Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 16/2001 August - 08.08.2001   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

In der letzten Zeit häufen sich die Stimmen von Christen, die sich besorgt über den Zustand unserer Schulen äussern. Der Hintergrund ist oft eine tiefe Sorge um einen zunehmenden Zerfall. Berechtigte Anfragen oder Verleumdung?

Schule am Abgrund? - Ein Beitrag zum neuen Schuljahr

von Stefan Moll

"Ich weiss Bescheid!" Wahrheitsgehalt: hat was

Alle Leser von Kirche+Welt sind Schulexperten, sie kennen diese aus eigener Erfahrung und erleben die Schulkarriere der eigenen Kinder mit. So gesehen können alle mitreden. Aber oft liegt die eigene Erfahrung lange zurück und die Schulen haben sich stark verändert. Einzelerfahrungen gelten aber nicht gleich für alle Schulen. Negative Erlebnisse prägen sich viel nachhaltiger ein als positive. Das alles schränkt die Wahrnehmung ein. Mit Aussagen über die Schule sollten wir darum sorgfältig umgehen.

"Kinder können gar nicht mehr richtig erzogen werden, weil die Lehrer nicht einmal mehr eine Ohrfeige geben dürfen." Wahrheitsgehalt: null

Körperliche Gewalt als Erziehungsmethode ist strafbar. Dass die Kinder mal "eine hinter die Ohren nur gut tut", ist völlig falsch. Es ist auch nicht ein Rezept einer biblischen Erziehung, Kinder zu verprügeln. Schläge in der Schule (und im Elternhaus) waren noch nie eine brauchbare Erziehungsmethode. Sie sind eher ein Ausdruck für die Ratlosigkeit. Wenn in Schulen LehrerInnen die Kinder schlagen, ist das meist ein Hilfeschrei in einer verzweifelten Lage und als solcher ernst zu nehmen. Dass Schläge als Erziehungsmethode verboten sind ist ein Zeichen der guten Qualität unserer Schulen.

"Ausländer machen viel Probleme" Wahrheitsgehalt: minimal

Viele Kinder aus Ländern mit Kriegen haben Schreckliches erlebt. Ihre Eltern müssen sich in einer fremden Kultur zurechtfinden. Das schlägt sich im Verhalten nieder. Sprachschwierigkeiten der Kinder und der Eltern sind natürlich für die Schule von grosser Bedeutung. Schulen wie z. B. in Gerlafingen, wo die Hälfte und mehr Kinder "fremdsprachig" aufwachsen, können mit dieser Situation umgehen. Es gibt nicht mehr Gewalt als anderswo. Die Kinder nehmen die Zusammensetzung ihrer Klassen selbstverständlich an. Das Zusammenleben wird bewusst eingeübt und ein Verständnis für andere Kulturen gefördert. Vergleiche zeigen, dass die Schüler solcher Klassen einen ebenso guten Wissensstand haben wie Schüler aus Klassen mit ausschliesslich deutschsprachigen Kindern. Untersuchungen zeigen, dass Behörden und Lehrkräfte aber fremdsprachigen Kindern weniger zutrauen. So werden sie leichter zurückversetzt oder beim Übertritt in die Oberstufe schlechter eingestuft. Leider zeigt die Praxis, dass fremdsprachige Kinder für schulischen Erfolg mehr kämpfen müssen. Fremdsprachigkeit wird als Manko eingestuft. Es wird viel zu wenig beachtet, dass diese Kinder im Grunde genommen nicht fremd- sondern mehrsprachig aufwachsen.

"Die "antiautoritäre" Erziehung der heutigen Schulen verzieht die Kinder." Wahrheitsgehalt: kaum nachvollziehbar

Das Wort "antiautoritär" wird leichtfertig gebraucht. Das Wort war 1968 zum Schlagwort geworden. Es stellte ein falsch verstandenes Autoritätsgehabe bloss. In der Modellschule in Summerhill (GB) war der Verzicht auf autoritäre Führung von Kindern Teil der Erziehung. In vielen Nachahmungen wurde aber unter diesem Stichwort dann auf die Erziehung verzichtet und die Kinder dem Recht des Stärkeren überlassen. In der Volksschule werden Kinder aber nicht einfach sich selbst überlassen. Es werden ganz verschiedene pädagogische Stile angewandt, meist mit Erfolg. Kinder müssen heute mit mehr Freiheiten umgehen lernen als früher. Sie müssen mehr Verantwortung übernehmen. Gerade das aber erweist sich als sehr wichtig und lehrreich. Ich meine: Ein autoritärerer Erziehungsstil ist heute zum Glück in den meisten Schulzimmern out; aber von antiau-toritärer Erziehung ist die Schule meilenweit entfernt. Tendenziell werden eher Strafen wieder salonfähig.

"Die Schule ist esoterisch unterwandert" Wahrheitsgehalt: manchmal

Grundsätzlich gilt: die Schule ist religiös neutral. Das gilt auch gegenüber der Esoterik. An der Volksschule geht aber keine tiefgreifende gesellschaftliche Strömung spurlos vorbei. So kommt es vor, dass manche Lehrerkräfte esoterische Rituale einführen oder etwas mit esoterischem Hintergrund aufnehmen. Eine explizite Unterweisung in Esoterik müsste aber in den kantonalen Schulge-setzen ausgeschlossen sein. Christliche Eltern können mit ihren Kindern gut über solche Dinge sprechen und ihnen sagen, dass sie etwas anders sehen. Auch mit den LehrerInnen kann das Gespräch gesucht werden. Dabei bringt es mehr, Fra-gen zu stellen, statt auf den Tisch zu klopfen. Und es muss auch gesagt werden, dass nicht alles, was feinfühlig und behutsam gemacht wird, auch gleichzeitig esoterisch sein soll. Ein Mandala zu malen ist z. B. unproblematisch. Warum nicht in Kreisen malen? Schwierig ist so etwas erst, wenn Kinder durch das Malen "Gu-tes bewirken sollen". Die Angst vor gefühlvollen Elementen im Unterricht ist unbegründet. Sie entsprechen den Kindern.

"An den Schulen gibt es immer mehr Gewalt" Wahrheitsgehalt: trügerisch

Ohne Zweifel gibt es an der Schule Gewalt, wobei sie häufiger von der Lehrkraft ausgeht als von Schülern (Krumm/Lamberger/Haider 1996). Dennoch steht fest, dass Gewalt ein verbreitetes Übel ist. Man ist heute aufmerksamer geworden. Der Katalog der Gewalt ist erweitert worden. Mobbing zwischen Lehkräften und Schülern sowie unter den SchülerInnen hat es aber schon immer gegeben. Nur hat sich früher niemand darum gekümmert. Ob die Gewalt heute tatsächlich zunimmt, ist fraglich. Richtig ist, dass es ganze Schulhäuser gibt, die von einer Welle der Gewalt erfasst werden. Auch für Schulen gilt, dass Gewalt von Rechts an Bedeutung gewinnt.

Volksschule oder Privatschulen?
Immer wieder kommt der Ruf nach Privatschulen. Verständlich, denn die Eltern wollen ihren Kindern die zentralen Werte vermitteln. Dieser Wunsch hat aber jede gesellschaftlich Sondergruppe - und die Christen sind zu einer Minderheit geworden. Die Nachteile einer vermehrten Förderung von Privatschulen sind gravierend. Es werden dann nicht nur christliche, sondern auch esoterische und sektiererische Schulen entstehen. Das führt zu einer Radikalisierung und zu einem Auseinandertriften der Gesellschaft. Kinder sollen meines Erachtens nicht in einem "chemisch reinen" Werteklima aufwachsen, sondern sich an Auseinandersetzungen und Konflikte gewöhnen. Das ist ein wichtiger (und lustvoller) Teil des Lebens.
Privatschulen werden, auch wenn sie staatlich gefördert werden, zu einem Zweiklassensystem führen: Wohlhabende Eltern können sich die Privatschule leisten, weniger bemittelte dagegen nicht. Man würde seine Kinder "mit den guten Kindern und Lehrern" zusammentun. Blieben für die Volksschule die "unguten" - eine schauerliche Vorstellung! Privatschulen erfüllen ihren Zweck heute durchaus. Sie bieten Kindern, die mit den Möglichkeiten der Volksschule nicht mehr angemessen gefördert werden können, eine gute Ausweichmöglichkeiten. Solche ausserordentlichen schulischen Massnahmen sollten vermehrt genützt werden. Ein Ghetto-Schulsystem dagegen birgt grosse Gefahren in sich.



Links:

Gewalt in der Schule - auch von Lehrern

Schule und Elternhaus Schweiz

Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer

NZZ-Folio August 2001 zum Thema Kinder

Alles rund um die Familie - eine Homepage aus Deutschland

Grosse Linksammlung aus Deutschland zu Themen wie Kind, Schule, etc.



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