Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 12/2001 Juni - 07.06.2001   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Seit dem 9. Mai 2001 gibt es im Spital Einsiedeln das Babyfenster. Es ist in der Schweiz die erste anonyme Abgabestelle für Mütter, die ihr Neugeborenes nicht behalten wollen oder können. Dazu ein kritischer Kommentar.

Babys sind keine Wegwerfware

von Markus Lindenmann

Ja, ich bin total schockiert. Da wird ein Babyfenster eingerichtet, in dem man unerwünschte Neugeborene wie eine unbestellte Ware abgeben kann. Die Einrichtung wird als soziale Nothilfe für Mütter proklamiert, die durch eine unerwünschte Geburt in eine so extreme Notlage geraten, dass sie ihr Kind weggeben wollen. Es ist dies eine offizielle und als sozial-ethisch verantwortbar verkaufte Einladung zur Aussetzung von Kindern. Eine für mich jenseits wirklich sozialer und ethischer Hilfsangebote stehende Un-Möglichkeit.












Absolut schockierend ist für mich, dass dieses Babyfenster in Einsiedeln ausgerechnet von der "Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind" angeboten wird, die sich so vehement gegen die Fristenlösung einsetzt. Die Fristenlösung, welche die Möglichkeit einräumt, eine Schwangerschaft innert der ersten 12 Wochen ungestraft abzubrechen, ist kaum mit christlicher Ethik vereinbar. Der leidenschaftliche Einsatz dagegen ist deshalb verständlich und für viele Christen eine wichtige Sache. Das Argument, ungeborenes Leben darf nicht getötet werden, ist stichhaltig. Christliche Lebenshaltung und christliches Lebenszeugnis müssten glaubhafte und einladende Botschaft sein, die dem Leben erste Priorität einräumt.
Was aber bietet das Babyfenster an? Es bietet das seelische Töten des bereits geborenen Kindes an. Kinder, die von Geburt an ihrer Herkunft beraubt werden, wird damit ein entscheidendes Stück ihrer Lebensfähigkeit und Lebenskraft entzogen. Die Dramen von Menschen, die so oder ähnlich von ihren Wurzeln abgeschnitten wurden, sind ohne Zahl. Schwerste Psychosen, oft lebenslange Lebensunfähigkeit, oft der Suizid sind die Folgen. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Ist das wirklich die ethisch verantwortbare Alternative zur Fristenlösung? Oder wird da nicht einfach dem bereits geborenen Menschen das angetan, was man dem ungeborenen keinesfalls antun sollte?
Der neueste Bettelbrief der Aktion ist mit doppelter Zahlungsbitte versehen, für das Referendum und für das Babyfenster. Selbstverständlich kann man ankreuzen, wofür man spenden will. Und dennoch werde ich den Verdacht nicht los, das Babyfenster müsse vor allem dazu dienen, den sonst versiegenden Strom von Spendengeldern für das Referendum wieder mehr zum fliessen zu bringen. Das Babyfenster ist grundsätzlich eine ethisch so fragwürdige Sache, dass ich es mehr als Notangebot im Blick auf das Referendum, denn als Notangebot für Betroffene betrachten muss. Warum dies?
Die bisherigen Regelungen im Blick auf den Schwangerschaftsabbruch, die mittels des Referendums erhalten bleiben oder wieder strenger gehandhabt werden sollen, haben der Tötung des ungeborenen Lebens nicht entgegenwirken können. Erst die in den letzten Jahren geduldeten Lockerungen hatten einen gewissen Rückgang zur Folge. Die illegalen und für die Mütter oft mit bleibenden Schäden oder dem Tod verbundenen Schwangerschaftsabbrüche sind praktische verschwunden. Länder, welche die Fristenlösung eingeführt haben, melden zum Teil einen markanten Rückgang, Schweden 2,2 %, Deutschland 11,5 %, Norwegen 17 % weniger Schwangerschaftsabbrüche. Nehmen solche Zahlen den Gegnern zu sehr den Wind aus den Segeln?
Noch etwas macht mir Mühe. Die neueste Post der "Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind" kommt ohne Absender. Lediglich eine Postfachnummer ist zu finden. Weshalb wohl? Bei Firmen, die so ihre Post versenden, ist die Absicht klar: Rücksendungen sollen für alle erschwert werden, die dem Absender nicht mehr ganz trauen. Ich finde es bedauerlich, dass eine so betont christliche Aktion die Praktiken zweifelhafter Firmen übernimmt und nicht mehr zu ihrem Absender stehen kann.

Links:

Artikel bei Bluewin über das Babyfenster

Weiterer Artikel über das Babyfenster bei Medpoint

Die Homepage vom Babyfenster auf dem Internet

Eine deutsche Homepage für zukünftige Mütter und junge Eltern



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