Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 11/2002 Mai - 23.05.2002   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Demokratie, Ehe, Lebensstil. In der Gesellschaft spielen diese und viele weitere Themen eine Rolle, die auch Christen beschäftigen. Wie gehe ich damit um? Wie beinflusst es mein Handeln? Einige Gedanken von Thomas Bolleter.

Wie lebe ich richtig?

Werbung MusiCreativ Horgenvon Thomas Bolleter

Hätte Jesus die Demokratie befürwortet? Wohl kaum. In den christlichen Gesellschaftsformen war nicht Demokratie gefragt, sondern das Wort Gottes.
Hätte Jesus den Kapitalismus unterstützt? Wohl kaum. Er forderte dazu auf, alles aufzugeben, was an die Welt bindet.
Wäre Jesus einer Partei beigetreten? Wohl kaum. Er wollte niemandem dienen ausser Gott.
Das sind drei Beispiele einer oft gehörten Massstabssetzung "Was hätte denn Jesus gemacht/gesagt?" Dies wird häufig zur christlichen Beantwortung ethischer Fragen herbei gezogen. Die Problematik dieses Massstabs zeigt sich schnell: Wie sollen heutige ethische oder soziale Fragen so beantwortet werden? Dazu: wie wollen wir beurteilen, was Jesus gemacht hätte?Hier soll nicht versucht werden, die Frage nach dem Handeln Jesu als Massstab zu entwerten, vielmehr soll die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, dass Vieles, was wir als gut empfinden oder gewohnheitsmässig akzeptieren, gar nicht so sehr auf christliches Gedankengut gegründet ist.
Wieso ist es für uns so selbstverständlich, dass Erwerbsarbeit ein Muss ist? Steht nicht in der Bibel das Wort über die Vögel, die der himmlische Vater doch ernährt (Mt. 6,26)? Wieso gibt nicht jeder, nicht jede, alles auf, alles weg, das ganze Hab und Gut? Weshalb streben wir vielmehr nach Besitz, ja nach Reichtum? Diese Fragen nach unserem Lebensstil deuten darauf hin, dass nicht unser ganzes Sein und Streben auf der Bibel basieren. Warum denn nicht? Schliesslich enthält die Bibel die zentrale Wahrheit des christlichen Glaubens. Jede Frage sollte beantwortet werden können, nimmt man sie ernst, um nicht zu sagen: wörtlich.

Einige Beispiele
Allerdings kommen wir schnell auf Fragen moderner Zeiten, die so einfach nicht zu klären sind:
Kapitalismus gegen Kommunismus. Der (amerikanische) Kapitalismus bezeichnete die Sowjetunion als antichristlich und beanspruchte Gott in hohem Masse als Legitimation, nicht anders als die Monarchien des Mittelalters und der Neuzeit. Wo findet sich die Grundlage dafür?
Die Schweizerische Demokratie beruft sich verfassungsmässig auf Gott - warum? Wo steht in der Bibel, dass dies getan werden darf? Insbesondere angesichts der Tatsache, dass sich die meisten Einwohner und Einwohnerinnen der Schweiz kaum als aktiv bekennende Christen bezeichnen und ausserdem viele andere Religionen bevorzugen.
Mann und Frau müssen heiraten, wollen sie eine Beziehung miteinander führen, ausserdem sollten sie sich treu sein. Wo steht denn das? Eine Freundin von mir lebte jahrelang mit ihrem Freund im Konkubinat. Ich weiss noch, dass ich sehr von ihr beeindruckt war, ihr Verhalten empfand ich als mutig: Gegenüber anderen Christen und Christinnen bestand sie darauf, dass sie ihr doch eine Bibelstelle zeigten, die eine Heirat für sie als gute Christin unabdingbar machte. Sie hat nie eine derartige Stelle zu Gesicht bekommen.

Wie gehe ich damit um?
Angesichts dieser Feststellungen frage ich mich, mit welcher Entscheidungsgrundlage ich an die komplexen Fragen der heutigen Zeit herangehen soll, an Fragen nach der Gentechnologie, nach dem Zusammenleben mit Menschen anderen Glaubens, nach dem Umgang mit Sterbehilfe. Soll ich versuchen, jeweils die Bibel richtig zu lesen, genau, den Urtext zu studieren, um möglichst wörtlich umsetzen zu können, was da steht? Soll ich mich zurück lehnen, denken, das schaff ich sowieso nicht, das Christ-Sein bleiben lassen und mich einer anderen, weltlicheren Religion zuwenden, vielleicht Scientologe werden, die sind ja recht erfolgreich? Was wären denn die Folgen eines solchen Konsequent-Seins? Ich müsste mich als guter Christ aus allem heraus halten, was mich an die Welt bindet, in der Überzeugung, dass Jesus Christus in allernächster Zeit wieder auf der Erde erscheint und damit das Ende einleitet; so lebten auch die Urchristen. Völliges Lösen von der Welt, Güterzusammenlegung, nur Glaube, Liebe, Hoffnung, keine Arbeit, dem Herrn dienen in jeder Art und Weise.
Nun sind viele Jahre vergangen und er ist noch nicht gekommen. Wir haben uns eingerichtet. Wir leben nicht mehr ein Leben in kurzer Erwartung - unser Leben ist anders, muss anders sein, so können wir nicht ein heute immer längeres Leben lang leben, oder zumindest können das nicht alle. Vielleicht sind Obdachlose dieser Vorstellung noch am nächsten. Schliesslich gehören sie zu den ganz wenigen, die wirklich verzichten, wenn auch nicht unbedingt freiwillig. Wir haben andere Wege gefunden, wie wir meinen, dem Leben als Christen und Christinnen gerecht zu werden. Dazu gehört auch, dass wir - zum Teil zumindest - ein Leben führen wie Nicht-Gläubige: Arbeit, Freizeit, Familie, Steuern, Auto, Ferien - alles was dazu gehört. Aber da ist eben noch mehr. Und dann kommt immer das "mehr".

Gibt es den Unterschied?
Was unterscheidet uns Christen, uns Christinnen denn von aufgeklärten, sozial denkenden und handelnden Mitmenschen, die sich für die Umwelt einsetzen und für die Entschuldung der Entwicklungsländer, die die Gentechnologie kritisch verfolgen, die auch die Bergpredigt zu verinnerlicht haben scheinen, ja, die sie sogar mal gelesen haben?
Gibt es dieses gemeinsame, grosse "mehr", diesen Unterschied überhaupt? Natürlich ist es unser offenes Bekenntnis zu Jesus Christus, das als "mehr" betrachtet werden kann. Aber ändert das etwas an unserem Lebensstil?
Damit haben wir Christen selber unsere liebe Mühe. Selten sind es tiefere Glaubensfragen, die uns trennen, häufiger sind es Fragen unseres alltäglichen Christ-Seins: Wie sieht ein guter Gottesdienst aus? Welche Lieder singen wir? Wie viel soll der Pfarrer uns sagen in seinen Predigten?
In Anbetracht all der verschiedenen Kirchen und Gemeinden mit unterschiedlichen Auslegungen und Lebensarten frage ich mich bisweilen, inwiefern all diese Gemeinden doch noch etwas Gemeinsames haben…

Die persönliche Erfahrung der Gnade
Hier sollte nun stehen, was denn dieses "mehr" für mich konkret bedeutet. Ich habe Mühe damit. Wenn ich mich an diesen Fragen messe, dann wird mir bewusst, dass ich meinen eigenen Messlatten, meinen eigenen Fragen nur schwerlich genügen kann. Einen Versuch dies zu beschreiben wage ich vielleicht: Das "mehr" besteht für mich in einer persönlichen Erfahrung von Gnade, welche zu erklären mir allerdings unmöglich ist. Immerhin möchte ich versuchen, eine Weise, wie das Christ-Sein verstanden werden kann, hier dennoch etwas auszuführen. Diese Weise liegt mir nahe, imponiert mir auch. Aktivität und eine positive Grundhaltung sprechen durch Menschen, die so handeln. Für sie ist die Welt nicht einfach ein Vorbereitungslager für die grossartige Zeit danach, bei Gott im Himmel. Auch geht es ihnen nicht in erster Linie darum, möglichst viele für den Herrn gewonnene Seelen zu sammeln. Für solche Menschen ist es das Ziel, mit der Zeit den Himmel auf Erden zu verwirklichen, mehr und mehr. Das kann als Blasphemie verstanden werden, als Widerwort gegen Gott, als weiterer Turmbau zu einem modernen Babel. Wir Menschen können nicht selber einen Himmel erschaffen. Gott wird schon den Versuch strafen.

Menschen, die aus dem Glauben leben
Aber dies kann auch verstanden werden als Versuch, jene Werte zu verwirklichen, die Jesus uns in der Bergpredigt näher zu bringen versucht hat; oder anders ausgedrückt, danach zu handeln, jeder und jedem so zu begegnen, als ob es Jesus wäre, was automatisch zu einer besseren Welt führen muss. Menschen mit diesem Ziel schöpfen ein tiefes Selbstbewusstsein aus ihrem Glauben, eine Sicherheit, die sie dazu veranlasst, immer wieder Schwierigkeiten anzugehen, auch wenn es eigentlich hoffnungslos ist. Sie begleiten Menschen heim, im Lighthouse in Zürich oder Basel. Sie sitzen mit ihrer Meinung ziemlich verlassen im Kantonsrat einer soliden Mehrheit gegenüber. Sie leben mit Krankheiten, die niemand genau kennt. Sie haben ihre Liebsten verloren, ohne ihren Glauben aufzugeben. Sie nehmen Namenlose auf, stellen sich auf Pausenplätze zwischen die Meuten, verlieren auch dann die Geduld nicht, wenn andere schon längst entschwunden wären. Sie versuchen als Menschen ihr Leben zu meistern. Letzten Endes geht es um unser Mensch-Sein, ein Begriff, den ich unbedingt positiv verwenden will. Mensch-Sein bedeutet zum Beispiel schwule und lesbische Menschen nicht aus Gemeinden verbannen und sie nicht verdammen. Ihnen als Menschen begegnen. Aidskranken auch, oder alten, oder kranken Menschen, Menschen mit Behinderungen, Frauen, die eine Abtreibung hinter sich haben, Männern, die nicht zeugungsfähig sind, Fremden, Ausländern, Asylantinnen. Eine Antwort suchen auf Fragen, die Menschen betreffen, letzten Endes Menschen wie Du und ich.

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Fragen, die Thomas Bolleter in seinem Artikel aufwirft, behandeln auch die Sozialen Grundsätze der EMK. Modern und aufgeklärt, mit tiefer Verankerung in der Bibel und im Christ-Sein, versucht der Text auf zentrale Schwierigkeiten heutiger Zeiten Antworten zu finden. Auch auf die eingangs gestellten Fragen. Es lohnt sich auf jeden Fall einen Blick hinein zu werfen, ob es das erste oder das hundertste Mal ist. Debatten erscheinen häufig in einem neuen Licht. Die Sozialen Grundsätze sind auch im Internet auf der Homepage des Sozialen Ausschusses der EMK zu finden; sie werden im Übrigen momentan in gedruckter Form vom Medienwerk der EMK in Stuttgart neu aufgelegt (Fassung 2000/2002, EMK Forum Nr. 22). Exemplare können nach Erscheinung in der Schweiz bei der Theologischen Buchhandlung Jost AG in Bern (Tel. 031 334 03 03) bezogen werden.

Links:

Homepage des Sozialen Ausschusses

Die Sozialen Grundsätze in Englisch, Fassung vom Jahr 2000

Ein Beispiel für christliches Engagement - Predigt gegen die Gewalt



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