Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 19/2001 September - 19.09.2001   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Die Familie Rüfenacht bewirtschaftet einen kleinen Hof im Emmental und macht beeindruckende Erfahrungen mit Gott.

Einfach Gott vertrauen

von Andy Schindler-Walch

„Sommer wars, nach dem Heuet ungefähr, denn die Wiesen waren frisch gemäht, und im Felde stund noch das Korn. Gegen Abend gings, aber noch brannte die Sonne heiss, und dunkle Wolken stocketen am Himmel.“ So fängt eine Geschichte von Jeremias Gotthelf an. Und der bekannte Schweizer Schriftsteller aus dem Emmental kam mir in den Sinn, als ich Erika und Jakob Rüfenacht und ihre Kinder auf ihrem Bauernhof auf der Moosegg besuchte.
Moosegg ist ein Hügelzug oberhalb Biglen, ungefähr zwischen Worb und Langnau im Emmental (siehe Karte) und gehört zur Gemeinde Lauperswil. „Du kannst es nicht verfehlen. Es ist der einzige weit und breit mit einem weissen Silo hinter dem Haus,“ hatte mir Erika am Telefon gesagt. Und tatsächlich fand ich den Bauernhof, der sich eng an den Hang drückt. Eine kurze und steinige Strasse führt zum Hof hinunter. Ohne ein Auto mit Allradantrieb kommt man im Winter nicht mehr auf die Hauptstrasse zurück.
Was führt mich zu dieser Familie? An einer Hochzeit im letzten Winter lernte ich zufällig das Ehepaar Rüfenacht kennen und es erzählte mir vom Leben auf dem Bauernhof und von ihren Erlebnissen mit Gott. Nicht nur, was sie erzählten, sondern auch, wie sie es erzählten, beeindruckte mich. In einfachen Worten schilderten sie Geschichten, die man in dieser Form normalerweise nur in Missionsberichten aus Afrika oder Asien liest. Gott wirkt an vielen Orten in dieser Welt und sei es auf einem Bauerhof auf der Moosegg. Ich wollte darum mehr von Familie Rüfenacht und ihrem Leben wissen.
Herzlich werde ich von Erika begrüsst. Jakob ist noch im Stall. Gleich in der Küche wird mir bewusst, dass ich mit meinem Körpergrösse von 1.88 m eindeutig zu gross bin. Nur in leicht gebückter Haltung kann ich mich im Raum bewegen. Neben der Küche befindet sich ein grösserer Nebenraum, in dem Erika alle 14 Tage Sonntagsschulunterricht für die reformierte Kirche gibt.
Erika arbeitet in der Küche, die eine besondere Art von Gemütlichkeit ausstrahlt. Viel Holz, ein Fliegenfänger, Kinderzeichnungen und ein Kalender an der Wand mit dem Spruch: „Die Welt lebt von Taten, die Gott durch uns tut. Zu Tat und Gehorsam gib Glauben und Mut.“ Taten, Glauben und Mut sind auf dem Bauerhof der Familie Rüfenacht wahrhaftig keine leeren Worte.
Es braucht Mut, einen solchen Betrieb zu führen, denn er ist klein. Dass heisst, ca. sieben Hektaren Land in steiler Lage. Dazu werden in der Regel etwa 6 bis 8 Kühe und einige Kälber gehalten. „Eigentlich wollte ich nicht in der Landwirtschaft tätig sein. Manchmal fühle ich mich auch heute noch nicht als Bauer,“ sagt Jakob. Er hat den Bauernhof seinem Vater zuliebe übernommen. Momentan sehen sie dies als Aufgabe und Berufung. Seit 18 Jahren bewirtschaftet Jakob Rüfenacht, 40, seit dem Jahr 1987 zusammen mit seiner Frau Erika, 37, den Hof, der vor ihm sein Vater mehr als 40 Jahre geführt hatte. Die beiden haben drei Kinder: Debora,12 Jahre, Raphael, 9 Jahre, und Nicole, die 6 Jahre alt ist. In einem Anbau wohnt noch die betagte Mutter von Jakob, sein Vater ist gestorben. Die Familie gehörte einer Mennoniten-Gemeinde an, seit einiger Zeit besuchen sie nun die EMK-Gemeinde in Langnau i.E.
Das Leben auf einem solchen Bauernhof im Emmental ist hart. Es ist anstrengend, diese steilen Hügel zu bewirtschaften. In Jakob steckt das Talent eines technischen Tüftlers. Immer wieder gelingt es ihm, landwirtschaftliche Maschinen und Geräte technisch so umzubauen, dass sie dem Hof und der besonderen Steillage seines Lands nützen. Als ich einige Fotos von Jakob auf dem Traktor mache, staune ich über seinen Mut, in dieser Schräglage zu fahren und das Heu einzusammeln. „Manchmal bekomme ich auch noch Herzklopfen,“ sagt er. Gefährlich ist eine solche Fahrt dann, wenn der Boden nicht ganz trocken ist. Zwei Mal hat sich ein Fahrzeug schon überschlagen, doch wie durch ein Wunder ist niemand dabei ernsthaft verletzt worden.
Wer nun denken könnte, die Familie sei konservativ und hinterwäldlerisch, täuscht sich gewaltig. Jakob und Erika sind Menschen, die in der heutigen Zeit leben und moderne Ansichten vertreten. Dies zeigt sich nicht nur am Computer, den ich im Nebenraum sehe und mit dem Jakob gegen einen kleinen Verdienst die Buchhaltung für eine Reihe von Bauern macht.

Taten statt nur Worte
Die Familie Rüfenacht ist nicht reich. Trotzdem ist sie nicht arm, sondern reich an Erfahrungen mit Gott und mit Menschen. Am Küchentisch erzählen mir Erika und Jakob mehr darüber.
Kurz bevor Jakob den Bauernhof von seinem Vater übernahm, machte er eine wichtige Erfahrung. Zusammen mit anderen jungen Christen hatten sie eine Gruppe gegründet, die sich „Holzchöle“ nannte und sich alle paar Monate traf. Die Gruppe tauschte persönliche Erlebnisse aus und betete für einander. Zu jener Zeit hatte Jakob wegen dem Betrieb finanzielle Sorgen. Die „Holzchöle“ halfen mit dem nötigen Geld aus, so dass er diese schwierige Zeit überbrücken konnte. „Für mich war dies eine enorm tiefe Erfahrung. Ich hatte zuerst Mühe, diese Hilfe anzunehmen, da ich eher ängstlich und etwas geizig geprägt war. Es war für mich eine gute Schule, weil ich lernte, von anderen anzunehmen und dadurch frei zu werden, selbst etwas weiterzugeben“ erzählt er und fügt an: „Ich begann, den zehnten Teil zu geben und habe gestaunt, dass es mir in der Regel finanziell besser ging.“
In ihren Erzählungen legen Erika und Jakob Wert darauf, dass ihnen durch den Glauben nicht einfach alles gelang und es immer wieder schwierige Zeiten gibt. Trotzdem erlebten sie schon einiges mit Gott, das beeindruckend ist.
Als Erika zum ersten Mal schwanger war, hatten sie kein Geld auf dem Konto und wussten nicht, wie sie die nötigen Kleider oder einen Kinderwagen kaufen sollten und erzählten es niemandem. Eines Abends kamen sie nach Hause und vor der Tür stand ein Kinderwagen voller Kleider, ohne dass sie wussten, woher dieser gekommen war.
Oder als Jakob in jener Zeit via Inserat für 18 Wochen eine Person suchte, die ihm während des Sommers auf dem Bauernhof helfen könnte, bezahlte eine fremde Frau, die er nicht kannte, den Lohn für diese Person. Sie hatte das Inserat gelesen und gespürt, dass sie hier ihren „Zehnten“ geben möchte. Drei Männer halfen nacheinander während des Sommers und das Geld reichte genau für die 18 Wochen.
Oder als Erika und Jakob eines Tages wieder ihren „Zehnten“ Gott geben wollten, da verfügten sie gerade nicht über die finanziellen Möglichkeiten, dies auch noch zu tun. Darum beteten sie dafür. Kurz danach betrat Jakob den Hauseingang und ihm fiel ein Couvert vor seine Füsse, darin war genau der Betrag, um den sie gebetet hatten. Damit unterstützten sie zwei Familien, die in ähnlichen finanziellen Schwierigkeiten steckten. „Sicher war die Versuchung da, es für unsere eigene Not zu brauchen, aber wir haben uns doch gefreut, dass wir das Geld weitergeben konnten,“ erzählt Jakob in einfachen Worten.
Doch die Familie Rüfenacht tat noch mehr: So haben sie, durch die Vermittlung von verschiedenen Organisationen, immer wieder für eine gewisse Zeit Menschen, vor allem ehemalige Drogensüchtige, aufgenommen, um diesen zu helfen, wieder im Leben Tritt zu fassen. Total waren es ungefähr fünfzehn Personen, mehrheitlich Männer. Manche blieben einige Wochen, andere ein bis zwei Jahre. Einer von ihnen ist heute in der Mission tätig. Auf meine Frage, welche Auswirkungen diese Zeit für sie hatte, ist ihre Antwort: „Wir wollten es aus dem Herzen machen. Unsere Hilfe war ein Mosaikstein auf ihrem Weg.“
Wie sieht nun die Zukunft von Familie Rüfenacht aus? Im Gespräch sagt Jakob, dass er mit seinen 40 Jahren nun langsam spüre, wie seine Kräfte abnehmen, um einen solchen Hof zu bewirtschaften. Darum sind jetzt Fragen offen. Sollen sie beide weiter in der Landwirtschaft tätig sein, oder etwas anderes tun? Und wenn ja, was? Es sind Fragen, die sie beschäftigen. Doch die beiden halten an Gott fest: „Es ist wieder ein Lernen, auf Gott zu vertrauen und ihn zu fragen. Aber auch selber weiter zu sehen und Entscheidungen zu fällen. Wir können uns auf dem, was wir erlebt haben, nicht ausruhen.“

Das nächste Kirche+Welt-Magazin bzw. das nächste Update unserer Homepage erscheint am 24. Oktober 2001.

Links:

Emmental

Jeremias Gotthelf

Im Sommer 2001 wurde auf der Moosegg ein Gotthelf-Stück aufgeführt

Bilder von den Lothar-Schäden auf der Moosegg



-----------
Bitte senden Sie Ihre Bemerkung an die folgende Mailadresse:
"redaktor at kircheundwelt punkt ch".