiche Dokumentation zu Papst Johannes Paul II. auf der Homepage des Vatikans

Sammlung von Medienberichten und Kommentaren zum Tod des Papstes usw. unter www.kath.ch

Wie geht es nach dem Tod des Papstes weiter? - Ein Dossier der deutschen Tagesschau



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