Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 22/2004 November - 11.11.2004   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Welche Bedeutung hat das Geld bei uns?

Vom Umgang mit dem Geld

von Gere Luder

Auch auf unserem Bezirk, aber auch sonst in der Kirche, wird im Moment viel über Geld gesprochen. Und wie meistens, wenn man über Geld spricht, ist der Grund dafür, dass zu wenig davon vorhanden ist. Ganz nach dem verbreiteten Spruch „Über Geld spricht man nicht, Geld das hat man!“ Und diejenigen die es nicht haben, müssen dann eben davon reden, sei es nun als einzelne Personen oder als Organisation.

Was ist denn eigentlich Geld?

Gemäss Definition ist Geld ein „wirtschaftliches Gut, das in Verkehrswirtschaften die Aufgabe des allgemeinen Tausch- und Zahlungsmittels, der Wertaufbewahrung und der Recheneinheit erfüllt. (dtv-Lexikon)“. Geld ist also eher etwas abstraktes und soll offenbar verschiedene Funktionen erfüllen. Es dient als Recheneinheit, wobei für mich sofort die Frage auftaucht,was denn da berechnet wird oder in berechenbare Zahlen gefasst wrden soll. Man kann mittels Geld Werte aufbewahren, und auch hier fragt sich,welche Werte damit bewahrt werden können. Und natürlich ist Geld ein Zahlungs- und Tauschmittel, was wir ja selber erleben können, wenn wir für eine runde, glänzende Metallscheibe eine Tasse Kaffee ausgehändigt bekommen. Sofern wir überhaupt noch Geld verwenden und nicht auf bargeldlose Zahlung mittels Kreditkarte, “Cash”- Karte oder sonst einem Stück Plastik umgestiegen sind.

Man zeigt, was man hat...

Wenn eine gemütliche Runde beisammensitzt, vorzugsweise Männer nach einer Sitzung, kommt das Gespräch öfter mal auf die verschiedenen Dinge, die man sich leisten kann. Sei es, dass die Autos der Anwesenden miteinander verglichen werden, seien es Diskussionen ums eigene aus oder die Wohnung. Immer wieder gibt es Situationen, wo jemand gerne beiläufig erwähnt, wie es um die finanzielle Lage steht. Nicht direkt natürlich, eher mit einer beiläufigen Bemerkung über die letzten Ferien in der Karibik oder über das exquisite Nachtessen im Gourmetsrestaurant. Über das Geld selber wird nicht gesprochen, ja es gilt sogar als Tabu über den eigenen Lohn zu sprechen oder gar jemanden danach zu fragen. Aber bei den Dingen, die man sich dank des Geldes anschaffen kann, da wird freizügig präsentiert und wenn ein anderer etwas Bestimmtes hat geht es nicht lange bis er von einem anderen übertrumpft wird.

Geld ist kein Selbstzweck

Wie in der Definition erwähnt ist Geld als Tauschmittel entstanden. Anstatt immer direkt die eigenen Produkte zu tauchen hat man eine Zwischenstufe eigeführt und standardisierte Metallscheiben eingeführt, welche als Tauschmittel dienten. Vieles wurde dadurch einfacher: Man musste nicht jedesmal Unmengen Naturalien mitnehmen wenn man etwas Bestimmtes eintauschen wollte. Und die römischen Soldaten hatten es einfacher, wenn sie für ihren Dienst ein paar Münzen bekamen anstelle von drei Säcken Kartoffeln, einer Amphore Wein und 20 Eiern, zum Beispiel. Übrigens wurden in anderen Kulturen auch andere Gegenstände als Tauschmittel eingesetzt, aber übers ganze gesehen setzten sich die Metallscheiben durch. Viel später wurden sie dann noch durch bedruckte Papiere ergänzt und auch der Wert der Münzen bestimmt sich heute nicht mehr aufgrund des Goldes oder Silbers, sondern rein aufgrund der aufgedruckten Prägung. Geld ist also primär ein Tauschmittel. Aber rasch entwickelte es sich zum Selbstzweck. Menschen entdeckten ihre Freude am Geld und daran möglichst viel davon zu besitzen. Anstatt das Geld als Tauschmittel zu benutzen sammelten sie möglichst grosse Mengen an Münzen und definierten sich über den Reichtum, den sie angehäuft hatten. Dies wurde erst mit Entstehen des Geldes möglich. Weizen oder Kartoffeln liessen sich nämlich nicht beliebig lange aufbewahren und auch Tiere wurden älter und verloren ihren Wert. Das Geld aber konnte aufgehäuft und aufbewahrt werden. So kam es, dass sich Menschen zunehmend über ihren Besitz definierten und den Besitz von möglichst viel Geld zu ihrem Lebensziel machten. Übrigens machte auch die Kirche bei diesem Anhäufen mit, indem prunkvolle Kirchen gebaut wurden und möglichst viel Gold und andere teure Materialien die Kirchen füllten. Noch heute geht es manchmal darum möglichst schöne, moderne Gemeinderäume zu haben und damit auch zu zeigen, dass man als Kirche oder Gemeinde auch etwas ist.

Geld macht glücklich...

Wir alle sind mehr oder weniger stark damit beschäftigt genügend Geld zu verdienen um unser Leben zu bestreiten. Die einen streben nach möglichst viel Geld und unternehmen die vielfältigsten Anstrengungen um zu mehr Geld zu kommen. Andere sind einfach froh wenn genügend zum Leben vorhanden ist und die Dritten können sich anstrengen, wie sie wollen, sie kommen einfach auf keinen grünen Zweig. Das Streben nach Geld kann das Leben so stark bestimmen, dass andere Werte zweitrangig werden oder gar keinen Platz mehr haben. „Geld macht nicht glücklich – aber es beruhigt wenn man es hat.“ Dies ist so ein Satz, den ich mal von einer älteren Frau gehört habe, welcher die Haltung vieler Menschen dem Geld gegenüber ausdrückt. Glücklich macht es nicht, aber ich strenge mich trotzdem an zu möglichst viel Geld zu kommen, schliesslich beruhigt es, genug zu haben. Auch wenn die Sicherheit, die das Geld gibt nur eine scheinbare ist und sich die entscheidenden Dinge damit nicht kaufen lassen, erst recht nicht wenn es um Leben und Tod geht.

Hier muss ihr Geld arbeiten

Vor einiger Zeit gab es eine Werbekampagne der Kantonalbanken, welche mit dem Slogan auftrat „Hier muss ihr Geld arbeiten.“ Im Kinospot dazu sah man beispielsweise ein paar Münzen mit Armen und Beinen, welche geschäftig hin und zurück rannten. Auf der einen Seite wurde ein Stapel Münzen immer grösser und schliesslich wurde der Slogan eingeblendet: „Hier muss ihr Geld arbeiten“. Eine Werbung, welche mich immer unglaublich ärgerte. Denn Geld kann nicht arbeiten, es sind letztlich immer Menschen, die arbeiten, damit sich das Geld vermehrt. Wenn mein Geld auf der Bank viel Zins trägt und so genannt „arbeitet“ sind dahinter Menschen, die arbeiten und häufig ausgenützt werden, damit ich dann, ohne einen Finger zu krümmen, den Zins einkassieren kann.

Wie gehe ich mit dem Geld um?

In verschiedenen Institutionen, Vereinen und Gruppen, in denen ich bisher mitgearbeitet habe, ist mir immer wider eines aufgefallen, gerade auch in verschiedenen Gemeinden: Wenn es ums Geld geht, sind immer sofort Leute zur Stelle. Leute die mitreden wollen, Leute die sich engagieren, Leute die ihre Meinung vertreten und klare Argumente dafür oder dagegen haben. Wenn es um Inhalte geht, um thematische Arbeit, darum intensiv eine schwierige Frage zu bearbeiten und Lösungen zu suchen, dann wird es schwierig jemanden zu finden. Eine Arbeitsgruppe für einen Umbau oder für Ideen zur Deckung des Defizits ist rasch gefunden. Eine Gruppe zur Erarbeitung neuer Gottesdienstformen, zur Gestaltung der Teenagerarbeit oder um Schwerpunkte für die Gemeindearbeit festzulegen, das wird schon schwieriger.

Ich wünschte mir einen unverkrampfteren Umgang mit dem Geld und den Themen rund ums Geld. Einerseits mehr Offenheit und Mut, wenn es um finanzielle Fragen geht, andererseits auch die klare Einsicht, wenn es um den Stellenwert der Fragen rund ums Geld geht. Sie sind sicher nicht die wichtigsten in unseren Gemeinden. Sie zu stark zu betonen und zu hoch zu werten, lenkt uns von unseren eigentlichen Aufgaben ab.

Links:

Was ist Geld? - Grundsätzliche Informationen

US-Studie: Nicht Geld ist primär das Problem, warum EMK-Gemeinden nicht wachsen, sondern die mangelhafte Leitung

Kirchliche Geldanlage - Grundsätzliche Überlegungen, verabschiedet von der Jährlichen Konferenz der EMK

Verantwortlich Geld anlegen - Gedanken vom Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK

Investitionsethik - Text aus dem "Book of Resolutions" der EMK

Geben in Verantwortung - der "Progressive Zehnten", nach Ronald J. Sider, "Der Weg durchs Nadelöhr, Wuppertal 1977



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