Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 19/2004 Oktober - 14.10.2004   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Sonntag für Sonntag werden in den EMK-Gemeinden Gottesdienste gefeiert. Wie möchten wir einen solchen Gottesdienst erleben? Der folgende Brief verrät mehr.

Meiner Nachbarin hat es gefallen

von Verena Volz


Lieber Daniel
Vergangenen Sonntag hast du uns - wie schon oft - durch den Gottesdienst geleitet. Deine Begrüssung holt mich jeweils ab, wo ich herkomme und ist nicht nur ein formeller Einstieg. Du schaffst es, wo ich gerade mal müde meinen Körper auf dem Stuhl deponiert habe, meine Erwartungen für Gottes Reden in meine Alltagssituation zu wecken. Und in deinen Beiträgen ziehst du immer wieder den Vorhang, damit wir nicht nur an den sichtbaren Realitäten und Nöten hängen bleiben, sondern den Horizont geöffnet bekommen für Gottes Wirklichkeit.

Ich habe bei dir nie das Gefühl, wie in einer Sitzung von einem Tranktandum zum nächsten geführt zu werden. Oder etwa, dass du da vorne stehst und deine Angst vor einer Blamage würde dich beherrschen - und du deswegen vor allem darauf konzentriert bist, alles richtig zu formulieren und Pannen zu vermeiden. Selbst wenn ein Fehler passiert oder etwas nicht klappt, bricht die Welt für dich nicht zusammen. Ausserdem haben deine Versprecher oft zu herzhaftem Lachen oder ernsthaftem Nachdenken angeregt. Solange du selbst darüber lachen kannst und locker damit umgehst, verbreitest du jedenfalls eine Atmosphäre, in der allen klar ist: bei uns kann man Fehler machen und verliert dabei nicht das Gesicht.

Kürzlich lud ich ja meine Nachbarin zum Gottesdienst ein und sie sagte mir, dass sie so ungefähr alles verstanden habe und sich nicht blöd vorkam - wie in einem akademischen Fachzirkel in dem nur Insider die religiösen Sonderfachausdrücke verstünden. Deine Echtheit und die Natürlichkeit, aber auch die Beispiele, die für unseren Alltag relevant sind, haben ihr gut getan. Du hast in deiner Sprache keinen Röstigraben zwischen denen, die kirchendistanziert sind und uns regelmässigen Gottesdienstbesuchern. Du setzt keinen sakralen Ton auf, der mir einen Schauer über den Rücken laufen lässt und musst nicht schwarz-weiss malen, damit die Moral von der Geschichte auch bis in die hintersten Gehirnwindungen und Herzenswinkel wirkt. Und doch bist du auch klar und nicht theologisch dünnflüssig in deinen Aussagen.

Obwohl ich nun schon über Jahrzehnte in unseren Gottesdiensten sitze, fragte mich meine Nachbarin, warum das so abläuft, wie es abläuft. Ich wusste zunächst ja gar nicht, was sie meinte. Schliesslich habe ich mich doch sehr an alles gewöhnt. Aber als sie fragte, warum so viele Bibelstellen und –texte gelesen werden, warum man so viele Lieder singt und manche nacheinander, da konnte ich ihr nur noch erklären, was eine Anbetungszeit bei uns will. Den Ablauf des Gottesdienstes habe ich eigentlich noch nie so bedacht. Zuerst dachte ich, es wäre bei uns doch irgendwie jeden Sonntag anders, aber dann stellte ich fest, dem ist auch wieder nicht so: ganz anders ist es ja auch nicht. Ich vermute, da liegt irgend ein Sinn darin, dass wir zum Beispiel eine Lesung aus dem Alten und Neuen Testament haben – oder?

Vielleicht kannst du mal, wenn du wieder dran bist, kurz erklären, warum diese Lesung jetzt kommt oder warum wir dieses Lied singen. Meine Nachbarin fragte noch, warum wir überhaupt singen, es sei doch Sonntagmorgen und noch so früh am Tag und die Lieder seien so hoch zum singen. Ich hätte mit ihr lieber über den Text der Lieder gesprochen, denn auf ihre Frage hatte ich keine gescheite Antwort.

Was meine Nachbarin übrigens noch stark fand, war der Witz, den du erzählt hast. Wir haben wirklich nachher noch mal herzhaft gelacht. Und als es später ums Thema Schuld ging, sagte sie, es tat ihr gut, dass du so nüchtern-ernsthaft darüber gesprochen hast und sie sich nicht durch dich schlecht gefühlt hat, sondern sich gewundert hat, mit welcher Kraft du zur Erneuerung und Veränderung eingeladen hast. Das hat mich auch angesprochen, weil ich bei dir einfach die ganze Lebenslust gespürt habe, die mir aus den Evangelien entgegen kommt. In dieser Atmosphäre rechne auch ich mit Gottes Ansprechen und seinem Reden zu uns als Gemeinde. Du gehst uns da wie voraus, wenn du vorne stehst. Wenn du einladend und nicht zwingend auf Gottes Möglichkeiten setzt, dann öffnet das uns die Tür, mit dir diesen Weg zu gehen.

Es ist also viel mehr, als nur durch ein Programm leiten, was du da sonntags mit uns machst. Du hast das alles zu Hause sorgfältig vorbereitet und ausgewählt, bist mit dem vertraut – und trotzdem merke ich: du bist der erste, der sich in diesem Moment des Gottesdienstes ansprechen lässt.

Ich komme gern in den Gottesdienst, weil du mich unterstützt, mit Gottes Wirklichkeit in einer heilsamen Gemeinschaft mit anderen zu rechnen. Für all deine Gedanken, deine Kreativität und dein Dienen mit deiner Gabe will ich dir heute danken. Und auf den nächsten Gottesdienst freue ich mich schon.

Bis zum nächsten Sonntag,

Verena Volz

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