Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 22/2003 November - 13.11.2003   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November 2003

Hinschauen, nicht wegsehen!

von Claudia Bloem, im Namen der Arbeitsgruppe gegen Gewalt und Missbrauch

Weshalb einen internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen? Schliesslich sind auch Männer Opfer von Gewalt. Und glaubt man/frau den letzten Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über Gewalt und Gesundheit, ist die häufigste Ursache bei Todesfällen durch Gewalteinwirkung Selbstmord (1).

Über vieles wissen wir Bescheid: Genozid, Terroranschläge, Umweltkatastrophen, Hunger, grausame Macht. Dass aber in Pakistan jährlich mehr Frauen durch sogenannte Ehrenmorde sterben als Soldaten bei bewaffneten Konflikten in jenem Land, ist weniger bekannt. Und dass häusliche Gewalt die häufigste Todes- und Invaliditätsursache von Frauen in Europa ist (noch vor Krebs, Autounfällen und Krieg), steht auch nicht täglich in den Zeitungen.

Gewalt an Frauen nimmt weltweit unterschiedliche Formen an: Tötung weiblicher Föten, Genitalverstümmelungen, sexueller Missbrauch, Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Ehrenmorde, Säureanschläge, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, usw. Auffallend ist dabei, dass die meisten Gewalthandlungen in der Privat-, bzw. Familiensphäre ausgeübt, und damit stillschweigend geduldet werden. Dazu kommen systematische Vergewaltigungen von Frauen in bewaffneten Konflikten und Frauenhandel. Diese Verbrechen werden jüngst etwas besser dokumentiert. Es bleibt aber das beschämende Gefühl, dass die Menschheit über die privaten Verbrechen an Frauen zu lange geschwiegen hat.

Erst seit 1993 anerkennt die weltweite Gemeinschaft, dass Gewalt an Frauen eine Verletzung ihrer Menschenrechte ist und, dass alle Staaten die Aufgabe haben, Frauen vor Gewalt zu schützen, sei es im öffentlichen oder privaten Bereich. Seit 1999 gilt der 25. November als internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen (2). Ein Jahr zuvor wurde von der UNO-Menschenrechtskommission eine Sonderberichtserstatterin eingesetzt, welche jedes Jahr einen Bericht über Gewalt an Frauen in verschiedenen Ländern abliefert.

Auch in der Schweiz sieht es mit der Gewalt an Frauen nicht gut aus. 1997 veröffentlichte eine erste Schweizer Studie erschreckende Zahlen: jede fünfte Frau ist einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexueller Gewalt seitens ihres Partners. Im Kanton Neuenburg sind zwischen Januar und dem 15. April 2003 nicht weniger als fünf Frauen von ihrem Partner ermordet worden.

Das Tabu „Häusliche Gewalt“ ist nun gebrochen. Das Schweizer Parlament verabschiedete in diesem Herbst die Offizialisierung der Gewaltdelikte in der Partnerschaft: neu werden Vergewaltigung in der Ehe, aber auch Tätlichkeiten von Amtes wegen verfolgt. Viele Kantone haben Interventionsprojekte gegen häusliche Gewalt eingerichtet. Prävention ist gefragt. Als erster Kanton hat St. Gallen im Januar 2003 ein Gesetz eingeführt, welches die Polizei berechtigt, die gewalttätige Person aus der Wohnung zu weisen. Seit 2002 läuft eine nationale Polizeikampagne gegen häusliche Gewalt: Ermitteln statt vermitteln heisst es nun. Dies ist ein Anfang.

Auch die Kirchen sind hellhörig geworden. Auf den 25. November erwarten wir seitens des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, der Schweizerischen Bischofskonferenz und der Christkatholischen Kirche ein gemeinsames Memorandum zur häuslichen Gewalt. Wir sind gespannt.

Die Arbeitsgruppe gegen Gewalt und Missbrauch der EMK- Schweiz-Frankreich hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema unter die Leute zu bringen. Erste Informationen sind auf dem im Jahr 2002 erschienenen Flyer zu lesen. Als nächstes steht auf unserem Programm die Weiterbildung der PfarrerInnen zum Thema Gewalt im sozialen Nahraum (Pfarrerversammlung 2004).

Was können Sie machen? Hinschauen, nicht wegsehen! In der Broschüre der Polizeikampagne (3) finden Sie erste Anregungen, wie Sie sich als Opfer, ZeugInnen oder TäterInnen verhalten können. Ursachen von (häuslicher) Gewalt sind komplex. Dazu mehr in einem nächsten Artikel in kirche+welt. In der Zwischenzeit können Sie auf der einen oder anderen Internetseite (siehe Kasten) etwas surfen. Der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen hilft uns, aller unbekannten Opfer zu gedenken, Gewalt in unserem Nahraum wahrzunehmen und persönliches Gewaltverhalten zu reflektieren.

(1) Etwa die Hälfte der jährlich 1,6 Millionen Gewalt-Toten stirbt durch die eigene Hand, ein Drittel durch Mord und ein Fünftel durch Gewalt in kriegerischen Auseinandersetzungen.

(2) Dieser Tag wird seit den achtziger Jahren in Lateinamerika in Erinnerung an den Mord der Mirabal Schwestern, welche sich mutig gegen Trujillos Diktatur in der Dominikanischen Republik gewehrt hatten begangen. Die Generalversammlung der UNO hat ihn 1999 in ihr Kalender aufgenommen.

(3) Finden Sie in jedem Polizeiposten.

Veranstaltungshinweis:
Gewalt gegen Frauen: Inter-national, Dienstag, 25. November 2003, 18.00 Uhr, Kornhausforum Bern, Stadtsaal, Kornhausplatz 18, 3000 Bern 7.
Referentinnen: Micheline Calmy-Rey, Bundesrätin; Yakin Ertürk, UNO Sonderberichtserstatterin, Irene Khan, Generalsekretärin Amnesty International Informationen und Anmeldung: Fachstelle gegen Gewalt, EBG, Schwarztorstrasse 51, 3003 Bern, Tel. 031 322 69 45, martine.kohlmann@ebg.admin.ch

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Weitere Themen in kirche+welt Nr. 22/2003:

- Distriktsvorsteher Markus Bach schreibt, warum man die Gemeinde auch als Suppe sehen kann
- Fünf Vorurteile gegen neue Musik unter der Lupe - Teil 2 der Serie von Tobias Beljean.
- Notwendig: Not wenden! In Bern fanden die Connexio-Begegnungstage zu diesem Thema statt.

Links:

Menschenrechte Schweiz

Fraueninformationszentrum Zürich

Schweizerische Verbrechensprävention

Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten

Terre des Femmes

Referat von Renate Bloem am Theologischen Seminar der EMK in Reutlingen



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