Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 16/2003 August - 07.08.2003   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Der Begriff „Heimat“ weckt zwiespältige Gefühle in der Schweiz. Was versteht man darunter und was kann Heimat sein?

Heimat - Wo bist du zuhause?

von Gere Luder

Jetzt sind sie wieder landauf, landab gehalten worden, die 1. August-Reden. Entweder über Heimat, Patriotismus und die Schönheiten der Schweiz oder zu Themen wie Integration, Fremde und offene Grenzen. Je nach politischem Standpunkt der Rednerin oder des Redners. Heimat und Heimatgefühle sind in beiden Fällen Leitmotiv und Ausgangspunkt der jeweils verschiedenen Überlegungen.

Heimat: Der Ort, wo ich mich niederlasse

Heimat ist zuerst mal ein ganz neutraler Begriff: Er leitet sich ab von einem alten Wortstamm mit der Bedeutung „Ort, wo man sich niederlässt“. Das Heim, die Heimat, ist also zuerst einfach der Ort wo ich mich niedergelassen habe, wo ich zuhause bin, wo ich lebe. Darin ist vieles enthalten, was mir erst bewusst wird, wenn ich woanders bin. Die vertraute Sprache, die vertrauten Strassen und Häuser, Menschen, die ich kenne oder zumindest immer mal wieder sehe. Aber auch das bekannte Angebot in der Bäckerei, die vertraute Reihenfolge der Gestelle im Supermarkt oder dass ich weiss, was die verschiedenen Dinge auf einer Speisekarte bedeuten und was ich bekomme, wenn ich „Rösti mit Bratwurst und Zwiebelsauce“ bestelle.
Heimat meint aber natürlich noch viel mehr. Es bezeichnet den Ort, wo ich mich geborgen fühle, wo es Menschen gibt, die mich annehmen und lieben, wo ich vorbehaltlos akzeptiert bin. Eine solche Heimat, denke ich, braucht jeder Mensch, ob er dann damit die Schweiz als Ganzes meint, das Dorf, in dem er wohnt oder einfach seine Familie und Freunde, spielt nicht so eine Rolle.

Heimat: Die anderen sind Fremde

Der Begriff Heimat hat aber auch seine negative Seite, oder er kann diese zumindest bekommen. Dann nämlich wenn ich meine Heimat abgrenzen, schützen und isolieren will. Wenn ich mein Land als so gut, schön und wunderbar empfinde, dass alles andere störend wirkt und ich keine Einflüsse von aussen will. Dieses Verständnis von Heimat führt zu Abgrenzung und Isolation, zur Abneigung gegen alles Fremde und Neue, ja zum Hass gegen andere Menschen, welche die schöne Heimat bedrohen.
Dieses Verständnis von Heimat ist es, welches dazu führt und geführt hat, dass Menschen Mühe haben mit dem Wort „Heimat“, dass sie sich wehren eine Heimat zu haben. Sie setzen heimatliche Gefühle eher mit Patriotismus, Nationalismus oder gar Ausländerhass in Verbindung. Die starke Betonung der Abgrenzung gegen aussen führt dazu, dass manche Menschen gar keine Heimat haben wollen oder zumindest nicht diese Schweiz als ihre Heimat verstehen.

Heimat: Mehr als Fahnen, Reden und Feuerwerk

Doch Heimat meint eben mehr als ein schönes Land, alte Traditionen und die möglichst getreue Erhaltung von Bräuchen und Kultur. Heimat ist etwas für das ganze Jahr, nicht nur für die Rede am 1. August und das Höhenfeuer mit Feuerwerk.
Heimat ist der Ort, wo ich Geborgenheit erlebe, dort wo ich mich in Ruhe hinsetzen oder hinlegen kann, dort wo ich Ruhe finde. So gesehen braucht eben jeder Mensch einen solchen Ort, wo er zur Ruhe kommen kann und ganz so sein, wie er ist. Wir brauchen Orte, wo wir nichts vorzuspielen brauchen, wo wir schwach sein dürfen, wo wir angenommen werden mit unseren Fehlern. Ein solcher Ort kann, ja soll, meines Erachtens gerade auch die Gemeinde sein. Ich wünsche mir, dass wir in unseren Gemeinden, in unserer Kirche dies immer wieder erleben dürfen, dass sie uns Heimat und Geborgenheit bietet.

Gott gibt ein Zuhause

Letztendlich gibt es die wahre Heimat, die wirkliche Geborgenheit nur bei Gott. Er nimmt alle Menschen vorbehaltlos an, egal ob sie jetzt Schweizer sind, Italienerinnen, Albaner oder Norwegerinnen. Egal ob sie schwarze Haut haben oder asiatische Augen, Gott schaut nicht auf die Herkunft oder das Aussehen der Menschen. Und er nimmt nicht nur alle Menschen an, er liebt sie als seine eigenen Kinder und durch seinen Sohn Jesus Christus schenkt er allen ewiges Leben in seiner Geborgenheit. So kann ich jederzeit zu Gott kommen und bei ihm die Geborgenheit erfahren, die mir Kraft und Mut für den Alltag gibt. „Wie ein Kind bei der Mutter, ist meine Seele still bei Dir“ heisst es in einem Anbetungslied als Ausdruck der Heimat, welche Gott uns gibt. Diese Geborgenheit immer wieder zu erleben ist mir eine wichtige Grundlage für meinen Glauben und mein Leben. Sei es beim Singen von Liedern für Gott, sei es beim Joggen in der Natur, sei es beim persönlichen Gebet oder beim ruhigen Betrachten eines Sonnenunterganges oder des Vollmondes.

Jesu Jünger haben keine Heimat

Bei Jesus in den Evangelien hören wir auch die andere Seite der Heimat bei Gott. Dass unsere Heimat bei Gott ist führt dazu, dass wir hier auf der Erde kein richtiges Zuhause haben. Jesus sagt einmal einem Menschen, der ihm nachfolgen möchte: „Alle haben ein Zuhause, sogar die Füchse haben eine Höhle um sich hinzulegen. Aber ich und meine Jünger haben keinen Ort um ihren Kopf hinzulegen, für uns gibt es keinen Ort auf der Welt, wo wir zuhause sind.“ (sinngemäss nach Matthäus 8,20).
So sind wir als Christen, als Jünger Jesu, immer etwas hin- und hergerissen. Zum einen brauchen wir einen Ort, welcher uns Heimat bietet, brauchen wir Menschen, welche uns Geborgenheit geben. Zum anderen wissen wir, dass unsere Heimat nicht hier auf der Erde sein kann, dass wir in der Nachfolge Jesu kein definitives Zuhause auf der Welt haben. Dafür dürfen wir gerade in der Gemeinde, in der Gemeinschaft mit anderen Christen und mit Gott eine Vorahnung der himmlischen Heimat erleben. Und wir dürfen uns freuen auf die Wohnung, die Gott uns bereit hält, auf das ewige Zuhause, das wir bei ihm finden.

Fragen zum Nachdenken
- Wo ist dein Zuhause, deine Heimat?
- Wie begegnest Du Menschen aus anderen Ländern oder Kulturen?
- Wie erlebst du Gott als Heimat konkret? Wo wird Gottes Geborgenheit für dich spürbar?
- Wie gehst du, wie geht ihr in eurer Gemeinde mit Schwächen und Fehlern um?

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Weitere Themen in kirche+welt Nr. 16/2003:
- Der Konferenzlaienführer Daniel Sommer schreibt über Geld oder Leben
- Die EMK Bregenz feierte ihr 50-jähriges Bestehen
- In Solothurn engagierten sich die Kirchen gemeinsam an einem Fest
- Der Jungscharsekretär Andreas Wyss berichtet aus den verschiedenen Lagern der EMK
- Die Schulungsbeauftragte Christine Bickel zeigt die Vorteile des Sozialzeitausweises auf
- Die EMK Eschlikon führte eine besondere Fotoausstellung durch
- Martina Läubli und Barbara Oppliger von Connexio schreiben über die Schwierigkeit, die Armut zu überwinden anhand des Beispiels Argentinien

Links:

Andrea Vonlanthen schreibt zu Geborgenheit und Heimat

Gedanken eines Paters zu Heimat und Glauben

Umfrage: Was ist für Sie Heimat?

Erklärung des Begriffs Heimat

Zusammenhang zwischen Heimat und Raum



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