Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 23/2003 November - 27.11.2003   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Die „Matrix“-Filme regen zum Gespräch über den christlichen Glauben an.

Die Matrix ist allgegenwärtig

Mit Matrix über den Glauben reden                              Copyright Bild: Warner Bros. Picturesvon Richard Hürzeler und Andy Schindler-Walch

Seit drei Wochen läuft der Film „Matrix Revolutions“, der letzte Teil der „Matrix“-Trilogie, in den Kinos. Die „Matrix“-Filme sind voller verschiedener Anspielungen auf die kulturelle, philosophische und religiöse Landschaft. Was bringt es, sich auf diese Filme einzulassen? Wer mit Suchenden, jugendlichen Film-Cracks und Kirchendistanzierten über den christlichen Glauben und seine fundamentalen Grundaussagen reden will, kriegt mit „Matrix“ eine Gesprächsgrundlage von unschätzbarem Wert. Ein paar Thesen.

Die Story

In der „Matrix“-Trilogie geht es um die Entwicklung des Computerhackers Thomas A. Anderson, genannt Neo (gespielt von Keanu Reeves). Als Single, ohne Familie und Freunde, lebt er allein in einer düsteren kleinen Wohnung, arbeitet als Programmierer in einem Grossraumbüro und verbringt seine Nächte vor dem Bildschirm im Internet. Er sucht nach dem Sinn des Lebens: Wer bin ich? Was ist die Matrix? Eines Tages wird er von Agenten in schwarzen Anzügen verfolgt. Eine junge Frau namens Trinity (Dreieinigkeit) und ein Mann namens Morpheus helfen ihm bei der Flucht. Neo und Morpheus, - ein Farbiger, geheimnisvoll, gross, kräftig -, treffen sich und sitzen in einem Zimmer in grossen Sesseln vor dem Kamin.

Die Sünde

Morpheus klärt Neo auf, was die Matrix ist: Eine Schweinwelt, in der die Menschen leben. Eine Computersimulation, von Maschinen geschaffen, um die Menschen unter Kontrolle zu halten. Damit wird der Film interessant für Christen. Denn was ist Sünde? Erklären Sie einmal diesen Begriff jemandem, der mit Kirche und Glaube nichts am Hut hat! Vielleicht mit den Worten, die Morpheus zu Neo sagt: “Willst Du wissen, was die Matrix ist? Die Matrix ist allgegenwärtig, sie umgibt uns. Selbst hier ist sie, in diesem Zimmer,... Es ist eine Scheinwelt, die man Dir vorgaukelt um Dich von der Wahrheit abzuhalten, ... dass Du ein Sklave bist, Neo! Wie fast jeder andere bist Du in Sklaverei geboren. In ein Gefängnis, dass Du nicht sehen, schmecken oder berühren kannst. Einem Gefängnis des Geistes.” Die Parallele ist deutlich: Die Macht der Sünde ist nur schwerlich zu beschreiben, und trotzdem leben wir alle darin, sind in ihr gefangen und ihr versklavt. “Früher wart ihr Sklaven der Sünde” (Röm 6,17). Doch gerade weil die Sünde sich nicht offensichtlich zeigt, leben viele Menschen darin, ohne es zu wissen oder zu verstehen. Und trotzdem gibt es da zutiefst ein Erahnen, dass etwas nicht in Ordnung ist: “Du fühlst es schon dein ganzes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Du weisst nicht was, aber es ist da!”, so Morpheus zu Neo.

Die Scheinwelt der Matrix hält die Menschen ruhig. Real werden die Menschen von Maschinen in grossen Kapseln gefangen gehalten und ihre Energie wird langsam abgezapft. Wie kommt man nun aus diesem Dilemma heraus? Was muss der Mensch tun, damit er frei ist bzw. gerettet wird? Wieder eine dieser Fragen, welche in der Diskussion mit suchenden Menschen bald auf dem Tisch kommt. Die Antwort lautet: Nichts! Der Mensch kann sich nicht selber retten! Diese zutiefst christliche Botschaft zieht sich wie ein roter Faden durch die „Matrix“-Trilogie. Es ist erstaunlich, dass gerade in unserer heutigen Zeit diese Erkenntnis wieder Kultstatus erlangt. Der Mensch kann tun und lassen was er will, es nützt letztlich nichts. Er kann sich Mühe geben, alle Anstrengungen unternehmen, doch er bleibt in der Sünde bzw. in der Matrix gefangen.

Die Erlösung

Es gibt nur eine Lösung und die heisst Erlösung! Der Mensch muss gerettet und befreit, eben erlöst werden. Der Mensch bleibt dabei passiv, einzig, dass er mit seinem freien Willen entscheiden kann, ob er sich auf das Neue einlassen will oder nicht! Was eine Bekehrung ist, wird in Matrix in genialer Weise exemplarisch dargestellt, als Neo sich entscheiden muss. Morpheus bietet ihm zwei Pillen zum Schlucken an, eine blaue und eine rote Pille. Wählt er die blaue Pille, so ist alles beim Alten: Er vergisst, was er erfahren hat und führt sein Leben weiter. Wählt er die rote Pille, so führt ihn das in die Wahrheit und in die tiefsten Erkenntnisse über das Leben. Und als Neo die rote Pille wählt, zeigt sich, dass es ihn zuerst einmal aus der Gefangenschaft der Matrix führt. Er wird befreit. Doch die neue, die reale Welt ist nicht einfach das Paradies. Die reale Welt ist hart. So kämpfen die befreiten Menschen in Kanälen mit Schiffen gegen die angreifenden Maschinen an. Ihre Heimat im Untergrund ist die Stadt Zion. Neo gehört jetzt auch zu den Befreiten. Und als Bewohner von Zion geht er wieder freiwillig in die Matrix, zusammen mit Trinity, die seine Freundin wird, und Morpheus. Sie sind in der Welt, aber nicht mehr von der Welt. Die Worte aus Johannes 17 kriegen in Matrix eine ganz neue Bedeutung.

Die Rettung

Die Menschen im Untergrund glauben daran, dass ein Auserwählter, ein Erlöser, kommen wird, um die Menschheit vor den Maschinen zu retten. In der „Matrix“-Trilogie kommt auch ein Orakel vor (eine ältere farbige Frau, die unter anderem Plätzchen backt), die vom Auserwählten, dem Erlöser erzählt. Der Erlöser kann das Böse der Matrix durchschauen und durchbrechen. Wieso braucht es einen Erlöser? Können das nicht die bereits Geretteten übernehmen? Wieso braucht es noch einen, der alle überragt und auf mystische, göttliche Art die Menschheit befreit? Diese Frage ist eine der spannendsten Frage im Blick auf die „Matrix“-Trilogie. Sie wird weder gestellt, noch in Frage gestellt. Es ist einfach klar: es benötigt einen Auserwählten, einen Erlöser. Die Lage ist sonst aussichtslos. Kein Filmbesucher wird daran zweifeln. Es ist die beste Parallele für Diskussionen über das Christentum. Denn die Rückfrage an einen Matrixfan wäre dann: “Beim Film zweifelst du nicht, dass es zur Befreiung der Menschheit den Auserwählten braucht. Wieso glaubst du nicht, dass es zur Erlösung unseres Lebens und unserer Welt Jesus Christus braucht?”

Morpheus sieht in Neo mehr als nur einen Menschen, der erlöst worden ist. Er sieht in ihm den Auserwählten. Und dies bewahrheitet sich im Film. Der Auserwählte erhält nach Tod und Auferstehung (bzw. Auferweckung) die Macht über das Böse in der Matrix. Neo, und nur Neo, ist mächtiger als der Tod und die Agenten in den schwarzen Anzügen (vermutlich Dämone oder das Böse). Nicht durch Kraft oder Waffen, sondern einfach, weil er der Auserwählte ist! Und im dritten Teil der „Matrix“-Trilogie ist er es, welcher der Welt den Frieden schenkt. Er besiegt das Böse generell und tilgt es aus der Welt der Menschen. Und nach diesem letzten totalen Sieg, geht die Sonne neu auf: “Und siehe, ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.” (Offb 21,1). Obwohl die Art und Weise, wie Neo den letzten Kampf gewinnt, schon eine sehr eigenwillige Auslegung der Filmemacher ist.

In den „Matrix“-Filmen wird viel geschlagen und geballert, trotzdem kommt die Erlösung letztlich nicht durch die Waffen. Zwar helfen die Waffen im Film den Weg zu bereiten, doch gleichzeitig können sie auch zum Götzen werden: gerade der dritte Teil zeigt, wie ein Kommandant, der sich auf seine Waffen verlässt, daran scheitert. Erlösung kommt nur durch Glaube: der Glaube daran, dass Neo der Auserwählte ist. Der Rat der Ältesten von Zion, Morpheus, das Orakel, Trinitiy und einige andere: sie alle glauben, dass Neo der Erlöser ist und die Welt retten wird und das zeichnet sie zu den wahren Befreiten und Erlösten aus. “Wer ist es aber, der die Welt überwindet, wenn nicht der, der glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist?” (1.Joh 5,5)

Literaturhinweis: „Das Geheimnis der Matrix“ von Karen Haber (Hsg.), Wilhelm Heyne Verlag, Fr. 15.80

Einige Thesen zu der „Matrix“-Trilogie:

Göttliche Personen
Neo ist ohne Zweifel der Messias, der Erlöser, der Auserwählte , also Gott Sohn. Doch wer ist denn Gott Vater und Gott Heiliger Geist? Die Frage der verschiedenen göttlichen Personen lässt sich nur schwer in den „Matrix“-Filmen zuordnen. Das Orakel im Film sagt Morpheus, dass er den Auserwählten finden wird. Im übertragenen Sinne könnte Morpheus Johannes der Täufer sein. Der Auserwählte geht zuerst zu Morpheus, um sich selber retten zu lassen, so wie Jesus erst zu Johannes geht, um sich taufen zu lassen.

Einige Hinweise im Film zur Bibel
Die Stadt der Menschen heisst Zion, der biblische Begriff für einen Teil von Jerusalem, der zum Symbol für das Paradies und das Gelobte Land wurde. Die Freundin von Neo heisst Trinity (Dreieinigkeit), erinnert aber mehr an Maria Magdalena. Der Name des Schiffs von Morpheus ist Nebukadnezar, wohl eine Art Symbol für Gefangenschaft. An einer Bordwand des Schiffes findet sich die Bibelstelle Markus 3,11 („Und wenn ihm die unreinen Geister sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist Gottes Sohn!“). Die kleine Mannschaft an Bord des Schiffes wirken wie Jünger mit dem Verräter Cypher, also ein Judas, und die gemeinsame Mahlzeit an Bord des Schiffes hat etwas von einem Abendmahl.

Der Ablauf im Vergleich mit der Bibel
Die drei Matrix-Filme könnten folgende Abläufe im Bezug auf die Bibel darstellen:
Teil eins ist das Evangelium: Geburt, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt des Auserwählten.
Teil zwei ist die Kirchengeschichte: es zeigt das Hin und Her in Zion, bei den Ratsältesten, Menschen die Neo anbeten und nachfolgen, Predigt und Feier im Tempel.
Teil drei ist das Ende der Welt mit Harmagedon und den neuen Himmel und der neuen Erde. Vielleicht deshalb das massive Geballer.

Warnung
Die „Matrix“-Filme beinhalten schnelle Bildabfolgen, einen eigenen Kleidungs- und Designstil und viel, wirklich sehr viel Geballer und richten sich in erster Linie an ein junges Publikum. Für manche Menschen kann dies bereits im ersten Teil über das Limit des Erträglichen gehen, für die meisten spätestens aber im dritten Teil.


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Weitere Artikel in der kirche+welt-Ausgabe Nr. 23:
-Der Wettbewerb in der Wirtschaft. Gibt es auch Gewinner und Verlierer bei der Kirche?
-Sieben Reisetipps zur Musik im Gottesdienst
-Interview mit dem EMK-Pfarrer und Buchautor Patrick Streiff über die Geschichte des Methodismus

Links:

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Parallele zu Jesus im Film "Matrix"

Christliche Rezension zu "Matrix" (in englischer Sprache)

Filmpredigten u.a. zu "Matrix"

Unterrichtsentwurf zu "Matrix" für Jugendliche ab 16 Jahren

Witzige Parallele zu artgerechter Tierhaltung anhand "Matrix"

Witzige Parallele zu "Matrix" mit einer kämpfenden Kuh (zum downloaden)



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