Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 10/2001 Mai - 10.05.2001   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Gedanken zu einer vergangenen Sprache von Gott

Mein Gott sitzt nicht mehr auf einem Thron

von Robert Seitz

An Gott, der nicht mehr auf einem Thron sitzt, glaube ich. Er wäre einsam dort oben. Er wäre mir zu weit weg und er wäre mir gleichzeitig zu banal und was soll das: auf einem Thron sitzen? Das haben doch die mächtigen Könige und Beherrscher dieser Welt getan: über den Menschen gesessen, Jahrtausende lang, anstatt mit ihnen zu leiden und mit ihnen zu lachen. Und die armen Menschen mussten vor ihnen auf die Knie gehen, ihr Antlitz in den Staub beugen und anbeten. Und sie wussten nichts anderes, als dass die Herren auf dem Thron Halbgötter, wenn nicht sogar Götter waren. Zu wenig Anbetung konnte schreckliche Folgen haben. Die Halb- und Ganzgötter lebten von der Anbetung ihrer Erdenkinder, sie waren sozusagen süchtig nach ihrer Anbetung. Angeredet werden wollten sie mit Titeln wie Allmächtiger, Herrscher, Herr. Und als Herren herrschten sie herrschaftlich. Es waren Götter, die sich in der Anbetung der Geschöpflichen sonnten. Sie scheuten sich keinen Augenblick, ihre Waffen segnen zu lassen vom Allmächtigen. Dich, meinen Gott, muss ich nicht so anbeten. Ja, ich bin mir nicht einmal sicher, ob du überhaupt so angebetet werden willst. Ich bete das Liebste, was ich auf Erden habe, meine Frau und Weggefährtin, ja auch nicht so an: Ich sage nicht zu ihr: Meine Frau, ich lobe dich und bete dich an, ich lobpreise dich, herrlich bist du und die Schönste aller Schönen. Meine Liebste wäre doch ziemlich verwirrt und verlegen,wenn ich sie so anredete. Sie würde mir wahrscheinlich sagen: Hör auf mit diesem Schmus, was soll das. Hilf mir lieber, den Wasserhahn zu reparieren oder umarme mich. Das Liebste und Schönste kann nicht so angebetet werden. Es will umarmt werden und es will sich vom Liebsten und Schönsten umarmen lassen. Ein herrschendes Wesen auf einem Thron kann nicht umarmt werden.












Mit dem Satz, ich bete dich an und lobpreise dich, Herrlicher auf deinem Thron, kann ich mein Herz nicht erwärmen. (Das ist übrigens mein Problem mit einem Teil der Lobpreisliteratur). Ich sage lieber: Gott, deine Menschlichkeit bewegt alle meine Sinne und berührt mich zutiefst. Meine Gott ist ein Gott der Umarmung in tausend Freundlichkeiten, ein Gott, der mit mir im elenden Strassengraben dieser Zeit kniet und ausharrt. Ich sage zu ihm: Mein Gott, umarme mich auch heute und ich will es auch tun. Ich lobe und erhebe ihn nicht in den Himmel hinauf, sondern ich ziehe ihn auf meine Erde hinunter und ich darf das, weil er im Christusgeheimnis schon lange da ist. Du, mein Gott, bist endlich, nach vielen triumphierenden und rächenden Göttern kein triumphierender Gott. Gottlob auch kein Gott der Siegesmärsche und der Fahnen. Als ob du je so siegen würdest wie wir Menschen. Du bist nicht der Gott von Armaggedon, denn du zitterst aus Liebe zu uns allen jetzt schon, wenn du an solche Schlachten zwischen Menschen denkst.Ich bin mit keinem Herrscher auf Erden zu vergleichen, sagt mein Gott. Ich bin überhaupt kein Herrscher. Ist es nicht ein schreckliches Wort in eurem Mund? Und wenn schon Herrscher, wie ihr mich oft nennt, dann ist das genau das Gegenteil von dem, was ihr Menschenkinder unter herrschen versteht. Und weil ich kein Herrscher bin, darum sollt ihr auch nicht herrschen übereinander, Gerade meine kommende Welt hat nichts mit herrschen zu tun.
Seit dem dritten Reich hat die Vorstellung vom herrschenden Gott auf dem Thron endgültig ausgedient. Seit der "Allmächtige", wie Gott damals gerne genannt wurde, den Sieg an Hakenkreuzfahnen geheftet hat, ist dieses Gottesbild unwiderruflich nicht mehr auszuhalten. Ja, die Frage ist gestellt: Wie können wir angesichts des Schreckens im dritten Reich, das uns solange die Welt noch besteht zum Verstummen bringt, wie können wir angemessen von Gott reden? Die Allmacht Gottes ist etwas ganz anderes als unsere Allmachtsphantasien. Dietrich Bonhoeffer hat uns in darauf hingewiesen: "Nur der leidende Gott kann helfen" (in ?Widerstand und Ergebung?).
Mein Gott, erlöse uns, dich in solchen vergangenen Bildern unserer eigenen Grausamkeit zu sehen und zu malen. Erlöse uns, dich in solchen Bildern zu loben und zu preisen!
Und wenn sie sagen, so steht es aber im Buch der Bücher, wenn sie dich lieblos und kleingläubig auf dein Buch festlegen, dann lehre sie die Einsicht: dieses beste aller Bücher ist gefärbt von alten Zeiten. Und vor allem: lehre sie es mit den Augen deiner Liebe zu lesen.

Gott, nicht Herrscher, sondern Quelle des Lebens
Gott, nicht Herr, sondern Freund und Freundin
Gott, nicht Allmächtiger, sondern mächtig in der Liebe
Gott, nicht Traumbild starker Männer,
sondern wahres Angesicht des Menschen
Gott, nicht Sieger fahnenschwingend, sondern Weggefährte in der Nacht
und Erlöser der Herzen.

Links:

Begriffe rund um die Sprachkritik

Die ganz andere Sprache der Jesusfreaks

Über die Sprache u.a. im Buch "Trends 2000" (Der Zeitgeist und die Christen) von Stephan Holthaus, zusammengefasst von Felix Ruther

Vorstellung von Talk-Abenden oder Wie kann man über den Glauben reden?

Kirchenkommunikation in den USA : Auf dem Weg ins Electronic Age



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