Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 09/2002 April - 24.04.2002   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Gedanken zum Bibeltext aus Lukas 17, 20-21

Ich habe den Polstersessel rausgeschafft!

Werbung: MusiCreative Horgenvon Sigmar Friedrich

Sitzen Sie im Gottesdienst auch gerne in der ersten Reihe? Die erste Reihe von hinten, meine ich natürlich! Da hat Mann und Frau alles im Überblick, ist nahe genug dran, um alles mitzubekommen, und weit genug weg, um immer noch sagen zu können: «Mich geht das nichts an!» Oder: «Na, wenn das alles ist...»
Aber nicht nur im Gottesdienst sitze ich gerne in der genannten ersten Reihe. Auch das, was «in der Welt» vor sich geht, kann ich aus der Zuschauerposition heraus mit Entrüstung oder Begeisterung kommentieren und beurteilen. Das ist nicht nur bequem, sondern auch noch recht ungefährlich: Ich mache mir jedenfalls meine Hände nicht schmutzig.
Nun habe ich da neulich einen entlarvenden Bibeltext gelesen. Er war nur grade zwei Verse lang. Lukas (17,20-21) berichtet von einem Jesuswort, das in etwa sagt: Die Gottesherrschaft kommt nicht für Zuschauer, kommt nicht als medienfähiges Spektakel, das von der Presse gierig aufgesogen wird, weil sich Frontseiten füllen lassen damit.
Gut, habe ich mir gedacht, also werde ich mich aus meinem bequemen Sessel mit extra frommer Polsterung erheben. Wo gehe ich hin? - Sofort kommen mir ein paar «Pilgerstätten» in den Sinn. Nein, ich meine natürlich nicht Lourdes, sondern «Orte der Kraft», also nicht diese esoterischen, sondern eben so Gemeinden, in denen Jesus kräftig am Wirken ist. In der Schweiz gibt es da ja einige - in Bern sowohl wie auch in Zürich, Basel und St.Gallen.
Grade hatte ich mich auf den Weg machen wollen, da fiel mein Blick noch einmal kurz auf besagte Bibelstelle - und zugleich fiel mir der Autoschlüssel aus der Hand und ich selbst wieder in meinen Posterstuhl. Ich hatte ja nur den ersten Teil gelesen, den mit den Zuschau-ern. Jetzt steht da aber auch noch, dass Gottes Herrschaft keine «lokalen Zentren» hat.
Nun war ich extra früher aufgestanden, damit ich in einen dieser Gottesdienste gehen konnte. Aber an meiner aufgeschlagenen Bibel kam ich dann doch nicht vorbei - und nicht an diesem Wort aus dem Mund Jesu. Ein wenig ratlos war ich allerdings! Wo, bitte schön, sollte ich dann erwarten, dass Gott mir begegnet und seine Herrschaft beginnt?
Sie ahnen es schon: Ich habe noch einmal in meine Bibel hineingeschaut und auch den letzten Satz noch gelesen: «Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.» - Ich schaute mich zuerst schüchtern um, ob wohl jemand die bei mir aufsteigende Blässe gesehen hat. Aber ich war ja allein! Dann las ich noch einmal: «Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.» - «Soll das dein Ernst sein, Herr Jesu», habe ich fragend vor mich hingemurmelt. «Bist Du ganz sicher?»
Eben wollte ich wieder mit meinen vielen Einwänden loslegen, weshalb das ja wohl bei uns in unserer Gemeinde sicher nicht der Fall sein könnte, da krachte mein frommer Polstersessel mit einem Schlag auseinander. Ich schaute erschrocken auf die Uhr und stellte fest, dass in 10 Minuten bei uns der Gottesdienst beginnt. Zu Fuss bin ich zur Kirche gegangen. Sie werden es nicht glauben, die erste Reihe (von hinten) war schon ganz besetzt. Ich aber bin frohen Herzens weiter nach vorne gegangen. Dort habe ich mich neben eine Frau gesetzt, die schon immer da vorne sass. Wir kamen nach dem Gottesdienst in ein Gespräch. Sie hat mir ein wenig von sich erzählt - und ich habe ihr von mir erzählt. So lange war ich, glaube ich, noch nie nach dem Gottesdienst dageblieben. Als ich mich von der Frau verabschiedete, habe ich mich bei ihr bedankt. Ich glaube, sie hat gar nicht recht verstanden, wofür. Macht nichts. Daheim habe ich erstmal meinen Polstersessel rausgeschafft. Den brauche ich nicht mehr. Ab heute bin ich nicht mehr Zuschauer, sondern «Teilhaber» und Mitarbeiter!

Links:

Eine Predigt zum Bibeltext Lukas 17, 20-21

Lukasevangelium in griechischer oder lateinischer Sprache

Der Bibeltext in der Gutenberg-Fassung



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