Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 18/2002 September - 12.09.2002   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

In Johannesburg trafen sich beim Erdgipfel viele Menschen, um über Entwicklung, Globalisierung, Umwelt und Armut zu diskutieren und Lösungsansätze zu erarbeiten. Doch wie geht es nun weiter?

Wie geht es nach Johannesburg weiter?

Werbung MusiCreativ Horgenvon Thomas Bolleter

Nichtregierungsorganisationen (NROs), zu ihnen zählen auch Kirchen, waren genau so zu finden wie Wirtschaftsverbände und Regierungen. Es galt auf allen Seiten, Interessen zu vertreten bzw. zu wahren. Die einen präsentierten sich als Anwälte des Südens oder der Armut, andere meinten die Lösung in der unsichtbaren Hand des freien Marktes zu wissen.
Auch Organisationen mit christlichem Hintergrund waren zu finden. So war zum Beispiel der Ökumenische Rat der Kirchen mit 80 Repräsentanten vertreten, darunter auch Methodisten. Dazu kamen weitere Organisationen wie das European Christian Environmental Network oder Südwind, das ursprünglich von Kirchen gegründet wurde und sich mit Schuldenerlass beschäftigt.

Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und Medien
Für viele dieser Organisationen war dies eine wichtige Gelegenheit, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erlangen – was sonst im Wust der Nachrichten beinahe unmöglich wäre. Ob ihnen das gelungen ist?
Viel war und ist in den Medien zu lesen. Eine riesige Veranstaltung ohne Aussicht auf positive Auswirkungen wurde beanstandet – wahrscheinlich auch zu Recht. Kongress-Tourismus, eine Spielwiese für ansonsten arbeitslose Ideologen und Funktionäre, eine alles in allem sinnlose Begebenheit mit immensen Kosten.
Andererseits muss man sich fragen, was wohl passieren würde, wenn auf solche Kongresse ganz einfach verzichtet würde. Gäbe es dann gemeinsame, internationale Anstrengungen, um die anstehenden globalen Probleme anzugehen? Für die Gegner von verbindlichen Regeln, wie die Umwelt geschützt werden soll, von Standards darüber, wie Firmen international zu arbeiten haben oder wie Armut angegangen werden soll, wäre es vermutlich noch einfacher, Fortschritte zu verhindern. Immerhin werden Länder, die sich quer stellen – wie die USA beispielsweise –, von den Medien und von der Öffentlichkeit zur Rechenschaft gezogen. Diese haben es viel schwieriger, ihre politischen Ansichten einzubringen, wenn eine organisierte Gegnerschaft vorhanden ist.

Wer hilft weiter?
Häufig wird der Abstand von diesen Riesenveranstaltungen zu den einzelnen als unüberbrückbar empfunden. Genau so wie eine grosse Hilflosigkeit empfunden wird gegenüber den Problemen dieser Welt, die nicht mehr in einem regionalen oder nationalen Rahmen lösbar sind. Wer ist dafür zuständig?
Neben internationalen Organisationen wie die Uno, die Weltbank oder der internationale Währungsfonds, die alle für sich in Anspruch nehmen, etwas für die Menschen und gegen die Armut zu unternehmen, sind dies neben den weltweit tätigen Unternehmen die vielen NROs und dabei auch die Kirchen. Legitimation beanspruchen vor allem die NROs über die Mitwirkung von unzähligen Freiwilligen, sei dies mit Infobriefen, Ständen oder solidarischen Beiträgen finanzieller Mittel.

Ungleiche Verteilung
Häufig sitzen die NROs am kürzeren Hebel, wie auch Johannesburg zeigte. Die grossen multinationalen Konzerne und Wirtschaftsverbände waren vor Ort, präsentierten ihre Leistungen in grossen Pavillons oder sponserten gar Delegationen von NRO-Vertretern, die allerdings ohne Hilfe gar nicht erst zu Wort gekommen wären. Das Geld ist und bleibt ungleich verteilt. Geht es beispielsweise um Verhandlungen zu Freihandelsabkommen zwischen der EU und afrikanischen Staaten (wie sie im Moment laufen), so ist die EU mit einem massiven Übergewicht an Personal und Mitteln vertreten, mit denen die südlichen Länder nicht mithalten können. Da wird dann von 100 Beamten soviel Papier produziert, dass die paar Süd-Vertreter völlig überschwemmt werden. Die EU geht mittlerweile so weit, dass sie die Süd-Delegationen sogar teilweise mitfinanziert…
Den NROs, die versuchen, die offiziellen Prozesse kritisch zu begleiten, sind nicht besser mit Geldern dotiert. Auch hier herrscht der Nord-Süd-Graben vor: Während Nord-NROs doch genügend Kapazitäten aufbringen, um viele wichtige Aufgaben wahr zu nehmen, fehlen diese den Süd-NROs häufig völlig.

Eigene Erfahrungen
In diesem Frühling hatte ich das Vergnügen, in Bonn bei einer NRO ein Praktikum zu machen. Dabei durfte ich miterleben, wie ein Prozess der Regelung von Standards für internationale Unternehmen vor sich ging und schliesslich beendet wurde.
Umwelt- und Wirtschaftsverbände wurden von der deutschen Regierung an einen Tisch gebracht, um gemeinsam über Regeln für transnationale Konzerne (Kasten) zu diskutieren. Für den Kongress in Johannesburg sollte ein gemeinsamer Effort gezeigt werden können.
Die Gespräche zogen sich während über einem Jahr hin und scheiterten schliesslich an einem banalen Satz: Die Wirtschaftsverbände waren nicht bereit, die Anmerkung der Umweltverbände zu goutieren, dass sie dieses (inhaltlich sehr banale) Papier nur als Schritt auf dem Weg zu verbindlicheren Regeln sähen.
Dieser doch recht einfache Dialog um ein Papier, dessen Inhalt einigermassen klar verhandelbar war, gestaltete sich sehr schwierig und am Ende sogar unmöglich. Um wie viel schwieriger muss es sein, viel mehr Akteure an einen Tisch zu bringen und dazu zu gangbaren Lösungen zu kommen?!
Trotzdem scheint mir der Versuch dazu von grösster Wichtigkeit zu sein. So lange es keine demokratisch legitimierte Organisation gibt, die verbindliche Regeln festsetzen und dann auch überprüfen und sanktionieren kann, sind solche Monsterkongresse wohl praktisch unausweichlich. Ausserdem ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit informiert bleibt und weiss, worum es geht. Meine Hoffnung bleibt, dass sich die verschiedenen Seiten nach und nach auf verbindliche Regeln einigen können.

Links:

UNO Deutschland zum Erdgipfel

Infos zum Weltgipfel

vistaverde.de - Portal für Umwelt, Natur, Nachhaltigkeit

Links zu Seiten über den Weltgipfel 2002

Die EMK am Weltgipfel von Johannesburg

Das Fazit der EMK-Delegation am Weltgipfel

Der ÖRK und der Weltgipfel



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