Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 24/2002 Dezember - 12.12.2002   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Frohe Weihnachten

Werbung MusiCreativ Horgenvon Tobias Beljean

An sich müsste man das „Oratorio de Noël“ des französischen Komponisten Camille Saint-Saëns als romantisch-süsslichen Kitsch abtun. Aber damit tun wir dem Werk und auch uns selber unrecht, denn Hand aufs Herz: Sehnen wir uns nicht alle ein bisschen nach den „frohen Weihnachten“ unserer Kindheit? Hier ist sie!

Charles Camille Saint-Saëns war ein Tausendsassa: Zuerst Wunderkind, dann renommierter Komponist, Klavier- und Orgelvirtuose, rastloser Welten-bummler, Hobby-Astronom, -Historiker und -Philo-loge. Heute ist sein umfangreiches Oeuvre nahezu vergessen – ob zu recht oder zu unrecht, darüber lässt sich streiten.
Sein Weihnachtsoratorium schrieb er im Alter von 23 Jahren. Als Grundlage dienten ihm lateinische Bibelverse, in die er teilweise auch liturgische Texte einflocht. Es dreht sich nur um einen Teil der Weihnachtsgeschichte: Die Szene der Hirten auf dem Felde. Musikalisch wird dieses „pastorale“ Terrain bereits im Prélude erschlossen – behutsam stimmt die Orgel eine Hirtenmelodie an, die dann von den Streichern sanft aufgenommen und weitergeführt wird. Darauf wird uns von den Solisten mit melodischem Sprechgesang von der Weih-Nacht erzählt, die die Hirten gemäss der Schilderung des Evangelisten Lukas erlebten, abgeschlossen mit dem Gloria der Engel.
Es folgt ein siebensätziger Teil mit Bibelstellen, die das Weihnachtsgeschehen reflektieren. Eine stete Steigerung zieht sich durch diesen Abschnitt, indem das Solistenensemble immer grösser wird, bis zum Quintett Consurge, filia Sion. „Steh auf, Tochter Zion, des Nachts und zu Beginn der Nachtwache rufe laut: Halleluja“ (Kl 2,19) und „Bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und sein Heil brenne wie eine Fackel“ (Jes 62,1) sind die darin vertonten Bibelverse. Damit spannt Saint-Saëns gleichsam den Bogen zur eingangs geschilderten Handlung: Der menschgewordene Gott macht die Nacht des Menschen licht, was die Hirten erlebt haben, ist im übertragenen Sinn für alle Menschen erfahrbar geworden. Musikalisch zeichnet Saint-Saëns diesen Bogen nach, in dem er die Pastoralmelodie des Préludes wieder aufgreift und sie Solisten und Chor in den Mund legt und diese dann in ein – noch verhaltenes – Halleluja einstimmen lässt: Nun sind es die Menschen, die ins Loben kommen. Im zehnten und letzten Satz schliesslich, im schlichten aber festlichen Schlusschor Tollite Hostias, geben Menschen und himmlische Heerscharen vereint Gott die Ehre.
Und die Musik? Sie ist schlicht: Das Orchester, das Saint-Saëns Solisten und Chor zur Seite stellt, beschränkt sich auf die Streicher und eine Orgel, in zwei Sätzen ergänzt um eine Harfe. Sie ist zahm: Nichts von jugendlichem Übermut, den man von einem Dreiundzwanzigjährigen erwartet hätte, fast naiv wirkt sie – hören wir da etwas von der Sehnsucht nach der frohen Weihnachten der Kindheit? Schliesslich: Sie ist schön, so richtig zum Schwelgen.
Seien wir ehrlich: Eigentlich ist die Weihnachtszeit nicht besonders froh, weder historisch noch gegenwärtig. Aber eben: Lichter zündet man an, wenn’s dunkel ist, da hat Gott keine Ausnahme gemacht, und diese Musik kann – mitten im Verwandtschaftsfestmarathon und im Kugelhagel des Geschenkterrors – der Hoffnung, die uns die Bibel in der Weihnachtsge-schichte wittern lässt, den nötigen (be)sinnlichen Nährboden geben.

Links:

Die Biographie von Camille Saint-Saëns

Ausführliche Biographie über Camille Saint-Saëns (in englisch)

Text aus dem "Oratorio de Noël" von Camille Saint-Saëns

CD-Fassung, die der Autor im Text beschreibt (nicht mehr neu erhältlich) zum Reinhören

CD-Fassung, die neu erhältlich ist



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