Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 21/2003 Oktober - 30.10.2003   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Um das eigene Glaubensleben zu stärken, ist es wichtig und hilfreich, wenn wir beispielsweise beten und die Bibel lesen. Wie gelingt es, dies im Alltag regelmässig zu tun, auch wenn man wenig Zeit hat?

Geistliche Übungen – Warum nicht?

von Gere Luder

In Erwartung unseres ersten Kindes lasen wir diesen Sommer verschiedene Bücher zu Fragen rund um das Leben mit einem kleinen Kind. Wir haben mit verschiedenen Leuten über dieses Thema gesprochen. Ein Punkt wurde dabei immer wieder erwähnt: Kinder brauchen einen regelmässigen Rhythmus. Sie benötigen eine vertraute Umgebung, Rituale und Regeln, an denen sie sich orientieren können. Ich bin der Überzeugung, dass Rituale und regelmässige Abläufe auch Erwachsenen sehr viel nützen können. Gerade im Glaubensleben sind mir regelmässiges Gebet und Bibellesen oder über längere Zeit der gleiche, liturgische Tagesanfang oder -abschluss wichtige Stützen.

Sich nicht überfordern

Solche regelmässigen Übungen werden vielfach unter dem Begriff „Geistliche Übungen“ zusammengefasst. Und es gibt die Tendenz, sich mit solchen Übungen zu überfordern und sich dann davon abzuwenden. Manchmal lese ich in einem Buch oder in einer Zeitschrift von Menschen, die enorm konsequent und beeindruckend irgendetwas sehr lange Zeit machen: Jahrzente lang täglich das gleiche Gebet sprechen. Ein Jahr lang jede Woche das ganze Matthäusevangelium lesen. Täglich von fünf bis sechs am Morgen Stille Zeit machen. Solche Geschichten und Erfahrungen können beeindrucken, aber auch abschrecken, weil ich werde so was ja doch nie zustande bringen. Und wenn ich es versuche und mir sage, jetzt probierst du wirklich jeden Tag eine Stunde für das Gebet zu reservieren, dann gelingt mir das vielleicht ein paar Wochen oder Monate und dann ist es wieder vorbei. Zurück bleibt die Frustration und der Gedanke, dass ich wohl nie ein geregeltes geistliches Leben werde führen können.

Trainieren statt probieren

In einem Buch habe ich diesen Sommer eine etwas andere Sichtweise gelesen. Der Grundgedanke lautet, dass ich nicht „probiere“ irgendeine geistliche Übung regelmässig durchzuführen. Vielmehr gilt es, die Übungen zu trainieren und im Laufe der Zeit darin besser zu werden. Wohlverstanden es geht nicht darum, dass ich besser bete oder gar vor Gott besser dastehe. Das Ziel ist, dass mir die geistliche Übung durch das Training leichter fällt, dass sie mir zur Stütze für meinen Glauben wird. John Ortberg* vergleicht dies mit dem Sport. Wenn ich eines schönen Abends beschliesse, morgen laufe ich einen Marathon, kann ich das wohl probieren, werde aber mit grösster Wahrscheinlichkeit versagen. Wenn ich das Ziel habe, einen Marathon zu laufen, muss ich gezielt darauf trainieren und werde es schliesslich schaffen und das Ziel erreichen.

Kluges Training

Damit ein solches Training auch gelingt, gilt es einige Punkte zu beachten. Zum ersten ist das Ziel entscheidend. Jedes Training wird geprägt vom Ziel, das ich erreichen möchte. Es gilt also, möglichst konkrete Ziele festzulegen und dann entsprechend zu trainieren. Zum Beispiel wenn ich das Ziel habe, täglich vier mal ein bestimmtes Gebet zu sprechen, kann ich es zuerst mal auf Karten schreiben und zuhause oder am Arbeitsplatz aufhängen. Ich beginne damit das Gebet regelmässig zu lesen, bete es immer wieder ganz bewusst bis es tief in meinem Bewusstsein ist und ich schliesslich mein Ziel erreiche.
Kluges Training ist aber nicht einfach stur auf ein Ziel ausgerichtet, es nimmt Rücksicht auf meine Lebensumstände, ja auch auf meinen Charakter. Wenn es mir mal nicht so gut geht oder ich mir zu viel zugemutet habe, kann ich das Training etwas reduzieren. Wenn ich merke, dass ich mir zuviel vorgenommen habe mit meinem Ziel, kann ich das Ziel anpassen und mir eine „kleinere“ Leistung vornehmen (wiederum Leistung nicht im Sinne von „Ich bin besser bei Gott ...“, sondern als Weg zu tieferem Glauben und einer engeren Beziehung zu Gott).
Etwas Wichtiges ist schliesslich meine Reaktion, wenn ich ein Ziel einmal nicht erreiche und eine geistliche Übung nach einer gewissen Zeit wieder fallen lasse. Dies bedeutet nicht, dass ich versagt habe. Ich habe ja die ganze Zeit trainiert und vielleicht ist jetzt eine Pause notwendig oder eine andere Übung liegt mir auf einmal näher. Der Weg meines Trainings braucht nicht geradlinig zu sein. Wenn ich einmal ein Jahr lang regelmässig gleich gebetet habe, kann es ein, dass ich danach vielleicht verstärkt das Fasten oder Bibellesen trainiere.

Eigene Erfahrungen

Ich mag solche geistlichen Übungen grundsätzlich und mir gefallen regelmässige und sich wiederholende Abläufe. Beispielsweise war ich als Jugendlicher mehrmals in einem Jungscharlager, in welchem wir jeden Abend den gleichen Ablauf für den Tagesschluss hatten. Dazu gehörten immer die gleichen Lieder, eine ruhige Zeit, um Tagebuch zu schreiben, eine Zeit des gemeinsamen Gebets und biblische Texte des Dankes und Segens. Ja, wir haben in diesem Lager über Jahre das gleiche Lied, die grosse Doxologie (EMK- Gesangbuch 260), als Abschluss der Liturgie gesungen und dadurch kann ich es immer noch auswendig. Ich habe den Ablauf sogar danach für mich zuhause auf Kassette aufgenommen und so meinen persönlichen Tagesschluss gestaltet (siehe Hinweis am Schlus des Textes).
Eine andere Erfahrung machte ich bei mehreren, kürzeren Aufenthalten im Kloster Beinwil. Der Tagesablauf dort wird von vier Gebetszeiten bestimmt und in jedem Gebet ist das „Vater unser“ enthalten. Manchmal gesungen, manchmal gesprochen, aber immer der wohlbekannte Text des Gebets aus der Bergpredigt Jesu. Und durch die stetige Wiederholung prägte sich mir das Gebet tief ein und auch zuhause sind mir plötzlich im Laufe des Tages wieder Teile des „Vater unser“ eingefallen und haben mich durch den Alltag begleitet.

... und wann das auch noch

Gut und recht, sagt sich jetzt vielleicht der eine oder die andere, aber wann soll ich denn noch geistliche Übungen trainieren. Neben Vollzeitjob im Büro, Kindern und Haushalt zuhause und umfassendem Engagement in Gemeinde und Sportclub bleibt einfach zu wenig Zeit.
Ich denke das Training der geistlichen Übungen hängt zum kleinsten Teil von der verfügbaren Zeit ab, sondern ist vielmehr eine Frage des Willens und der Planung. Ein sportliches Training geschieht auch nicht von selbst, ich muss es mir einplanen und mich manchmal auch etwas überwinden in den Regen oder in die Kälte joggen zu gehen. Beim geistlichen Training besteht der grosse Vorteil darin, dass es schon mit ganz wenig Zeit begonnen werden kann. Die meisten lassen sich am Morgen einmal wecken und alle gehen am Abend irgendwann ins Bett. Schon bieten sich zwei Aufhänger für ein paar Minuten geistliches Training jeden Tag. Vielleicht fährt jemand mit dem Tram 12 Minuten zur Arbeit, eine wunderbare Zeit für ein Gebet. Wieso nicht bei jeder Haltestelle für ein bestimmtes Anliegen oder eine bestimmte Person beten. Oder wenn ich mit dem Velo zur Arbeit fahre, kann ich morgens zwei oder drei Lieder singen. In der Küche kann ich mir am Schrank oder über dem Abwaschbecken einen Bibeltext, ein Lied oder ein Gedicht aufhängen und so die Worte in meinen Alltag wirken lassen. Kreativität und Abwechslung sind ganz wichtige Faktoren für das geistliche Training und je mehr ich mich darin übe, umso mehr Ideen kommen mir, wie ich meine Beziehung zu Gott in den Alltag einbauen kann und wie mein Alltag zunehmend von Gottes Wirken geprägt werden kann.

*Wesentliche Impulse zu diesem Artikel stammen aus dem Buch „Das Leben, nach dem du dich sehnst“ von John Ortberg, Projektion J, 1998

Ein hilfreiches Beispiel:
Liturgischer Tagesanfang oder Tagesschluss

Eine Möglichkeit zur Gestaltung eines liturgischen Anfanges oder Abschlusses des Tages bieten entsprechend aufgenommene Musikkassetten, CD’s oder MiniDiscs.
Zuerst überlege ich mir einen Ablauf, welchen ich täglich hören möchte. Idealerweise dauert das Ganze etwa 20- 30 Minuten. Danach suche ich drei bis sechs passende Lieder und Musikstücke und nehme diese in der gewünschten Reihenfolge auf. Nach Bedarf lässt sich eine leere Zeit aufnehmen für das persönliche Gebet oder ein ruhiges Musikstück zum Tagebuch schreiben. Nach einigen Wochen und Monaten mit der gleichen Kassette bekommen die Lieder ein ganz neues Gewicht und der vertraute Ablauf gibt mir einen Rahmen, welchen ich mit den eigenen Gedanken zum Tag ausfüllen kann.
Gerade die Lieder, welche ich jeden Morgen höre fallen mir im Laufe des Tages immer wieder ein und prägen dadurch meinen Alltag.

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Links:

Was ist Meditation?

Eine Schweizer Homepage zu Exerzitien

Geistliche Übungen - Vorschläge einer katholischen Ordensfrau

Bestellmöglichkeit bei Amazon für "Das Leben, nach dem Du Dich sehnst" von John Ortberg



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