Kirche + Welt Internet Ausgabe

Kirche und Welt - Nr. 08/2001 April - 02.04.2001   Zurück zur Übersicht   Kirche und Welt abonnieren

Die wechselnden Jesusvorstellungen in der Geschichte der Christenheit

Jesus – wer ist dieser Jesus?

Jesus Christusvon Markus Lindenmann

Was haben wir Menschen aus dem Rabbi Jesus von Nazareth, den uns die Bibel als Gottessohn bezeugt, gemacht? Ich sage bewusst wir, weil wir alle uns unser Bild von Jesus so einfärben, wie es sich am besten mit unserm Glauben und unsern Erfahrungen mit ihm verträgt und uns in unserm Glauben begründet und bestätigt. Ausgangspunkt ist das Neue Testament, zumindest behaupten dies alle, die sich ein Bild von diesem Jesus machen. Und das tun wir Menschen, seit er vor 2000 Jahren gelebt hat.
Paulus ist der früheste Zeuge. Sein Jesusbild betont vor allem die Ereignisse um dessen Tod und Auferstehung und Gottes Heilswirken darin. Die Evangelien zeigen uns Jesus als Lehrer und Wundertäter. Die ersten Jünger sahen in ihm nach Joh 1 den im Alten Testament Verheissenen. Die Offenbarung stellt ihn als den im Himmel Herrschenden dar. Jeder der dort genannten sieben Gemeinden begegnend er so, wie es der Situation der Gemeinde entspricht. Durchzogen wird das ganze Neue Testament vom Evangelium, das im Kreuz seinen Angelpunkt hat und das uns sagt, der Tod Jesu war der eigentliche Zweck seines Lebens.
In den ersten Jahrhunderten beginnt sich die christliche Gemeinde vom jüdischen Ursprung zu lösen. Im Alten Testament werden die Belege gesucht, die Jesus als den Verheissenen ausweisen. Im Blick auf die Dreieinigkeit werden Aussagen, die sich im Alten Testament auf Gott beziehen, wie der Herr ist König, auf Jesus bezogen. Die Gemeinde versetzt sich anstelle Israels in die Rolle des auserwählten Volkes. Und sie erwartet ihren im Himmel herrschenden König als den Wiederkommenden, der seine Herrschaft über die Reiche der Welt aufrichten wird. Denn es sind die Reiche der Welt unseres Herrn und seines Christus geworden, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit (Offb 11,15). Mit dieser konkreten Erwartung setzte sich die Gemeinde bei den Herrschern der Welt in die Nesseln. Ihnen war das erwartete Königtum dieses Jesus ein Dorn im Auge. Die Gemeinde wurde verfolgt und in der Verfolgung wurde ihr Jesus zum Vorbild im Leiden.
Ein Christusbild prägte für Jahrhunderte die Kirche und die Welt. Es ist verbunden mit der Bekehrung Kaiser Konstantins zum Christentum. Er liess in der Schlacht gegen Maxentius aufgrund einer Vision das Christuskreuz auf die Kriegsschilder malen. Seine Sieg schrieb er Jesus zu. Christliche Kaiser herrschen seitdem im Namen und durch die Kraft dieses Jesus. Noch im 11. Jh. lässt sich Heinrich II., im 12. Jh. Heinrich der Löwe in der Krönungsdarstellung seine Kronen von Christus aufsetzen. Sie bezeugen damit die ihnen von Jesus verliehene Vollmacht – und ihr Recht, ihren Untertanen den christlichen Glauben vorzuschreiben. Nicht erfreut darüber waren die Päpste, welche die Bevollmächtigung durch Jesus lieber als ihr alleiniges Privileg gesehen hätten.
Gleichzeitig rückt der Titel der Logos ("das Wort" Joh 1,1) für den Jesus ins Zentrum, der den Weg und den Willen Gottes in der Welt offenbart. Christlicher Glaube und griechische Philosophie - beide kennen diesen Ausdruck - werden einander näher gebracht. Es wächst daraus das Bild des Christus, der über dem Universum herrscht. Seit dem 4. Jh. wird er auf dem Thron sitzend dargestellt, in der linken Hand das Buch des Lebens, die rechte segnend erhoben und damit zugleich seine Macht ausdrückend. Bekannt ist dieses Christusbild aus orthodoxen Kirchen, wo es alles überragend die Kuppeln ziert.
Das Konzil von Nicäa 325 hatte die Stellung Jesu als Sohn Gottes, als Logos und als Herr über dem Universum geklärt, oder anders was er als Licht der Welt war. Danach erst konnte Augustinus (354-430) formulieren, wozu er Licht der Welt und Menschensohn wurde. Augustinus hat zusammen gefügt, was Christus und die Erlösung möglich gemacht hat, und was Christus und die Erlösung nötig gemacht hat. Der Menschensohn ist sowohl das Bild der Gottheit als auch dasjenige der Menschheit. Er verbindet die beiden und verhindert den endgültigen Bruch zwischen Mensch und Gott.
Anfangs 6. Jh. wird der Aufruf "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach" (Mk 8,34) zur Charta der christlichen Mönche. Jesus wird zum Vorbild des Mönchtums. Dieses wird zum Weg, Sinn und Leben von Jesus zu verstehen. Um Jesu willen wird die Welt verneint. Das Ideal der Einsamkeit und des Zölibats, das Bekenntnis gegen eine christliche Lebensweise, die Konzessionen gegenüber dem römischen Imperium, wird zum Massstab auch für den Klerus gemacht. Mönche beginnen im Namen Christi Einfluss zu nehmen auf die ganze Kirche und über sie auch auf die Welt.
Renaissance und Humanismus gehen auf Distanz zur bisherigen vermeintlich gotischen oder heidnischen Dekadenz der mittelalterlichen Kirche, dies trotz Bewunderung für Jesus und Hingabe an ihn. Man beginnt die Bibel in ihrer Ursprache zu lesen, und löst sich von unrichtig übersetzten Texten in der lateinischen Vulgata. Erasmus von Rotterdam (1469 - 1536) verbindet mit dem Wort "Siehe ich mache alles neu" (Offb 21.5) den Gedanken: Was ist die Philosophie Christi, die er eine Wiedergeburt nennt, anders als die Erneuerung der gut geschaffenen Kreatur. Der wahre Mensch Jesus wird gesucht, um mit ihm das Bild des wahren Menschen zu finden. In Leonardo da Vincis (1452-1519) Abendmahl begegnet uns dieser Jesus als Freund, der sich von seinen Freunden verabschiedet.
Martin Luther (1483-1546) verkündet den Jesus, der zur Busse ruft, und der die Rechtfertigung allein durch den Glauben an Jesus schenkt. Die Menschlichkeit Jesu erkennt Luther als Spiegel des Ewigen. Lucas Cranach (1472-1553) stellt Jesus als Zeitgenossen der Reformation dar.
Jesusbilder werden mit der Zeit steril. Glaubende richten sich damit ein. Die Kirche hält ihre Schäfchen damit in einem Pferch festgeschriebener Denkmuster fest. Die Aufklärung bringt im 17. und 18. Jh. eine neue Rückbesinnung auf die Bibel. Jetzt wird der historische Jesus gesucht. Einzig die historisch fassbaren Fakten werden wichtig. Die Leben-Jesu-Forschung hat Hochkonjunktur. Die Wunder gleichzeitig Ausdruck und Begründung der göttlichen Kraft Jesu, werden in Frage gestellt.
Im frühen Methodismus haben zwei Jesusbilder ihr besonderes Gewicht, der erfahrbare Jesus und Jesus der Befreier. John Wesleys (1703-1791) Erlebnis am 24. Mai 1738 spiegelt das eine Bild. Wesley schreibt darüber: "Ich fühlte mein Herz auf seltsame Art und Weise ergriffen. Ich fühlte dass ich Christus vertraute, ganz allein der Erlösung durch Jesus Christus, und plötzlich hatte ich die Gewissheit, dass er meine, gerade meine Sünden hinweggenommen und mich vom Gesetzt der Sünde und des Todes befreit hatte." Ähnliche Jesuserfahrungen prägten die ganze Bewegung. Als Befreier wurde Jesus im sozialen Bereich erlebt. Durch seine Botschaft wusste sich Wesley zum Engagement für die sozial Benachteiligten, für die Sklaven, für die Menschen in den Kohlengruben getrieben. Soziale Umwälzungen waren die Folge. Dieses Jesusbild hatte Auswirkungen bis zu Martin Luther King (1929-1968) und seinem friedlichen Einsatz für die schwarze Bevölkerung der Vereinigten Staaten. Wer Jesus, dem Befreier, nachfolgt, erlebt jedoch auch die Konfrontation mit der herrschenden Gesellschaft.
Jesus – wer ist dieser Jesus? Jede Zeit hatte ihr prägendes Jesusbild. Unsere Zeit hat viele Jesusbilder. Lassen wir uns durch sie nicht in unsern Gewohnheiten einschläfern. Lassen wir uns heraus fordern, Jesus in seiner ganzen Grösse ernst zu nehmen. Lassen wir uns durch Jesusbilder, die uns nicht nahe liegen, neue Impulse geben, damit unser Glaube in Bewegung bleibt – zu seiner Ehre.

Quelle: Jaroslav Pelikan "Jesus Christus" – Erscheinungsbild und Wirkung in 2000 Jahren Kulturgeschichte. 1985. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Cornelia Hermanns. Buchclub Ex Libris Zürich.
Jesus Christus

Jesus Christus

Links:

Fearless - Ein Jesusfilmprojekt

Jesus in den Medien

Zum Film: The Last Temptation of Christ" von Martin Scorsese

Das Jesusbild des Koran

War Jesus schön oder häßlich?

Karl-Josef Kuschel: Jesus im Spiegel der Weltliteratur

Missionsbote der Gemeinde Gottes zum Jesusbild (PDF-Datei)

Bücher zum Thema - Wer ist Jesus Christus?

Hat Jesus gelacht?

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