Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 11/2003 Mai - 22.05.2003   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Ein grosses Problem für die Schweiz: der Missbrauch des Asylwesens als Möglichkeit zur Migration. Warum möchten Menschen in die Schweiz? Zwei Betroffene erzählen ihre Sicht und zeigen eine andere Optik auf.

Asyl in der Schweiz: Von Ängsten und Chancen

von Thomas Bolleter

In der Schweiz gibt es zu viele Ausländer. Was löst es aus? Zum Beispiel das Gefühl schleichender Unsicherheit beim Anblick einer Gruppe herumlungernder, dunkelhäutiger Männer auf den Bahnhofsplätzen der grösseren Städte. Sie stehen rum, scheinen nichts zu tun zu haben, begrüssen sich ausschweifend, tauchen immer in Gruppen auf. Wir nehmen sie als Bedrohung war.

Keine attraktive Schweiz

Von etwas über sieben Millionen Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz sind gegen anderthalb Millionen, knapp 20 Prozent, nicht im Besitz des Schweizer Bürgerrechts, also Ausländerinnen und Ausländer gemäss Bundesamt für Statistik. Asylsuchende wollen nicht mehr in ihr Heimatland zurück, wenn sie einmal länger hier gewesen sind und Arbeit sowie Wohnung gefunden haben. Darum soll die Schweiz für sie möglichst unattraktiv gemacht werden, sie dürfen nicht arbeiten und haben zum Teil in Zivilschutzanlagen zu leben. Rita Furher, als Regierungsrätin für das Asylwesen im Kanton Zürich zuständig, meinte in einem Interview: „Zum Beispiel stelle ich fest, dass es Ausländer gibt, die doch sehr gewaltbereit sind. Nicht gewalttätig aber gewaltbereit, d.h. eine gewisse Aggressivität in sich tragen.“ (siehe auf der Homepage von Rita Fuhrer)
Geschichten von Asylbewerbern, die mit falschen Papieren eintreffen oder ihre Papiere auf der Reise verschwinden lassen, hört man immer wieder. Sie missbrauchen offensichtlich unser Asylwesen, unser humanitäres Gewissen, für ihre eigenen egoistischen Ziele.
Der Anteil von Ausländern an Straftaten in der Schweiz hat, gemäss Bundesamt für Statistik, seit 1984 zugenommen, der Anteil lag im Jahr 2000 bei 46,9%.

Auch wenn diese Fakten nicht immer einer genauerer Betrachtung standhalten, so muss zum Beispiel bei der relativ hohen Kriminalitätsrate von Ausländern der Männeranteil, die soziale Schichtung, die Altersstruktur u.a. berücksichtigt werden, will ich nicht weiter darauf eingehen. Mir ist etwas anderes wichtig: der oben beschriebenen Sicht – dieser schweizerischen Sicht, „unserer“ Sicht – entspricht eine Gegensicht: Die Geschichten von Menschen, die in der Schweiz neue Wege, neue Anfänge, schlicht Perspektiven suchen. Zwei junge Männer möchte ich Euch etwas näher bringen: Roger und Wasili (beide Namen sind nicht echt, die Personen dahinter aber sehr wohl). Sie stehen für mich für die ganz andere Seite, für die nicht offizielle Sicht, für das Leben.

„Jedes Leben hier ist besser“

Roger kam vor einigen Jahren in die Schweiz, ausgerüstet mit falschen Papieren, die ihn auswiesen als Kongolesen, wo Bürgerkriege eine eventuelle Aufnahme als Asylant rechtfertigten. In seinem eigenen Land herrscht mehr oder weniger Frieden. Korruption und Arbeitslosigkeit sind allerdings horrend.
Als Sportler, der bei Afrikameisterschaften erfolgreich war, hoffte er, in der Schweiz dank seinem Asylantrag genügend Zeit zu finden, um bei einer Mannschaft anzuheuern, über die er dann eine reguläre Aufenthaltsbewilligung erhalten würde,was allerdings für Afrikaner in seiner Sportart praktisch unmöglich ist. Vom Pech verfolgt erlitt er eine schwerwiegende Verletzung und musste seine Pläne und Träume faktisch begraben.
Er hatte Glück im Unglück: Vorletztes Jahr heiratete ihn eine Schweizerin. Durch diese Heirat erhielt er eine Aufenthaltsbewilligung und durfte endlich arbeiten. Die beiden sind ein glückliches Paar. Er arbeitet und schickt so viel von seinem hart verdienten Geld nach Hause wie er kann. Seine grösste Motivation ist es, seiner Familie in Afrika ein besseres Leben zu ermöglichen. Er erklärte mir einmal: „Zuhause habe ich nichts. Keine Zukunft, keine Möglichkeiten, keine Perspektiven. Das Leben ist Scheisse, Thomas. Jedes Leben hier ist besser.“

„Dir steht alles offen“

Wasili ist Ukrainer und Student. Seit mehreren Jahren studiert er hier Germanistik und Sinologie (chinesisch). Neben russisch und ukrainisch spricht er mittlerweile auch englisch, chinesisch und – ganz hervorragend – deutsch. Als Student ist er willkommen in der Schweiz, aber als Ukrainer eigentlich nicht. Die Ukraine ist keines der bevorzugten Länder, mit denen die Schweiz freie Aus- bzw. Einwanderungsregelungen getroffen hat. Ein junger Mann mit solchen Talenten und abgeschlossenem Studium sollte doch in der Ukraine seinen Weg finden, müsste man denken. Er ist ganz anderer Meinung: „In der Ukraine hast Du keine Möglichkeiten, da kannst Du nicht leben. Die meisten werden arbeitslos, wenn sie studiert haben; wer Lehrer wird, verdient kaum genug zum Leben. Da hast Du keine Perspektiven, keine Zukunft. Aber hier in der Schweiz: Dir steht alles offen, Du kannst alles machen. Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt.“ Er wird auf jeden Fall bleiben, auch nach dem Studium. Möglichkeiten gibt es immer, sagt er.

Die andere Seite der Asylpolitik

Meinen beiden Freunden ist zumindest Eines gemeinsam: In ihrem jeweiligen eigenen Land sehen sie keine Perspektiven, keine Zukunft für sich. Das Traumland Schweiz hingegen eröffnet neue Möglichkeiten, auch wenn sie beide hier zur Unterschicht gehören und auch wenn ihr Aufenthalt am Rande der Legalität anzusiedeln ist. Sie sind bereit für ihren Traum hart zu arbeiten und sich dem Land entsprechend anzupassen. Wer will ihnen ihre Träume verübeln, ihre Möglichkeiten einschränken, ihre Zukunft nehmen? Das ist die andere Seite der Asylproblematik. Menschen, die in ihren Ländern keine Perspektiven sehen, nehmen viel auf sich, um in die Schweiz zu kommen, um hier eine Zukunft aufzubauen. Sie kommen nicht hierher, um unsere Arbeitsplätze wegzunehmen – sie sind bereit, Arbeiten zu übernehmen, die kaum ein Schweizer haben würde –, sie kommen nicht hierher, um unsere Lebensweise einzuschränken oder gar um unsere Sicherheit zu gefährden. Alles, was sie wollen, ist eine Chance, eine Zukunft. Wer will sie ihnen nehmen? Ich jedenfalls nicht.

Weitere Texte in kirche+welt Nr. 11/2003:

- Wie beliebt sind EMK-Pfarrerinnen und Pfarrer?
- Die Oekonomik der Stillen Zeit
- Treffpunkt Bibel: Wenn da nicht die Liebe wäre
- Schulungsfenster: Lernen wir im Gottesdienst, Hauskreis...?
- Ein Student schreibt aus dem Seminar Reutlingen
- Musiktipp von Fredy Künzler zu "Jody McBrayer: This is who I am"
- Gebet: Stille werden - mich inhalten - einfach sein
- Interview mit Schwester Claire Meier zur Situation in Simbabwe
- Hans Lanz schreibt zum Tod von Dorothee Sölle

Links:

Bundesamt für Statistik

Homepage von Rita Fuhrer

Flüchtlingsdossier der NZZ mit vielen Artikeln

Soziale Grundsätze der EMK (siehe bei der Site des Sozialethischen Ausschusses, linke Seite, nach unten scrollen)



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