Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 22/2001 November - 09.11.2001   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Gott ist nicht schwerhörig - aber manchmal sind wir es

Ist Gott schwerhörig?

von Markus Lindenmann

Die Frage, ob Gott schwerhörig sei, mochte sich Maria B. oft gestellt haben. Sie ging bereits gegen 90. Ihr Leben lag hinter ihr. Sie war seit vielen Jahren verwitwet. Kinder waren ihr versagt geblieben. Nun lebte und betete sie fast nur noch für ihren Bruder.
Jakob hatte die 90 bereits um ein paar Jahre überschritten. Er war zeitlebens ein Sonderling gewesen und wich den Menschen aus, wo immer er konnte. Wenn dies nicht möglich war, verhielt er sich brummig und abweisend und immer kurz angebunden. Mit niemandem liess er sich auf ein Gespräch ein. Seit ihn kurz nach der Konfirmation sein Pfarrer wegen eines Jugendblödsinns in Grund und Boden gedemütigt und ihm die Hölle angedroht hatte, hatte er keine Kirche mehr betreten. Um Pfarrer machte er einen weiten Bogen – mir gab er wenigstens einen Gruss bevor er das Zimmer verliess, wenn ich seine Schwester besuchte.
Seit bald 80 Jahren betete Maria B. täglich inständig, dass Jakob zum Glauben an Jesus Christus kommen und Frieden finden dürfe. Im Blick auf sein Alter wurde für sie die Zeit dafür knapp. Warum erhörte Gott ihre Gebete nicht? War Gott schwerhörig?
Dann lag Jakob im Sterben. Ich wurde an sein Sterbebett gerufen. Er reagierte nicht auf mich. Doch in der langen Zeit, die ich neben ihm sass und still betete, in dieser Zeit betete auch Jakob. Mit gut verständlicher Stimme kamen Lieder Paul Gerhards über seine Lippen. "Hab ich doch Christum noch, wer will mir den nehmen!" Lied um Lied hat Jakob als Gebet gesprochen. Er wiederholte sich nicht. Ein reicher Schatz an Liedern, an Gebeten hat ihn über 80 Jahre lang erfüllt, blieb in ihm verschlossen und hat ihn dann in den Tod begleitet. Jakob ist betend gestorben.
Nein, Gott ist nicht schwerhörig. Nur wir merken oft nicht, wie er und wen er hört. Und besonders nicht, wie er in eine verkrustete Seele hinein wirken und sie sich bewahren kann. Und blind sind wir oft auch dafür, dass andere Menschen Geborgenheit in Gott ganz an-ders erleben, als dies uns selber geschenkt ist.

Ist Gott schwerhörig? Es fägt!
Wir haben der Gruppe von jungen Leuten unsere Kapelle zur Verfügung gestellt, nachdem ihr zuvor benutzter Raum zu klein geworden ist. Ich habe einzelne Male hinein gehört in ihre Zusammenkünfte, von denen sie versprachen "es fägt!" Lobpreis und Anbetung pflegten sie, immer mit Schlagzeug, mit massiven Verstärkern in einer Lautstärke, die mir selber Ohrenschmerzen bereitete. Ist Gott denn schwerhörig, so fragte ich mich dann, dass man ihn im Gebete anschreien muss. Die ungezählten Wiederholungen der immer gleichen Worte liessen mich innerlich nicht zu einer Ruhe finden, in der ich eigene Gedanken in das Gebet einbringen konnte. Sie brachten mich innerlich zum verstummen. Sie schlossen mich aus. Sie nahmen mich nicht mit zu Gott.
Einer andern Gruppe habe ich die Frage gestellt, wie viel wohl von ihrer gesungenen Bot-schaft die Zuhörer erreiche, da die Lautstärke ihrer Musik ein Verstehen der Worte ja un-möglich mache. Ich erhielt keine Antwort. Vielleicht gehen ja tatsächlich, wie dies behauptet wird, auch unverstandene und kaum real wahrgenommene Worte weiter und bewegen schliesslich auch das Herz.
Ich versuche zu verstehen, dass eine andere Generation andere Zugänge zu Gott findet und ich wohl auch hier einfach ein wenig blind bin für die Art, wie Gott andere Menschen bewegt, als ich dies selber erleben darf.

Ist Gott schwerhörig? Ich bezweifle dies?
Da ist das verheissungsvolle Wort aus Jesaja 65,24 "Es soll geschehen: ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören." Und da ist die Geschichte des Propheten Elia auf dem Horeb, dem Gott nicht im Sturm, nicht Erdbeben und nicht im Feuer begegnete, um mit ihm zu reden, sondern in einem stillen Sausen (1. Könige 19). Und da sind die Berichte jener biblischen Gestalten in der Stille der Wüste unter Fasten und Beten von Gott angesprochen, ausgerüstet zu ihrem Dienst bevollmächtigt wurden. Und da ist auch Jesus selbst, der immer wieder Ort der Stille aufgesucht hat, ums sich für seinen Dienst vorzu-bereiten.
Gott redet am eindringlichsten in der Stille. Er ist nicht schwerhörig – aber manchmal sind wir es. Wir leben in einer lauten Zeit und wir haben vielfach verlernt auf die leisen Töne zu achten. Und vielleicht sind wir oft auch einfach so von unseren eigenen Gedanken und Worten erfüllt, dass wir gar nicht merken, was Gott uns sagen will. Doch er antwortet auch heute, ehe wir rufen, und hört uns, noch während wir reden. Nur – einmal sollten wir selber dann schweigen und wirklich hören, nur hören und dann das Gehörte mit Freude in unsern Herzen bewegen, wie Maria in der Weihnachtsgeschichte (Lukas 2,19).

Links:

Spiritualität und Religion bei Bewältigung des Hörverlustes

Eine kirchliche Jugendband über laute Musik

Gehörlose und Humor



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