Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 19/2002 Oktober - 17.10.2002   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Mehr als zehn Millionen mal verkaufte sich bisher das kleine Büchlein des Baptistenpastors und Missionsleiters Bruce Wilkinson mit dem Titel "Das Gebet des Jabez". Die deutsche Ausgabe ist bereits in dritter Auflage im Buchhandel. Was steckt dahinter?

Warum Jabez mit seinem Gebet in unsere Zeit passt

Werbung MusiCreativ Horgenvon Jörg Niederer

Man musste in unserer Zeit darauf stossen und darüber schreiben. Denn das Gebet des Jabez passt einfach zu gut zur Philosophie des postmodernen Menschen. Wenn schon Religion, dann diese ichzentrierte, erfolgsorientierte Art der Gottesanbetung. Auch nicht verwunderlich, dass der Wiederentdecker dieses alttestamentlichen Gebetes aus der self-made-USA kommt.

Der Inhalt
Das Büchlein reiht sich in eine Tradition von Werken ein, die den geistlichen, geistigen oder materiellen Erfolg zum Ziel haben. Ein Erfolg, den jeder Mensch für sich entdecken könne, indem er den Ratschlägen des jeweiligen Autors folge.
Wilkinson selbst wurde vor dreissig Jahren auf das Gebet des Jabez aufmerksam gemacht. Seither bete er es tagtäglich, und habe dabei Bemerkenswertes erlebt und erfahren. Sein ganzes Leben habe sich total verändert.
Auf das Gebet des Jabez stösst man wirklich nicht so ohne Weiteres. Gut versteckt zwischen Namenslisten und Geschlechtsregister findet man die Kürzestgeschichte des Jabez in 1. Chronik 4,9+10:

"Ein Mann namens Jabez war der Angesehenste unter seinen Brüdern. Bei seiner Geburt hatte seine Mutter gesagt: 'Ich habe ihn mit Schmerzen geboren', und deshalb hatte sie ihn Jabez genannt. Er selbst aber hatte zum Gott Israels gebetet: 'Segne mich und erweitere mein Gebiet! Steh mir bei und halte Unglück und Schmerz von mir fern!' Diese Bitte hatte Gott erhört."

Wilkinsons These ist nun, dass wer das Gebet des Jabez täglich bete, die gleiche Erfahrung machen werde wie Jabez. Dessen Bitten werden von Gott erhört.
Konkret sind es vier Bitten, die Jabez an Gott richtet. Bei allen geht es um eigentlich egoistische Wünsche des Beters.

1. Segne mich...
2. Erweitere mein Gebiet...
3. Steh mir bei...
4. Halte Unglück und Schmerz von mir fern.

Ein solches Gebet passt wunderbar in unsere Zeit. Denn die Postmoderne bedeutet, dass das eigene Interesse Massstab jeden Handelns und Denkens ist. Was mir etwas bringt, ist gut, was mir nichts bringt, brauche ich nicht. Genau das aber relativiert Wilkinson teilweise. Denn Gott gibt mir ja in erster Linie, damit ich weiter geben kann. Bei der Gebietserweiterung gehe es um Raum für die Verkündigung der frohen Botschaft. Wer so bete, wolle etwas tun für die Menschen, die ohne die Hoffnung auf Jesus Christus leben.
Nur irritiert die Art und Weise schon ein bisschen, wie Wilkinson dies darstellt. So soll man dreissig Tage lang dieses Gebet täglich beten und darüber Buch führen. Damit man es nicht vergisst, empfiehlt er, dass Gebet zum Beispiel an den Badezimmerspiegel zu kleben. Weiter soll man das Büchlein in dieser Zeit wöchentlich einmal durchlesen und von den damit gemachten Erfahrungen einer anderen Person weitererzählen. Veränderungen, die sich einstellen, sollen festgehalten werden. Und dann empfiehlt er, das Gebet stellvertretend auch für Familienangehörige und Kirchgemeinden zu beten.

Die Gefahr: Ein Gebet wird zu einem Mantra
Nach dem Lesen dieses Büchleins musste man darauf kommen. All das klingt ein bisschen wie bei einem Mantra-Gebet. Und so schrieb der Religionsphilosoph Douglas M. Jones das Werk Wilkinsons um und nannte diese Parodie "Das Mantra des Jabez".
Mit Mantras werden im Hinduismus Worte bezeichnet, die durch ihr blosses Singen oder wiederholte Aussprechen dazu führen, dass ein Mensch von der Reinkarnation erlöst wird. Das Gebet des Jabez kann man in diesem Sinn beten. Es wird dann zu einer Zauberformel für den persönlichen und religiösen Erfolg. Nicht dass die Wiederholung von Gebeten schlecht wäre. Manchen Wahrheiten kommen wir wirklich erst durch wiederholtes Aussprechen auf die Spur. Doch wer davon ausgeht, dass er durch das tägliche Gebet von wenigen festgelegten Worte verändert wird, muss sich den Vorwurf der Technikgläubigkeit gefallen lassen. Erstaunlich, das
hier besonders bibeltreue Christen das tun, was sie oft den Katholiken vorwerfen. Sie beginnen eine Art Rosenkranz zu beten und häkeln Tage in Kalendern ab, wo andere Perlen zählen. Und natürlich gibt es auch schon allerlei evangelische "Heiligenbildchen" zu diesem Gebet. Ob das nun Musik-CDs sind zum Gebet des Jabez oder spezielle Tagebuchausgaben und Andachten. Fehlt nur noch das Gebet des Jabez in einem Holzdöschen, das man sich um die Stirn oder den Hals binden kann. Und wie wäre es mit einer Gebetsmühle zum Gebet des Jabez? Oder man könnte den Bibelvers über den Bauchnabel eintätowieren lassen...

Die Chance: Erwartungsvolles Beten
Doch nach soviel Kritik will ich nun auch zu den Chancen des Jabezgebets kommen.
Wenn ein Gebetsbüchlein 10 Millionen man verkauft wird, dann haben wohl dadurch viele Menschen das Gebet erst wieder neu entdeckt. Vielleicht ist es eben genau das, was moderne Menschen heute brauchen. Eine Art umfassendes Stossgebet für jeden Tag. Das "Unser Vater" ist ja durchaus auch egozentrisch und besteht grösstenteils aus selbstbezogenen Bitten. Doch dieses Gebet ist zu lang für den zapverwöhnten Lebensstil von heute. Mit dem Gebet des Jabez finden viele fromme Christen aus endlosen Gebetsgemeinschaften zurück zu knappen, verständlichen, wesentlichen Worten an Gott.
Ich bete selber seit Jahren solche Gebete, wie es das Gebet des Jabez ist. Und ich mache eigentlich auch schon lange Erfahrungen, wie sie Wilkinson beschreibt. Indem ich zum Beispiel täglich singe: "Segne mich o Herr, lass leuchten dein Angesicht über mich und sei mir gnädig...", erlebe ich genau diesen Segen, um den ich bitte. Und ich nehme ihn ohne Skrupel in Anspruch.
Beim Lesen des Büchleins von Wilkinson ist mir auch aufgefallen, wie oft ich Begegnungen habe, die zu religiösen Gesprächen führen. Zufällige Begegnungen bringe ich seither häufiger mit meinen "egoistischen" Bitten an Gott in Verbindung. Ich rechne mit Gott. Ich rechne damit, dass er mich segnet, mich brauchen will als Werkzeug seiner Liebe (ein anderes Kurzgebet, das ich fast täglich bete), dass er mich bewahrt und behütet. "Das Gebet des Jabez" hat mir aus meiner professionellen Routine herausgeholfen, vielleicht, weil mich die Gedanken von Wilkinson irritierten, und zugleich zu einer neuen glaubensvolleren Gebetshaltung führten.
Und dann habe ich noch etwas kapiert: Wer von Gott etwas erbittet, kann nicht anders, als so handeln, dass Gott es auch erfüllen kann. Wenn ich Gott darum bitte, dass er mich vermehrt brauchen will, dann darf ich mich nicht zurückziehen und allen Begegnungen aus dem Weg gehen. Und so bin ich heute jeden Tag gespannt, wie viel neuen Raum mir Gott schenkt, um darin die frohe Botschaft auszubreiten, sodass Menschen sich davon erfassen lassen können.

Fazit
Mein Fazit lautet: Beten sie wie Jabez, aber machen sie das Büchlein von Wilkinson nicht zu einer frommen Ersatzbibel.

Die Literatur zum Gebet des Jabez:
- Bruce Wilkinson, Das Gebet des Jabez, Schulte + Gerth 2002, ISBN 3894377658, CHF 14.90 (deutsch)
- Bruce H. Wilkinson / David Kopp: The Prayer of Jabez, Baker und Taylor 2001, ISBN 1576737330, CHF 20.90
- Douglas M. Jones: The Mantra of Jabez – A Christian Parody, EUR 7.59

Links:

Idea Deutschland zum Gebet des Jabez

Das Gebet des Jabez als Desktopthema für den PC

Jabez Network (englisch)

Webseite von Bruce Wilkinson (englisch)

Webseite zum Mantra of Jabez

Artikel aus täuferisch-mennonitscher Sicht zum Gebet des Jabez



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