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Kirche und Welt - Nr. 18/2004 September - 09.09.2004   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Wie John Wesley mit der Mystik rang und was es für die EMK-Gemeinden heute bedeutet

Was wir bei John Wesely und der Mystik wiederentdecken können

von Markus Da Rugna

Den wichtigsten Einfluss in der Kindheit von John Wesley im Bezug auf die Mystik hatte sicherlich seine Mutter Susanna. Sie lebte bereits stark in der romanischen Mystik, die in der Zeit nach der Reformation prägend war. Nach ihrer Auffassung war der eigene Wille die Wurzel aller Sünden und musste darum unterworfen werden. Die Absicht ihres „geistlichen Trainings“ war die Förderung des Sinnes für Frömmigkeit. Die Wesley-Kinder entwickelten darum sehr wohl einen eigenen Willen, besassen aber auch ein tiefes Verständnis für Frömmigkeit. Sie las Bücher von Mystikern, die zuerst Erkenntnis und Wille ansprechen und nach der die Emotionen erst folgen sollen. Der Forderung nach christlicher Vollkommenheit wird dadurch entsprochen, indem der Mensch die unaussprechliche Grösse Gottes und zugleich die eigene Nichtigkeit erkennt, die sogar zu Selbsthass führt. Gottes Wille ist der einzige Orientierungspunkt für das menschliche Leben. Anstelle der Leidenschaften tritt die Leidensbereitschaft.Weiter kannte sie die „Pensées“ („Gedanken“) des französische Religionsphilosophen, Mathematikers und Physikers Blaise Pascal fast auswendig, der sie vor dem Skeptizismus rettete.In dieser willensbetonten Gottesmystik war sie zu Hause. Es ist klar, dass damit schon wesentliche Themen in John Wesleys eigenem Denken vorgespurt sind. Die alleinwirkliche Liebe Gottes, die den nichtigen Menschen zu sich zieht, steht im Mittelpunkt. Dazu gehört aber auch die Aufforderung, für die eigene Vollkommenheit zu kämpfen und der Welt abzusterben. Eine weitere Linie zieht sich durch sein Leben: Wesley hatte eine natürliche Veranlagung zu Einsamkeit und Kontemplation. Und er war ein rigoroser Moralist und „Liebhaber der Vernunft“. Letztendlich „versank“ Wesley nie ganz in die Mystik, da das 18. Jhrt ein Zeitalter der Vernunft war. Dieser Anteil an seinem Familienhintergrund war letztlich doch einflussreicher. Von Natur aus Moralist, war ihm die Pflicht das Erste und Nächste. Somit konnte er sich trotz grosser Faszination nie ganz der Mystik hingeben.

Studentenzeit

1720 tritt Wesley als Student ins Christ Church College in Oxford ein. Die so widersprüchliche Haltung Wesley gegenüber der Mystik hat wahrscheinlich in dieser Zeit seinen Ursprung. Im Jahre 1725 machte Wesley die Bekanntschaft mit „einer religiösen Freundin“, der Pfarrerstochter Sally Kirkham, die ihn auf zwei wichtige Mystik-Bücher aufmerksam machte und ihn damit auf den Weg zur Mystik brachte: „Rules for holy Living“ von Jeremy Taylor und „Nachfolge Christi“ von Thomas à Kempis. Wesley wurde angezogen von der betont inwendigen Religion und der disziplinierten, ethischen Frömmigkeit der beiden Autoren. Durch sie wurde er auch angeregt, den Zustand seiner Seele durch Tagebuchführung zu verbessern.

Der Anfang (1725-1735)

Der erste Kontakt mit der Mystik geschah durch römisch-katholische Autoren. Darum ist es nicht verwunderlich, dass Wesley oft mit katholischen Heiligen wie Franziskus verglichen wurde. So wurde schon behauptet, Wesley hätte als Katholik bestimmt einen Orden gegründet.
Wesleys erwachter Enthusiasmus für Religion lässt ihn in den folgenden Jahren um Disziplin und Vollkommenheit kämpfen. Dabei entdeckte er sich selber in so manchen mystischen Schriften. Seine Erfahrungen in der Suche nach Vollkommenheit erhöhten jedoch seine Frustration. Er versuchte sich in asketischen Übungen wie Selbstuntersuchung, Fasten, Gebet, was für ihn allgemeine Praxis wurde.
Der dritte wichtige Einfluss neben à Kempis und Taylor für Wesleys Lehre von der Vollkommenheit war William Law (1686-1781). Zu dieser Zeit las er Laws Buch „Christliche Vollkommenheit“. Seine Predigten zu dieser Zeit sind voller mystischer Gedanken.

Bis jetzt war der Glaube für Wesley entweder eine Frage von reiner Vernunft oder blindem Gehorsam. Die Vernunft hatte bis anhin die Oberhand gewonnen, was sich in der nun folgenden Zeit änderte.
Durch die Aktivitäten im „Holy Club“ (1729-1735) kommt Wesley auf den Höhepunkt seiner „Romanze mit der Mystik“. Ihre Mitglieder wurden schon bald „Methodisten“ genannt. Wesley verstärkte seine geistlichen Anstrengungen, um sich von allem Überflüssigen zu befreien. Er liest die mystischen Schriften noch einmal. William Law lässt ihn erneut und mit Leidenschaft das innere, kontemplative Leben entdecken. Law sprach so vehement gegen ein Vertrauen in die äusseren Werke, dass Wesley sie überhaupt bleiben liess. Von 1732-1735 stand Wesley in regem Kontakt mit William Law, der ihm eine breite Auswahl von weiteren mystischen Schriften (Tauler, Molinos, etc.) schmackhaft machte. Wesley bewunderte den einflussreichen Mystiker Franz von Sales (1567-1622). Er las seine „Anleitung zu einem frommen Leben“ (noch heute erhältlich unter dem Titel „Philothea“), worin es zentral um die christliche Vollkommenheit geht.
Die Wesley-Brüder setzten den Rat Laws über die Methoden der Frömmigkeit in die Praxis um. Genauso war auch der Holy Club stark an mystischen Schriften interessiert. So erlebte George Whitefield, der zur Gruppe stiess, durch die Lektüre eines Mystik-Buches seine „Bekehrung“.
Wesley suchte die Heilsgewissheit, was ihm die Mystik nicht geben konnte. Gerade durch seine Unterdrückung der Selbstliebe durch die mystischen Werkzeuge, war Wesley zu jener Zeit geradezu voll von Selbstliebe. Die von Law vorgeschlagenen Exerzitien waren genauso eigenes Werk wie die Krankenbesuche und das „Bekleiden der Nackten“, wie Wesley später in sein Tagebuch schrieb.

Das Ziel der Religion war für Wesley das gleiche wie für die Mystiker. Doch der Weg dazu war für Wesley zunehmend ein anderer: so war er gerade nicht gleichgültig seinem Heil gegenüber (so der von ihm gelesene Mystiker Fénelon), sondern suchte darin Sicherheit. Wesley hat an diesem Punkt viele der Schwachstellen der Mystik festgehalten, aber nur wenige der Stärken.

1736 betrat Wesley amerikanischen Boden und traf auf einen Herrnhuter, der sich Mystiker nannte: August Spangenberg. Die Mystik der Herrnhuter war eine Art Mischung aus Quietismus (eine Lebensauffassung, welche sich durch Versenkung in Gott völlig vom Leben abwendet) und strenger Lehre der Heilsgewissheit. Angeregt durch Spangenberg las Wesley nun Mme Bourignon, Tauler und weitere Mystiker.

Wesleys Ringen mit der Mystik

Seine Entschlossenheit, die Tiefen der Mystik zu entdecken, wurde so erneuert. Das fehlende Fundament liess ihn in die nächste Frustration laufen. Wesley schrieb Jahre später in sein Tagebuch, dass er im amerikanischen Georgia keine Erkenntnis des Glaubens hatte. Die Gerechtigkeit Christi, die dem Gläubigen Heil bringt, versuchte er durch eigene Gerechtigkeit zu erarbeiten. Diese innere und äussere Selbstgerechtigkeit hatte keine Kraft zur Veränderung. Wesley erkannte nun immer mehr, wie sein mystisches Glaubenssystem in der Praxis nicht funktionierte. Das ethische Ideal christlicher Vollkommenheit, wie es William Law vertrat, erschien ihm nun als zu hoch für den Menschen. Wesley erkannte, dass durch das Tun des Gesetzes, ob nun mystisch oder anders, niemand gerechtgesprochen würde.

Dies bedeutete jedoch keinen endgültigen Bruch mit der Mystik, denn die klassische mystische Linie von Reinigung, Erleuchtung, dunkler Nacht und Vereinigung tauchte in seinem Leben immer wieder auf. Die Krisenerfahrung in Georgia hat die Ablehnung der Mystik zu diesem Zeitpunkt stark begünstigt. Je stärker seine Mission scheiterte, desto stärker versuchte Wesley der mystischen Disziplin zu gehorchen. Er war geradezu fanatisch. Nun glaubte er die Quelle seines Versagens und seiner Kraftlosigkeit gefunden zu haben. Er hatte mit der Ablehnung der Mystik sein Problem noch nicht wirklich erkannt. Einerseits nahm Wesley den hohen Wert der Liebe in der Mystik war, andererseits ihre Geringschätzung des Heils oder des Abendmahls. Und dies blieb für Wesley ein Stein des Anstosses.

Immer mehr Distanz zur Mystik

In seiner weiteren Suche stösst er nun auf der Rückreise von Georgia nach England auf Schriften von Gaston Jean Baptiste de Renty (1611-1649). Wesleys Anziehung zu diesem Mystiker hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck, so dass sein Name den späteren Methodisten sehr vertraut wurde. Wesley schreibt eine eigene Biografie über ihn und lässt „unpassende“ Passagen einfach weg. Dafür nehmen Aspekte seiner Persönlichkeit, seiner aussergewöhnlichen Gottesliebe und seiner karitativen Tätigkeiten einen grossen Raum ein. Es waren Themen, die Wesley selber im Moment als christliches Ideal galten. Seine Glaubensmängel und seine Verwirrung liessen ihn weitersuchen. Eine Erklärung seines Tiefs wäre die mystische Reinigung vor der Vereinigung mit Gott oder aber dann war alles vergeblich, was Wesley bis anhin unternommen hatte. Auf Anraten William Laws versank sich Wesley noch einmal in die Kontemplation.

Wesley versetzt der Mystik nun einen weiteren Stoss. Nach einem Sturm auf Hoher See und seinem Schreien zu Gott, ist Wesley neu ermutigt, den Menschen das Evangelium zu predigen. Er fand nun Trost in den geistlichen Übungen, genau den Trost, der für die Mystiker hinderlich für das geistliche Wachstum ist. Wesley realisiert langsam, dass ihn die „dunkle Nacht“ vor geistlichem Wachstum abhält, ihn zufrieden stellte und passiv werden liess.

Wesley ging also einerseits auf Distanz zur Mystik und sieht sie sogar im schroffen Gegensatz zur Christusreligion, andererseits besitzt sie noch immer eine starke Anziehung für ihn, vor allem in Zeiten der Furcht und Zweifel.

Der vorläufige Bruch mit der Mystik

Wieder in England lernt John Wesley im Februar 1738 den Herrnhuter Peter Böhler kennen. Dessen Aufforderung, er solle seine „Philosophie“ fahren lassen, erscheint ihm als unverständlich. Doch nun verliert sich sein Interesse an mystischen Schriften. Die Begegnung mit Böhler führt Wesley schliesslich zu seiner Bekehrung und seinem Bruch mit der Mystik, der jedoch nie endgültig war. Die Herrnhuter repräsentierten eine Kombination von protestantischer Rechtfertigungslehre und mystischer Frömmigkeit, was sehr attraktiv auf Wesley wirken musste. Böhler und Wesley hatten in der mystischen Erfahrung und der christlichen Vollkommenheit ein gemeinsames Ziel; ihr Weg dorthin war aber ein unterschiedlicher. Das Fundament war für Böhler ein anderes: Die notwendige Sühne durch Jesus Christus, die Rechtfertigung des Sünders war bei den Mystikern nicht vorgekommen. Sie setzen Heiligung vor Rechtfertigung. Emotional blieb Wesley im Moment noch mit der Mystik verbunden, intellektuell hatte er jedoch damit gebrochen. Er predigte nun nach dem Ratschlag Böhlers den Glauben, bis er ihn hatte. Böhler liess ihn die Mystik als subtile, spitzfindige und gefährlichste Form von Legalismus erscheinen.

In der Mystik gibt es keine Heilsgewissheit und keinen Trost für diejenigen, die die dunkle Nacht der Seele nicht überwunden haben. Wesley konnte nicht mal diesen untergeordneten Stand in der Mystik erreichen. Die Herrnhuter offerierten ihm von daher eine sehr interessante Lösung, die Heilsgewissheit versprach, ohne jedoch eine dunkle Nacht der Seele zu fordern, sondern Glauben an Jesus Christus. Wesley war in seinen Kämpfen und Zweifeln von der Sehnsucht getrieben, das Angenommensein bei Gott zu fühlen. Die Herrnhuter boten ihm ein sicheres Vertrauen in Gott, die Mystiker hingegen ermahnten zu einem blinden Vertrauen in Gott. Glaube heisst für die Mystik der Prozess der Annahme bei Gott. Hier muss jedoch bemerkt werden, dass es auch andere mystische Erfahrungsschemen gibt, die den Glauben stärker einbeziehen und voraussetzen. Dem „inneren Licht oder Funken“ der Mystiker konnte Wesley nicht folgen, dazu war er ein zu logischer Mensch. Dagegen stellte er später das innere Zeugnis des Heiligen Geistes. Ursprünglich angezogen von deren Mystik, ist es nun also deren klare Heilsgewissheit, die Wesley zu den Herrnhutern zieht.

Auseinandersetzung mit dem Mentor

Die Spitze der Mystik-Ablehnung zeigt sich im nun folgenden, von Wesley scharf geführten Briefwechsel mit seinem Mentor William Law. Er warf dem Schriftsteller vor, ihm den rechtfertigenden Glauben vorenthalten und nur das Gesetz gepredigt zu haben. Die Differenzen der beiden Zeitgenossen werden offensichtlich: indem Law die Heiligung vor die Rechtfertigung setzt, fordert er die Pflicht nach Heiligkeit, aber ohne die Kraft dazu. Der Mensch findet in sich selbst; in seiner Natur das Heil und nicht in der glaubenden Annahme einer objektiven Sühne. Für Wesley hingegen führt die Anerkennung der Sünde zur Busse und zum Glauben an Jesus Christus. Mit der Wendung „Glaube an das Blut Christi“ wird von Wesley nun alles verworfen, was als nicht vereinbar damit erscheint.

John Wesley entdeckt die Mystik wieder neu.

Damit verbunden ist der „methodistische Mystiker“ schlechthin: der Schweizer John Fletcher. Wesleys Bewunderung für ihn zeigt sich in der Biografie, die er über Fletcher schrieb. Darin wird das Leben eines Mystikers sichtbar: zwei Nächte pro Woche blieb er wach, um durch Lesen, Meditation und Gebet tiefer in die Gemeinschaft mit Gott vorzudringen. Als Vegetarier ass er oft nur Brot, Wasser und Milch. Fletcher also zeigte Wesley eine Mystik, die „evangelisch“ war: wahre Mystik befähigt, die grössten Wahrheiten auszusprechen. Eine extravagante Mystik hingegen wendet alles in Allegorien und Spitzfindigkeiten, die der Heiligen Schrift unwürdig sind. Um diese zu vermeiden, laufen manche ins andere Extrem und schwächen das Evangelium von Jesus ab, wie die Pharisäer das Gesetz Mose. Von diesen extremen Fehlern kann gelernt werden, um zur wahren Mystik vorzustossen.

Wesley definiert die Busse nun also in einem evangelischen Sinn: angeeignet durch einen persönlichen Glauben an Jesus Christus. Dieser ist nicht einfach „Vorbild“, sondern Stellvertreter für Sünde und Tod. Diese Grundlage gibt Wesley nun auch Raum für den Einfluss des „Goldes der Mystiker“, um die Balance zwischen Glauben und Werken zu unterstreichen.

Nach 1767 predigte John Wesley die Rechtfertigung des Glaubens, bestätigt durch Werke, was die persönliche und theologische Veränderung bei Wesley verdeutlicht. Auf den Glauben folgen also unausweichlich die Früchte. Wenn ein mystisches Leben also Früchte produziert, die nur vom Glauben herkommen können, dann wird bei diesem Menschen rettender Glaube offenbar. Damit tauchen für Wesley wieder mystische Einflüsse am Horizont auf. Diese Einflüsse werden sichtbar an den konkreten Fragen und Nöten, denen Wesley in seinem Dienst begegnete. So die Frage nach dem geistlichen Wachstum als Notwendigkeit, geistlich nicht zu sterben. Wenn jemand das Heil nicht verliert, bezeichnet Wesley das als ein Wunder. Darum braucht es den Drang zur Vollkommenheit. Das Schema von geistlichen Übungen zielt auf diese Beständigkeit als Voraussetzung für die christliche Vollkommenheit. Diese Gedanken erinnern stark an die Mystiker (z.B. Ignatius von Loyola). Wir sollen nackt dem nackten Christus folgen (Franziskus). Wesley sieht also Leiden und Verluste als die besten Hilfen für das Wachsen in der Gnade an.
Alle diese Parallelen zu den Mystikern haben eine Ausnahme: Gott bringt einen Menschen nie in die „dunkle Nacht der Seele“ und wird ihn nie aus dem Licht Gottes bringen.

Wesley wandte sich in seiner Kritik an der Mystik gegen die Auffassung, das Heil komme aus der Verneinung des bösen Leibes und der bösen Welt, indem der Mensch sich selber verneine und durch Besinnung auf den göttlichen Funken in sich immer „göttlicher“ werde. Er war überzeugt: das Heil kommt durch Busse und den Glauben an Jesus Christus. Wesley stellte sich auf den Satz: „Let my religion be plain, artless, simple.“ „Lass meine Religion (meinen Glauben) klar, schlicht und einfach sein.“

Wesley versuchte so, in der Mystik Spreu und Weizen zu trennen. Eine „Mystik des Dienstes“ zog Wesley bis an sein Lebensende so an, dass er gegenüber dem mystischen „Weizen“ offen blieb. Eine Mystik, die Mitleiden mit den Leidenden umfasst und eine Heiligkeit, die mit dem Wesen Christi vereinbar ist.

Das Herzstück der Mystik war für Wesley also: die Mystiker lieben Gott und die Menschen. Ihre Liebe fasst seine Lehre von der Vollkommenheit zusammen. Ihr Verständnis des Dienstes umfasst Wesleys Verständnis einer Ethik nach dem Evangelium.

Meine Meinung

Diese dreiteilige Serie „John Wesley und die Mystik“ möchte aufzeigen, wie unsere Kirche durch die mystische Tradition geprägt wurde. Mystik ist also nicht ein Thema für alle andern, sondern ist stark verbunden mit unserem methodistischen Erbe. Die momentane Wiederentdeckung der Mystik kann uns daran erinnern. Wir können als Methodisten daran anknüpfen. Manche der heute neu aufgelegten oder übersetzten Bücher der alten Mystikerinnen und Mystiker hat bereits John Wesley gelesen und dies hat ihn stark beeinflusst.
Mystik definiert sich für mich in der Seite der Kontemplation (oder des „inneren Lebens“) und des Widerstandes (oder der „Mystik des Dienstes“). Am Anfang steht die Annahme bei Gott, die durch den Glauben möglich wird. Diese „evangelische“ Erkenntnis ist grundlegend, wie das im Leben von John Wesley nachgezeichnet wurde. Ich kann durch einen mystischen Aufstieg die Gottesbegegnung nicht erst ermöglichen, sondern sie nur empfangen. Die Vertiefung geschieht über mystische Wege.
Die Gefahr, diese Beziehung zu Gott immer wieder mit guten Absichten erarbeiten zu wollen, ist besonders in der Mystik gross. Jesus stellte nicht eine „Stufenleiter zur Vollkommenheit“ vor uns auf, sondern er ist den Weg in die menschlichen Niederungen gegangen. Der Weg zu Gott führt gerade über unsere Unzulänglichkeiten, was auch Wesley durch seine intensive Suche erfahren hat.
Ausgehend von der Kontemplation und der Annahme vor Gott folgt in der Mystik der Schritt in die Tat, in den Kampf (wie das in Taizé genannt wird) oder in den Widerstand (Dorothee Sölle). Eine Dimension der Mystik, die der Methodismus durch die Betonung der Früchte (Werke) und des politischen Widerstandes (z.B. Sklavenhandel) gut kennt. Diese Dimension ist meines Erachtens bei den heutigen Methodisten in der Schweiz zu weiten Teilen verloren gegangen. Die heutigen Nöte und damit Widerstandskräfte gegen einseitige, menschenfeindliche Tendenzen in der Gesellschaft können innerhalb einer „Mystik des Dienstes“ neu entdeckt werden. Einfachheit, soziale Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt, Gewaltlosigkeit, Widerstand gegen Wirtschafts- und Finanzmächte, alternativer Lebenstil, etc. sind Möglichkeiten, dem Glauben oder der mystischen Kontemplation auch Taten folgen zu lassen. Die Wiederentdeckung solch „mystischer“ Dimensionen sehe ich als Gebot der Stunde in unseren EMK-Gemeinden.


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Auch in der aktuellen Ausgabe von kirche+welt:

- Wenn gewisse Wörter die Diskussion erschweren
- Weg mit dem Stress - Meditationstipps
- 50 Jahre Zentralkonferenz Mittel- und Südeuropa

Links:

Biographie von John Wesley

John Wesley und seine Auseinandersetzung mit dem frühen deutschen Pietismus (Text in englischer Sprache)

Text von Andreas Ebert zur christlichen Mystik

John Wesleys Erfahrungen in Georgia (Text in englischer Sprache)

Biographie von Peter Böhler

Biographie von John Fletcher



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